Unterricht vom Sterne-Koch

Reine Geschmackssache: Unterricht vom Sterne-Koch

Spitzenkoch Andreas Walker erteilt Schülern `Geschmacksunterricht´; Copyright: EurotoquesSpitzenkoch Andreas Walker erteilt Schülern `Geschmacksunterricht´; Copyright: EurotoquesIn vielen deutschen Haushalten regieren Fastfood, Dosenessen oder Fertigprodukte. Deshalb hat es sich eine von Chefköchen unterstützte Verbraucherinitiative zum Ziel gesetzt, Kindern im Unterricht mehr über Obst und Gemüse beizubringen. Keine leichte Aufgabe für die Gourmetköche. Und keine leichte Kost für manchen Schüler.

Montag morgen in einer Stuttgarter Grundschule. Während in den übrigen Räumen Unterricht nach Plan läuft, herrscht in der dritten Klasse hektische Betriebsamkeit. Die Schulbänke sind fast vollständig beiseite geräumt. 20 Schüler zwischen acht und neun Jahren scharen sich neugierig um die verbleibende Bank. Dort liegen Obst und Gemüse vom Wochenmarkt: Bananen, Beeren, verschiedene Gewürze, Kräuter und Salat, die jeder Erwachsene vermutlich schnell erkennt.

Doch für die Grundschüler mit ihren Miniküchenschürzen und den überdimensionalen Kochmützen ist der Anblick keineswegs alltäglich. Manche starren etwas irritiert auf das gesunde Essen, andere streicheln mit ihren Fingern fasziniert darüber. „Eine völlig normale Reaktion“, sagt der 28-jährige Andreas Walker, der die Nahrungsmittel mitgebracht hat. „Genau deshalb bin ich hier.“

Bei Promikochs die Schulbank drücken

Normalerweise arbeitet Walker als Chefkoch in einem angesehenen Hotel bei Stuttgart. Er ist der kulinarische Shootingstar im Schwabenland. Neben seiner Hotelküche wird er oft für Schaukochabende gebucht, bei denen er für Prominente am Herd steht. Für die Karriere brutzelt, kocht und gart Walker täglich von acht Uhr morgens bis weit nach Mitternacht. Doch mindestens zwei Mal pro Monat nimmt er sich eine Auszeit.

Dann besucht er zu „Geschmacksschulungen“ für die Verbraucherinitiative „Eurotoques“ Klassen im Stuttgarter Raum. Die gemeinnützige Stiftung hat es sich zur Aufgabe gemacht, Menschen für den Gebrauch natürlicher Lebensmittel zu sensibilisieren. Insgesamt sind dabei rund 475 Spitzenköche aus dem ganzen Bundesgebiet im Einsatz. „Im Auftrag des ‚Schulkochclubs‘ testen wir die Sinne der Schüler“, erklärt Walker. „Sie dürfen alles, was ich mitbringe, probieren. Dadurch erleben viele Schüler verschiedene Geschmacksrichtungen auf der Zunge und lernen neue Lebensmittel kennen.“

„Was sind Tomaten?“

Mädchen isst eine Tomate; Copyright: Fotolia/ Eduard TitovIn der Stuttgarter Grundschule steht heute eine so genannte Blindverkostung auf dem Programm. Walker hat einem Schüler dafür die Augen verbunden. Nun muss der Achtjährige raten, welches Gemüse oder Obst er gerade vor sich hat. Die Banane erkennt der Schüler relativ schnell. Doch bei der Kiwi kommt er weder durch Ertasten noch durch Probieren auf die gesuchte Frucht. „Das erlebe ich ganz häufig“, erklärt Walker. „Viele Kinder kennen die meisten Nahrungsmittel nur aus der Dose. Ich hatte sogar schon Klassen, wo die Kinder nicht wussten, was Tomaten sind.“

Deshalb nimmt sich der Chefkoch bei seinen Schulbesuchen einen ganzen Vormittag Zeit, um zumindest ein paar Grundkenntnisse über Lebensmittel zu vermitteln – und die Schüler so auf den Geschmack für Obst und Gemüse zu bringen: „Ich versuche dabei auch, möglichst regionale Lebensmittel zu verwenden. So lernen die Schüler auch noch ein wenig über die Gegend, in der sie leben.“

Kochkunst für die Schulmensa

Spitzenkoch Andreas Walker erteilt Schülern `Geschmacksunterricht´; Copyright: Eurotoques„Es ist schon so, dass die Schüler immer weniger Aromen oder auch Gewürze erkennen“, zieht Walker eine ernüchternde Bilanz. „Viele Eltern arbeiten und kochen mittags gar nicht oder machen schnell etwas in der Mikrowelle warm.“ Gerade deshalb engagiert sich der schwäbische Koch auch für die Schulklassen aus seiner Region. An vier verschiedenen Schulen ist Walker inzwischen Schulpate und veranstaltet regelmäßig seinen Unterricht. Für eine Grund- und Hauptschule kocht er außerdem zweimal wöchentlich die Mahlzeiten für den Mittagstisch. „Die könnten das dort sonst gar nicht finanziell stemmen“, sagt der Koch.

Geld bekommt Walker für seine Arbeit nicht. Wie alle anderen Sterneköche von „Eurotoques“ arbeitet er ehrenamtlich. Stattdessen gibt es schon mal Anrufe von dankbaren Eltern und regelmäßig „Weihnachtskärtle“ von begeisterten Schulklassen. Für Walker ist das die schönste Belohnung: „Es gehört zum Ehrenkodex eines Kochs, sich für natürliches und gesundes Essen einzusetzen“, sagt der Sternekoch. „Die Begeisterung der Schüler ist Dank genug und natürlich ein Ansporn, weiter mit den Kindern zu arbeiten.“

Rüdiger Teutsch
arbeitet als Bildungsjournalist und Redakteur des Webportals Schule.WDR.de des Westdeutschen Rundfunks in Köln.

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September 2008

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