Clemens Behr

Clemens Behr im Gespräch mit Rory MacLean

© Clemens Behr
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„Meine Arbeit ist kompliziert, improvisiert ... und preiswert“, sagt Clemens Behr. Der 28-jährige Künstler verwendet Fundmaterial zur Gestaltung von überraschenden und komplexen, kurzlebigen Architekturen und schafft raumgreifende Strukturen zwischen Origami und dreidimensionaler Grafik für Galerien und den öffentlichen Raum.

Während seiner Teenagerjahre in Koblenz verlegte sich Behr auf Graffiti als Mittel zur Selbstdarstellung. „Mit siebzehn interessierte ich mich nur für Musik, Skateboarden und Graffiti“, erzählt er mir bei unserem Treffen in seinem Berliner Atelier. „Eigentlich bin ich heute nicht viel anders“, setzt er mit einem Lachen hinzu.

NY Subway © Clemens BehrIm Gymnasium inspirierten ihn die Dadaisten zu Collagen aus gedruckten Bildern und Texten. Gleichzeitig ließ er seiner Leidenschaft für kurzlebige Street Art freien Lauf und reichte Fotografien seiner Graffiti als Abitursarbeit ein. Im Jahr 2006 verknüpfte er die beiden Genres während seines Grafik-Studiums an der Fachhochschule Dortmund.

„Ich wurde eingeladen, an einer Gruppenausstellung in Essen teilzunehmen. Uns wurde ein leerstehender Laden zur Verfügung gestellt, und ich wollte meine Collagen zeigen. Da ich aber kein Geld hatte, um richtige Rahmen zu bauen, beschloss ich, meine zweidimensionalen Arbeiten mit Pappkartons zu rahmen, die ich auf der Straße gefunden hatte“.

Concrete Playground © Clemens BehrBehr schnitt und platzierte die Kartons so, dass sie seine Collagen besser zur Geltung brachten und deren geometrische Elemente hervorhoben, wodurch die gesamte Assemblage zum Gesamtkunstwerk wurde. Diese Innovation trieb ihn über die Grenze von der zweidimensionalen zur dreidimensionalen Gestaltung und in einen Bereich, in dem er sich zuhause fühlte. „Mir wurde klar, dass ich nicht nur durch Malen kreativ sein konnte“, sagt er.

Über das Grafikdesign fand Behr eine Formensprache und lernte räumliche Anordnung, Gleichgewicht und Rhythmus. Mit dem Selbstvertrauen, das er durch die Beschäftigung mit dem Medium gewonnen hatte, verwarf er daraufhin das Genre an sich. „Ich brauchte es nicht mehr“, erklärt er. „Ich brauchte nur seine Formen“.

Seine entschiedene Vorgehensweise führte zu einer Reihe von Aufträgen in Deutschland, Spanien und anderen Ländern. In so weit entfernten Städten wie Marrakesch und Sao Paulo gestaltete er fragile Pappkonstruktionen, die nur wenige Tage halten würden. Manchmal befiel ihn angesichts ihrer Vergänglichkeit ein nagendes Gefühl der Unzufriedenheit, doch war ihm klar, dass diese Flüchtigkeit in seiner Liebe zur Graffiti wurzelte, einer Kunstform, bei der nichts ewig währt und bei der Arbeiten entweder von den Behörden entfernt oder von anderen Künstlern übermalt werden.

In Concrete Playground, einer weiteren Gruppenausstellung 2010 in Essen, verwendete Behr zum erstenmal Holz zum Bau eines freistehenden 3D-Rahmens als Stütze für seine Pappkartons… denn man hatte ihm verboten, Dinge an die Wände der Galerie zu nageln. Wieder einmal hatte ihn die Not auf Neuland gebracht. Wieder einmal recycelte er Fundmaterial – Holzabfälle, einzelne Dachlatten – um die Eingebung des Augenblicks und die Stimmung des Orts einzufangen, aber auch um einen Sinn für Lokalkolorit und Architektur zu vermitteln.

„Mein Arbeitsprozess beginnt mit dem Raum, der die Basis für die Planung darstellt“, sagt er. „Der Raum bestimmt die Farben und Formen, alle Befestigungs- und Montage-möglichkeiten sowie die Größe der Arbeit. Ich kann nicht allzuweit vorausplanen, weil ich nie sicher sein kann, welche Möglichkeiten und Mittel mir zur Verfügung stehen werden. Wenn ich die Komposition oder Idee für eine fertige Arbeit visuell im Kopf habe, fange ich mit dem Bemalen der Pappe an. Dann wird ein Holzrahmen zusammengeschraubt, an dem die Pappe befestigt wird. Das geschieht ganz planlos“.

Oslo © Clemens BehrSo kam Behr ohne eine Vorstellung für seine Einzelausstellung zum Akershaus Kunstsenter Lillistrüm in Oslo. Er wollte sich überraschen lassen. Im Keller der Galerie fand er stapelweise ausrangiertes Holz und Plexiglas.

„Das war für mich wie das Paradies. Mein Ansatz war und ist, den Raum zu zerlegen, zu fragmentieren und dann wieder zusammenzufügen. Ihn von unten nach oben zu kehren“.

Broken Windows, eine seiner drei fantastischen norwegischen Konstruktionen, erscheint wie eine verwirrende dreidimensionale Grafik ohne Buchstaben, eine meisterhafte optische Illusion mit Anklängen an die Arbeiten von Marcel Duchamp und Kurt Schwitters. Bei einer anderen Installation, den urkomischen, originellen Hängenden Mülltonnen, sind gefundene Mülltonnen in Fragmente zerlegt, die in der Luft hängen.

Splitter © Clemens BehrBei seiner jüngsten Einzelausstellung im Berliner GestaltenSpace beschäftigte sich Behr in Splitter wieder mit der Demontage von Material und Raum.

„Ich habe ‚saubere Arbeit‘ ziemlich satt”, verrät er mir. „Jetzt beschäftige ich mich mit Gestaltung durch Dekonstruktion: dem Zersplittern von Holz, Zerreißen von Papier, Zerschlagen von Badezimmerfliesen, die dann als Puzzle wieder zusammengesetzt werden“.

Behrs Unzufriedenheit mit „sauberer Arbeit“ entspringt teilweise dem Bewusstsein, dass seine Arbeiten meistens nur wenige Wochen Bestand haben. In dem heruntergekommenen Stadtteil Muirhouse von Edinburgh, dem Drehort von Trainspotting, wurde eine seiner Konstruktionen nur Stunden nach ihrer Fertigstellung von Brandstiftern abgefackelt. Eine weitere Arbeit an der Londoner Kingsland Road wurde ebenfalls zerstört.

Muirhouse © Clemens Behr„Wenn man sich für die Aufstellung im öffentlichen Raum entscheidet, muss man akzeptieren, dass andere Menschen das gleiche Recht haben, diesen Raum zu nutzen“, erklärt er. „Alles, was ich bisher gemacht habe, war kurzlebig. Für mich war das immer normal – etwas zu gestalten und es dann loszulassen. Das liegt natürlich teilweise daran, dass ich nie die Möglichkeit hatte, langlebigere Arbeiten zu machen. Wenn mich aber jemand anrufen und mir einen schönen Platz oder Innenhof anbieten würde, dann könnte ich eine Arbeit gestalten, die unvergänglich wäre oder zumindest zehn oder zwanzig Jahre überdauern würde“.

Es ist zu hoffen, dass sich Clemens Behr bald eine solche Chance bietet.

Rory MacLean
Dezember 2013

Übersetzt von Susanne Mattern

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