Werner Bartsch

Werner Bartsch im Interview mit Rory MacLean

Werner Bartsch
Werner Bartsch
Flugzeuge haben mich mein ganzes Leben lang bewegt. Als ich vier Monate alt war, flog mich eine Lockheed Super Constellation mit silbernem Bauch und drei Heckflossen von meinem Geburtsort Vancouver nach Toronto, wo wir aufwuchsen. Ein Jahr später überquerte ich auf dem Schoß meiner Mutter den Atlantik in einer Bristol Britannia Whispering Giant, dem ersten Verkehrsflugzeug, das ohne Zwischenlandung von Amerika nach Europa flog. Mit acht Jahren nahm mich mein Vater in einer TCA Viscount mit nach Washington, um den Kitty Hawk Flyer der Brüder Wright zu bestaunen. Später ließ ich von unserem Dachboden aus Segler aus Balsaholz fliegen und sprang dann vom Fenster meines Zimmers auf Kissenstapel, bekleidet mit einer Pilotenjacke der Royal Canadian Air Force.

Desert Birds AirForce One © Werner BartschMein erstes Glas Wein trank ich 1967 in meinem ersten großen Jet, einer Boeing 707 der BOAC, dann verliebte ich mich in meine erste Stewardess. Sie trug weiße Handschuhe, eine taillierte dunkelblaue Uniform und auf dem Kopf einen Pillbox-Hut mit Flügeln. Als ich nach Europa zog, begann ich, Flugzeuge wie Busse zu nehmen. Zweimal im Jahr flogen mich Freddie Laker oder PEOPLExpress nach Hause, und ich war auf dem Jungfernflug der Virgin Atlantic nach New York dabei. Zwei Dutzend Male wurde ich in einer Pan Am 737 im Berliner Luftkorridor durchgerüttelt. In Rangun erlebte ich den Ausfall eines Motors, und einmal hatte ich einen Jumbo der Qantas – gebaut für 456 Passagiere – ganz für mich allein (aber nur von Melbourne bis Sydney). Am Flughafen von Los Angeles verlor ich eine Liebe, und in Gatwick fand ich eine neue. Mit meiner ersten Reiseerzählung gewann ich einen Wettbewerb und einen Flug mit der Concorde, die mich eine Stunde vor meinem Abflug in Heathrow zum New Yorker Flughafen JFK brachte. Und jedes Flugzeug, in das ich einstieg – ob eine Fairchilds Pilgrim oder ein Airbus 380 – war für mich ein Erlebnis: das Klicken des Sitzgurtes, das Starten der Triebwerke, der Antriebsschub, die rasende Fahrt auf der Startbahn, die Vorfreude auf das Wunder.

Der in Hamburg wohnhafte Fotograf Werner Bartsch hat eine ähnliche Leidenschaft für Flugmaschinen.

Desert Birds - Cockpit © Werner Bartsch„Während meiner Kindheit in Nürnberg beobachteten mein Bruder und ich liebend gern Flugzeuge, vor allem die alten Douglas DC-6 und DC-7,“ erzählt er mir. „Eines Abends im Jahr 1977, als ich zwölf war, überredete mich mein Bruder, zum Flughafen zu fahren und das Geräusch einer Landung aufzunehmen. Wir saßen neben der Landebahn im Dunkeln mit einem langen Galgenmikrofon, das aus dem Autofenster heraushing“. Bartschs Augen glitzern vergnügt. „Aber das war die Zeit von Baader-Meinhof, und plötzlich war unser Auto von bewaffneten Polizisten umringt, die dachten, dass wir gleich einen Terroranschlag verüben wollten. Unsere Eltern waren nicht sehr begeistert“.

Bartsch lacht und erzählt weiter: „Während unserer gesamten Kindheit boten uns unsere Eltern alle drei Monate ein Vergnügen unserer Wahl an. Wir baten sie immer, uns zu einem Flughafen zu fahren“.

Helmut Schmidt portrait © Werner BartschIn der weiterführenden Schule und Fachhochschule, wo er Fotografie studierte, schien Bartsch die Flugzeuge vergessen zu haben. Nach Abschluss seines Diploms wurden „Die ZEIT“ und Wirtschaftsunternehmen wie Siemens, Commerzbank, ThyssenKrupp und Volkswagen auf seine Fähigkeiten aufmerksam. Er fotografierte Henry Kissinger, den sambischen Präsidenten Kenneth Kaunda, Günter Grass und Dutzende weiterer deutscher und ausländischer Politiker und Künstler. Er entwickelte eine besondere Beziehung zu Helmut Schmidt und nahm einige der denkwürdigsten Portraits des früheren Bundeskanzlers auf.

Während eines Urlaubs in Kalifornien im Jahr 2008 stieß Bartsch dann in der Wüste unweit von Victorville zufällig auf einen versperrten Lagerplatz für ausrangierte Flugzeuge.

„Auf einmal sah ich Flugzeuge, die ich aus meiner Kindheit kannte, und der Anblick hat mich tief berührt. Da waren DC-10s and Tristars plus alte DC-8s und 727s, die aus Lärm- und Umweltgründen niemals wieder in Europa fliegen konnten“.

Da der Zutritt zu dem ehemaligen Militärflugplatz verboten war, begann Bartsch eine Internetsuche nach weiteren „Friedhöfen“. Er ermittelte ein halbes Dutzend Lagerplätze in Arizona, dessen trockenes Klima, geringe Luftfeuchtigkeit und harter, alkalischer Boden günstig für die Langzeitlagerung sind. Er plagte die Besitzer mit Anrufen und Briefen, bis ihm schließlich ausnahmsweise Zutritt zu den aeronautischen „Friedhöfen“ gewährt wurde.

Desert Birds - Gangway © Werner BartschSo entstand „Desert Birds“, eine Serie bemerkenswerter, bewegender Aufnahmen von einst glorreichen Flugmaschinen, die nun dem langsamen Zerfall preisgegeben sind (erschienen im Kehrer Verlag). Ein offenes Cockpit ragt in die leere Landschaft. Der Rumpf einer ausgeschlachteten DC-3 glänzt im Sonnenlicht. Die Air Force One des Präsidenten Dwight Eisenhower – die Super Constellation „Columbine One“, benannt nach der Staatsblume von Colorado, wo seine Frau herstammte – liegt in der brennenden Wüstensonne. Eine Gangway steht inmitten der verlassenen Weite, als warte sie auf die Ankunft von Flugzeugen, die nicht mehr fliegen.

Aber nicht nur das Zusammenspiel von Farbe und Form und der Kontrast zwischen den schnittigen, aerodynamischen Konstruktionen und der kargen Leere der Wüste sprachen Bartsch an.

„Ich vermittle kein romantisches Bild dieser Flugmaschinen“, erzählt Bartsch. „Aber ich glaube, dass wir jedesmal, wenn wir irgendwohin fliegen, einen kleinen Teil von uns selbst im Flugzeug zurücklassen. Wenn ich diese alten DC-7s und Jumbo-Jets anschaue, dann denke ich an die Tausende von Menschen, die darin geflogen sind, mit ihren Hoffnungen, Enttäuschungen und Träumen“.

Bei seinem Portraitaufnahmen arbeitet Bartsch meist mit einem Assistenten und muss einen Auftrag innerhalb einer bestimmten Frist ausführen, aber an „Desert Birds“ arbeitete er allein, nahm sich stundenlang Zeit für die Komposition seiner Aufnahmen und führte Langzeitbelichtungen unter den Sternen durch, während in der Ferne Koyoten heulten.

Desert Birds - Full Moon © Werner Bartsch„Die Sicherheitsleute, die diese „Friedhöfe“ bewachen, haben verstanden, wie wichtig mir diese Flugzeuge waren. Viele von ihnen gaben mir schließlich den Code für die Tore und ließen mich in der Wüste mit den Fliegern allein“.

Er fährt fort: „Bei diesem Projekt war ich mit Herz und Seele dabei. Mit ‚Desert Birds‘ habe ich mir die Zeit für etwas genommen, das ich immer machen wollte und das mich tief im Innern berührt“.

Rory MacLean
Oktober 2012

Übersetzt von Susanne Mattern

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