Roland Boden

Rory MacLean im Gespräch mit Roland Boden

© Roland Boden
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Unter den Straßen von Berlin – in den Tunneln der nie realisierten U-Bahn-Linie 10 – sind acht Männer in einer Zeitschleife gefangen. Seit 1926 führen diese einsamen Freiwilligen eine entschleunigte Existenz, bewegen sich im Zeitverlauf täglich um einige Millimeter vorwärts, überzeugt, dass sie seit weniger als sieben Stunden unter der Erde sind. Dieses erstaunliche Kronos-Projekt bezieht sich auf Einsteins „Zwillingsparadoxon“, einem Gedankenexperiment basierend auf der Relativitätstheorie, bei dem eineiige Zwillinge getrennt werden. Ein Zwilling reist in einer Rakete mit nahezu Lichtgeschwindigkeit ins Weltall, der andere bleibt zuhause. Wenn der Astronaut zurückkehrt, ist nach Einsteins Theorie der auf der Erde gebliebene Zwilling weitaus stärker gealtert.

„Ist das Kronos-Projekt wirklich wahr“? frage ich Roland Boden, einen der ironischsten, risikofreudigsten und unkonventionellsten Künstler Deutschlands, der multidisziplinär arbeitet.

„Es gibt keine eindeutigen Beweise (no smoking gun)“, erwidert er mit einem schelmischen Funkeln in den Augen. „Aber ich habe erstaunliche Indizien gefunden. Ich bin der Meinung, es könnte durchaus wahr sein…“

Das Kronos-Projekt ist eine von Bodens bemerkenswertesten Kreationen, ein beinahe unfassbares Experiment, das sich auf akribische historische Recherchen im Archiv des Berliner Kaiser-Wilhelm-Instituts in Berlin-Dahlem stützt.

„Mich interessiert der Begriff ‚Realität‘ als mediales Phänomen, bzw. was heute dafür gehalten wird. Mich faszinieren Randerscheinungen, Dinge, die unwahrscheinlich oder kaum fassbar sind, wie zum Beispiel die Relativitätstheorie und das Verhältnis zwischen Lichtgeschwindigkeit und Nullgeschwindigkeit“, erzählt er mir. „Was würde mit einem Menschen passieren, der sich unglaublich langsam fortbewegt? Würde die ‚reale‘ Zeit vorwärts rasen, während er still stünde? Für mich ist Einsteins Theorie Mittel zum Zweck – zur Frage nach der Bedeutung von Realität bzw. ihrer Wahrnehmung und Vermittlung in unserer postmodernen Gesellschaft“.

Bodens wunderbar mehrdeutiges und ironisches Buch Verkantung der Realzeitachse (Frankfurt/Main 2014) dokumentiert u.a. die Geschichte dieser totenschiffartigen Zeitmaschine und stellt die Wissenschaftler vor, die sie erfanden: Senzmann (Sensenmann), Koepplbleek (Schädelkopf), Bohnkramer (Knochensammler) und Todt-Schlieffen (Todt für den Tod und Schlieffen nach dem Entwickler des deutschen Schlachtplans im Ersten Weltkrieg). Daneben beschreibt der Text den begrenzten Erfolg des ersten Probelaufs des Kronos-Experiments („Ein mit einem Kaninchen besetztes Gerät wurde zur Erprobung gebracht. Zwar überlebte das Tier offensichtlich wohlbehalten, konnte naturgemäß aber keine Auskunft über Änderungen des Zeitempfindens machen“.)

Kronos Projekt Modell des Kronos Gerätes, mixed media © Roland Boden 2010„Das Wohlbefinden der Zeitreisenden wird erleichtert durch den Konsum von ‚Wilmersdorfer Kümmel‘, einem starken Schnaps, der die Leber vor Strahlenbelastungen der Radiumbatterien schützen soll“, erklärt mir Boden. „Dieser wurde dann auch bei der Präsentation des Kronos-Geräts in der nie genutzten U10-Station Innsbrucker Platz ausgeschenkt“.

Falls sie existiert, so hat die Kronos-Maschine seit ihrem Start vor beinahe 80 Jahren nach Bodens Berechnungen eine Gesamtstrecke von etwa 317 Metern zurückgelegt.

Neben dem Abenteuer der Zeitreise dokumentiert Verkantung der Realzeitachse noch andere, nicht völlig undenkbare fiktionale Realitäten. In Die Spur des Chrubukh, entstanden für einen Wettbewerb des Berliner Museums für Naturkunde, enthüllt Boden die Geschichte des wohlhabenden Amateurforschers Gottfried von Lechsenfeld, der 1905 eine Expedition nach Afrika begleiten darf und dort einen lebenden Dinosaurier fängt. In seiner Geschichte – die durch Zeichnungen, Fotografien und Gipsabdrücke von Fußstapfen dokumentiert wird – überlebt das Chrubukh genannte Geschöpf im Keller des Museums bis 1945, dann entkommt es während eines Bombenangriffs und wird von Soldaten der Roten Armee getötet und schließlich unter Zuhilfenahme großer Mengen Knoblauch gekocht und verspeist. Eine andere Geschichte, Des Friderici Hasenfreud und –pein, berichtet von der bisher unbekannten fatalen Zuneigung des preußischen Königs Friedrich des II. zu Hasen und Kaninchen und dem daraus resultierenden Einfluss auf die Einführung innovativer Militärtaktik, beispielsweise beim Sieg der Preußen 1757 in der Schlacht von Leuthen. Als Beweis für seine Erzählungen zitiert Boden sowohl echte als auch scheinbar erfundene akademische und literarische Quellen.

Catalaunische Felder 190 x 150cm oil on canvas © Roland Boden 2012Boden wurde 1962 in Dresden geboren und schloss an der dortigen Technischen Universität ein Studium des Bauingenieurwesens ab. Nach dem Mauerfall begann er seine künstlerische Laufbahn als Autodidakt, wurde Teil der lebendigen Dresdner Kunstszene nach der Wende und erhielt u.a. das Philipp-Morris-Stipendium für Malerei. Thematisch interessierte er sich besonders für Fragestellungen der Mobilität und Immobilität von Gesellschaften (der französische Kulturtheoretiker und Urbanist Paul Virilio war hier von besonderem Einfluss). Die Arbeiten dieser Zeit umfassen Bilder, Fotografien, Rauminstallationen, bis hin zu Animationsfilmen. Seine bemerkenswerte Serie von Filmen (bestehend aus realen Filmaufnahmen, oft in Kombination mit 3D-Sequenzen) beinhaltet unter anderem Urban Shelter Units und Sweets for My Sweet, beide entstanden nach einem Stipendienaufenthalt 2002 in Australien.

In seiner Zeit im ländlichen West-Australien – 200 trockene, staubige Meilen von der Küste entfernt – baute er zudem ein riesiges Modell eines U-Bootes aus gebrauchtem Wellblech. Durch einen Text von Boris Kremer wurde anschließend das Gerücht verbreitet, dieses Boot sei vom ISU (Institut for Subreale Urbanistik) gebaut worden – einer dubiosen Untergrundorganisation – und solle für sinistre submarine Aktivitäten genutzt werden. Das zwölf Meter lange Modell, das Teil der Installation Deep Space war, musste anschließend zerstört werden, um es aus der Galerie von Kellerberrin zu entfernen.

Bodens provokative Installationen, Gemälde und Filme sind Grenzgänge zwischen Erfindung und Realität. Er verbindet das Gestern mit dem Heute, imaginiert surreale Möglichkeiten auf Basis historischer Fakten und vereint dabei seine Kenntnisse von Bauingenieurwesen, Industrialisierung, Wissenschaft und Krieg. Indem er Mythen schafft und wieder zerstört, spielt er mit Unsicherheit und Zweideutigkeit. Vor allem aber und zur Freude seines Publikums könnten seine unglaublichen Konstrukte tatsächlich echt sein: das Kronos-Projekt hätte sehr wohl durchgeführt und in den Wirren des Zweiten Weltkriegs vergessen werden können, sowjetische Soldaten hätten am Ende des Krieges durchaus eine seltsame, entflohene Kreatur erschießen und essen können, und Friedrich der Große hat eventuell sogar Hasen geliebt.

Traverse / Hyperborea 160 x 130cm, oil on canvas © Roland Boden 2012Boden wurden Stipendien und Arbeitsaufenthalte in Buenos Aires, an der Deutschen Akademie Villa Massimo in Rom sowie an der APT Gallery in London und dann der Stiftung Kunstfonds in Bonn zuerkannt. Seine Arbeiten wurden zuletzt am Berliner Künstlerhaus Bethanien in Das mechanische Corps – Auf den Spuren von Jules Verne gezeigt, einer Gruppenausstellung, die im nächsten April auch in Dortmund zu sehen sein wird. 2015 gibt es Einzelausstellungen seiner Arbeiten im Künstlerhaus Bethanien Berlin und in der Gesellschaft für Bildende Kunst Trier.

„In meiner Arbeit geht es nicht einfach um Spaß, dieser Begriff ist mir suspekt“, meint er mit einem Lächeln, „sondern um Humor und Selbstironie. Ich schaffe Momente der Verunsicherung, der Ambivalenz und bringe damit, wie ich hoffe, manchmal eine sinnstiftende Unruhe ins Getriebe“.

Roland Boden ist ein Universalgenie: Ein Multimedia-Künstler und Ingenieur der Dekonstruktion, gleichzeitig bescheiden und provokativ, hintersinnig und respektvoll, ironisch und ernsthaft und erfüllt von einer Freude am Spielen: mit Worten, mit Gegenüberstellungen von Bildern, mit Gewissheiten.

Ist es wahr? Ist es erfunden? Fragen wir nicht Roland Boden, sondern freuen wir uns an den Möglichkeiten.

Rory MacLean
Dezember 2014

Übersetzt von Susanne Mattern

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