Lesen – Die Deutschen und das Radfahren (B1)

Radfahren in Deutschland

Neun Prozent aller Wege legen die Deutschen bereits mit dem Fahrrad zurück  Copyright: ADFC - Marcus GlogeNeun Prozent aller Wege legen die Deutschen bereits mit dem Fahrrad zurück  Copyright: ADFC - Marcus Gloge Die Deutschen lieben ihre Autos, dafür sind sie weltweit bekannt. Da überrascht es, dass sie gleichzeitig zu den emsigsten Fahrradfahrern Europas zählen. Eine gut ausgebaute Infrastruktur und ein positives Image sind die Gründe dafür. Dass die autovernarrten Deutschen sich zum Radfahren bewegen lassen, liegt nicht zuletzt an staatlichen Bemühungen und Investitionen. 80 Prozent der Deutschen besitzen ein Fahrrad und benutzen es hauptsächlich auf Strecken unter fünf Kilometern. Sie legen damit neun Prozent aller Wege zurück, bis 2012 sollen es elf Prozent sein, so die Zielsetzung des NRVP. Dazu sollen Autofahrer motiviert werden, auf Strecken bis zu fünf Kilometern zum Rad zu wechseln.

Das Radfahren ist von Region zu Region unterschiedlich bliebt  Copyright: ADFC - Julia BaierDas Radfahren ist von Region zu Region unterschiedlich beliebt. Vor allem im Norden wird relativ viel geradelt. „Die deutsche Fahrradhauptstadt ist Münster“, sagt Wolfgang Richter, Tourismusreferent beim Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Club (ADFC). „Dort erledigen die Menschen 30 Prozent ihrer Wege mit dem Rad.“ Auch in Bremen und Kiel sowie in Universitätsstädten wie Erlangen und Freiburg ist der Drahtesel sehr beliebt.

Imagewandel

Dass ein Bänker mit dem Rad zur Arbeit fährt, mag in London ungewöhnlich sein. In Deutschland aber ist es fast Normalität. Das war nicht immer so. Das Image des Fahrrads hat sich seit Ende der 1970er-Jahre positiv verändert. Mit dem aufkommenden Umweltbewusstsein verlor das Rad sein Arme-Leute-Image. In den 1990er-Jahren kam der Gesundheitsaspekt hinzu: Wer tagsüber neun Kilometer Fahrrad fährt, muss abends nicht ins Fitness-Studio. Wolfgang Richter sieht darin eine weit verbreitete Motivation. „Am wichtigsten ist Radfahrern allerdings ihre hohe Flexibilität“, sagt er.

Mit dem aufkommenden Umweltbewusstsein verlor das Rad sein Arme-Leute-Image  Copyright: DB-AG - Stefan WarterEine Fahrrad-Erfolgsgeschichte ist Call a Bike. Als das Verleihsystem 2001 von der Deutschen Bahn in München eingeführt wurde, waren viele skeptisch: Räder, die man nach der Benutzung einfach an einer beliebigen Kreuzung in der Innenstadt abstellen kann? Mittlerweile steht der Service angemeldeten Kunden in sieben Städten zur Verfügung. Allein in Berlin sind 1650 der rot-silbernen Fahrräder in der Innenstadt verteilt. Wer eines leihen möchte und in der Nähe keins findet, kann im Internet oder per Telefon erfahren, wo sich das nächste Fahrrad steht. Durch einen Anruf wird das Fahrrad entriegelt und kostet acht Cent pro Minute, neun Euro pro Tag.

Fahrradparkhaus

Was Autofahrer nervt, plagt auch die Radfahrer in deutschen Großstädten: einen sicheren Abstellplatz für ihr Transportmittel zu finden und das am besten vor der Haustür. Die Lösung: abschließbare Fahrradhäuschen. In Hamburg wurden seit Ende der 1980er Jahre einige hundert davon in Höfen oder auf breiten Gehwegen aufgestellt und von der Stadt gefördert. Zwölf Plätze bietet ein Häuschen, die Nutzer zahlen eine geringe Miete. Seit 2001 läuft das Projekt in Dortmund, initiiert vom Verkehrsclub Dortmund, der es aktiv bewirbt und bei der Realisierung hilft. Auch hier beteiligen sich die Bezirksämter an den Kosten.

Das Verleihsystem Call a Bike steht in sieben Städten zur Verfügung  Copyright: DB-AG - Stefan WarterAls fester Begleiter des täglichen Lebens, unterliegt das Fahrrad Modetrends. In den 1990er-Jahren waren Mountainbikes populär, vor ein paar Jahren entdeckten modebewusste Großstädter klassische Rennräder mit den nach unten geschwungenen Lenkern für sich. Der letzte Schrei: minimalistische Eingang-Räder mit nur einer oder ganz ohne Bremse: Fix-Gear-Bikes – am besten von angesagten Modelabels wie Our Legacy oder Acne. Für genau das Gegenteil stehen Hollandräder, mit denen immer mehr junge Leuten fahren: Mit hohem Lenker und weichem Sattel ausgestattet, bewegt man sich komfortabel durch die Stadt. Nicht ganz so schnell, doch genauso flexibel, kostengünstig und auf einer Strecke von weniger als fünf Kilometern auch schneller als mit dem Auto.

Originalartikel
Katja Hanke
Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
August 2009
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