Holger Biermann

Rory MacLean im Gespräch mit Holger Biermann

© Holger Biermann
© Holger Biermann
„Mich inspirieren die Straßen in Städten“, sagt der Fotograf Holger Biermann mit einer Geste über einen betriebsamen Berliner Platz. „Ich liebe all das Leben, das Chaos, die Energie und die Geschichten. All dies will ich auf Film festhalten“.

Biermann wurde 1973 in Bremen geboren und wuchs in Henstedt auf, einem friedlichen, verschlafenen Straßendorf in Niedersachsen. Sein Vater war Sportlehrer mit einer Leidenschaft für Holzschnitzerei. Seine Mutter liebte Zeichnen und die Arbeit mit Ton. Im Sommer werkelten seine Eltern jedes Wochenende zusammen im Garten und gingen ihrer gemeinsamen Leidenschaft für Formschnitt nach. „Während meiner Jugend dachte ich, die ganze Welt sei freundlich und wunderschön, bis ich Henstedt verließ“.

Durch sein Interesse am Fußball kam Biermann zu seiner ersten Stelle als Sportreporter im nahegelegenen Syke, dann gab ihm die Bild-Zeitung eine Praktikantenstelle, und er zog nach Berlin.
„Sowie ich in der Stadt ankam, fühlte ich mich inspiriert von den Möglichkeiten, der seltsamen Geschichte, der zerrissenen‘Architektur. Für einen Journalisten gab es unzählige Geschichten zu entdecken und zu erzählen. Außerdem akzeptierten mich die Berliner so, wie ich war“.

© Holger Biermann Berlin 2009
Vorübergehend zog er nach Bremen, um für die Bild-Zeitung über den Bundesliga-Verein Werder Bremen zu schreiben, danach besuchte er die Axel Springer Akademie für Journalismus. Durch ein Carl-Duisberg-Stipendium kam er 2001 nach New York und arbeitete dort für den Springer-Auslandsdienst sowie für die Zeitschrift Aufbau, die 1934 für deutschsprachige Juden gegründet wurde. In jedem freien Moment zwischen seiner Arbeit, Magnum Photos und dem International Center of Photography erkundete Biermann die Stadt und machte mit seiner einfachen Touristenkamera, einer Canon SLR, Schnappschüsse von Straßenszenen.

„Ich konnte es kaum fassen, dass ich dort war, in New York, voller Energie und mit freier Zeit“.

Am 11. September 2001 war er auf dem Weg zur Arbeit, als die al-Qaida das World Trade Center angriff. „Meine U-Bahn hielt an der 18. Straße an“, erinnert er sich. „Ich rannte in die Innenstadt, kam mit meinem Presseausweis an den Polizeisperren vorbei und schoss Fotos, bis mir der Fim ausging. Ich sah den zweiten Turm brennen. Als er fiel, wurde ich mit Tausenden anderen über die Brooklyn Bridge evakuiert...“ Biermann hält im Gedanken an die Schrecken jenes Septembermorgens inne, in Erinnerung an die Kakophonie des Krachens und der Schreie. „Damals habe ich zum ersten Mal in meinem Leben Farbfilm benutzt“, erzählt er mir mit gedämpfter Stimme. „In der Panik hatte ich keinen Schwarz-Weiß-Film kaufen können“.

© Holger Biermann

















Nach dem 11. September und mit dem wirtschaftlichen Abschwung verlor Biermann seine Stelle. In Deutschland wie im Ausland sparten die Medien Mitarbeiter ein. Biermann blieb noch über zwei Jahre in New York, verbrauchte seine Ersparnisse und machte Tausende von evokativen Straßenfotografien. 2003 zog er wieder nach Berlin.

„Ich wollte nicht zurück zum Journalismus. Ich beschloss, der Stimme meines Herzens zu folgen und zu versuchen, als Straßenfotograf meinen Weg zu machen. Anfangs bestritt ich meinen Lebensunterhalt noch durch Arbeit in Küchen. Dann zog ich nach und nach freiberufliche Aufträge an Land: Hier einen Einsatz für eine Zeitung, dort eine Galerieeröffnung. Ich erstellte Mappen für Schauspieler. Irgendwie hat es funktioniert“.

Biermanns Fotografien von Berlin fangen flüchtige Augenblicke des Stadtlebens ein: ältere Frauen essen in Tempelhof unter Wolken Zuckerwatte, japanische Touristen knipsen das Friedenssymbol am Checkpoint Charlie, ein schlafender Mann liegt unter einer Plastikplane am Ufer des Landwehrkanals, Discokugeln schweben beim Karneval der Kulturen über einer Open-Air-Party, ein Kind rennt hinter riesigen Seifenblasen durch einen Park.

© Holger Biermann Berlin 2006
Seine 40 besten Schwarz-Weiß-Bilder von Berlin erschienen im Eigenverlag unter dem Titel Terrassen am Zoo. Zudem veröffentlichte Biermann im Eigenverlag eine Serie seiner Fotografien von New York mit den erschütternden Farbbildern vom 11. September unter dem Titel Leaving Today. Weitere Bücher sind u.a. Before Revolution über Kairo und die demnächst veröffentlichte Publikation Don't Call Me, eine Portraitserie von New Yorker Frauen.

„Die Stadt ist mein Atelier. Oft laufe ich ganze Tage – sechs oder sieben Stunden – durch die Straßen, folge meinem Instinkt, suche nach der richtigen Komposition, dem richtigen Moment, dem richtigen Bild. Der ‚Straßenfotograf‘ sucht nach dem Ungewöhnlichen im Gewöhnlichen. Er lebt von Zufällen und Augenblicken, in denen das Chaos zu einer wirkungsvollen visuellen Komposition verschmilzt. Er muss neugierig sein. Er muss das Leben erkunden wollen. Meiner Meinung nach ist die Anonymität der Großstadt unbedingt notwendig“.

Biermann – ein sanfter, bescheidener Mensch – nennt als Einflüsse Robert Frank, Garry Winogrand, Lee Friedlander, Daido Moriyama und natürlich Henri Cartier-Bresson. Wie diese verwendet er keine Tricks oder Spezialeffekte und fotografiert ausschließlich auf Film.

In den letzten Jahren war er Artist-in-Residence der Berliner Lichtenberg Studios und bei Aquarellhappening Tux in Österreich. Seine Arbeiten waren in Einzel- und Gruppenausstellungen in Berlin and Arles zu sehen, zuletzt mit den Kollektiven ParisBerlin und Miraprospekt, einer Berliner Plattform für Autorenfotografie.

© Holger Biermann Berlin 2008
„Anfangs fühlte ich mich in Berlin oft allein, da ich niemanden hatte, mit dem ich mich über die Straßenfotografie austauschen konnte“, erzählt mir Biermann. „Bei ParisBerlin and Miraprospekt habe ich die Möglichkeit, mit Gleichgesinnten zusammenzuarbeiten, Erfolge und Enttäuschungen zu teilen. Es ist schwer, Anerkennung für die eigene Arbeit zu bekommen, sie zu verkaufen. Um diese Arbeit zu machen, muss man sie lieben und einfach weitermachen“. Er seufzt und fügt hinzu: „Fast mein ganzes Leben als Erwachsener habe ich davon geträumt, Fotograf zu sein. Heute lebe ich diesen Traum. Das ist mein Lebensweg“.

Rory MacLean

April 2015
Übersetzt von Susanne Mattern
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