Günter Karl Bose

Günter Karl Bose im Interview mit Rory MacLean

© Günter Karl Bose
© Günter Karl Bose
Warum gelten „vergessene“ Amateurfotografien als immer wertvoller? Warum haben die Schnappschüsse vergangener Generationen das Interesse der weltbesten Archivisten und Sammler geweckt? Wie konnte sich das ungestellte Portrait in eine Kunstform verwandeln?

Vor der Erfindung der Fotografie versuchten Maler, in ihren Bildern das Erscheinungsbild der Welt nachzuempfinden. Mit der Einführung des Fotoapparats fiel die Malerei als realistische Ausdrucksform in Ungnade. Die Fotografie wurde die beste Methode zur Dokumentation der äußeren Realität, zum Erfassen der Wahrheit. Dann kamen die digitale Technologie und Photoshop. Mit einem Mausklick konnten Bilder manipuliert, ihre Bedeutung verändert und ihre Lügen (oder Halbwahrheiten) endlos reproduziert werden. Die Reinheit war verloren. Die Wahrheit ging in einer Million hübscher Pixel unter.

Daher werden traditionelle Fotografien – von der Daguerreotypie bis hin zu Kodachrome-Dias – inzwischen als ehrlich und einmalig betrachtet. Sie wurden nicht nur deshalb wertvoller, weil sie nicht verändert werden können, sondern auch, weil sie im sicheren, gefahrlosen modernen Westen ein Fenster in eine andere Zeit, eine andere Welt öffnen. Durch sie können wir uns an diesen Ort versetzen und uns von unserem (relativ) sicheren und vorhersehbaren Leben lösen.

1998 Plakat Protest © Günter Karl Bose

 

 

 

 

 

 

 

 

Günter Karl Bose, Professor an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig, fand letztes Jahr internationale Beachtung mit seiner Publikation „Photomaton“ (2012), einer Sammlung von 500 Portraits von Männern, Frauen und Kindern, die in den ersten deutschen Fotoautomaten zwischen 1928 und 1945 entstanden waren. „Photomaton: Das neue künstlerische Portrait“ war der Werbeslogan für die Automaten, in denen man für damals eine Reichsmark anonym Selbstportraits aufnehmen konnte.

Über Jahre sammelte Bose diese und andere „vergessene“ Fotografien auf Flohmärkten und bei eBay, erstellte so ein Portrait Deutschlands nach Art von August Sander und Walter Benjamin und dokumentierte den Wandel der Zeit in den Gesichtern und der Kleidung der Menschen: schüchterne erste Blicke, neue Frisuren, Faschingskostüme und später die Uniformen und Kopftücher der Vorkriegszeit. Die Namen der Portraitierten sind ebenso unbekannt wie ihre Schicksale. Leben diese Menschen noch? Kamen sie um? Wie, so fragt sich der moderne Betrachter, hätte ich damals ausgesehen, mich gefühlt und verhalten? In vielerlei Hinsicht knüpft „Photomaton“ an Sanders „Antlitz der Zeit“ (1929) an, da beide Werke aus der „direkten Beobachtung“ entstanden sind.

In Deutschland hatte sich Bose schon vor „Photomaton“ einen Ruf für nachdenkliche und schöne Arbeiten geschaffen. An der Albrecht-Ludwig-Universität in Freiburg studierte er Germanistik, Politikwissenschaften und Kunstgeschichte mit dem Ziel, Journalist zu werden. Doch dann gründeten er und ein Freund 1980 einen bemerkenswerten Verlag, Brinkmann und Bose.

Plakat © Günter Karl Bose„Unser Traum war nicht nur das Schreiben und Verlegen von Büchern, sondern auch das Drucken und Binden“, erzählt er mir. „Wir wollten sowohl Handwerker als auch Verleger sein, also kauften wir alte Maschinen und richteten uns in einer Fabrik in der Nähe der Berliner Mauer ein, wo die Miete billig war. Dort verlegten wir Werke von Jacques Derrida, Friedrich Kittler, Walter Benjamin, Sabina Spielrein, Freeman Dyson und Claude Shannon. Wir gaben die deutsche Erstausgabe von Alan Turings ‚Über berechenbare Zahlen‘ heraus“.

Er fährt fort: „Turing war eines der größten mathematischen Genies des Jahrhunderts. Er schuf die mathematischen Grundlagen für den Computer. Seine Arbeit während des Zweiten Weltkriegs war von großer Bedeutung. Zusammen mit mehreren Ingenieuren gelang es ihm, die deutschen Geheimcodes zu entschlüsseln. Dafür verwendete er einen der ersten Computer namens Colossus. Unser Buch über ihn war das erste in Deutschland, das mit einer Begleitdiskette herauskam. Heute gibt es nur noch wenige moderne Geräte, die sie lesen können. Für mich haben die Medien eine ganz besondere Geschichte“.

Im Lauf der Jahre haben Bose und Brinkmann die Typografie gelernt, und ihre einzigartigen, fast schon maßgeschneiderten limitierten Auflagen stießen bei den Publikumsverlagen auf Interesse. Schon bald entwarfen und produzierten die Freunde Bücher für andere und bearbeiteten Aufträge für Grafikillustrationen und Spezialposter. 1993 wurde Bose ein Lehrstuhl für Typografie an der Hochschule Leipzig angeboten. Nach zwei Jahrzehnten verließ er Brinkmann und Bose und kreierte während seiner Lehrtätigkeit Grafiken für viele große deutsche Kulturinstitutionen.

„Ich habe für die Leipziger Oper, die Deutsche Oper Berlin, die Berliner Festspiele, das Literaturhaus Berlin, viele Berliner Museen und – für mich sehr wichtig – die Konzertreihe ‚musica viva‘ des Bayerischen Rundfunks gearbeitet“.

Ich frage ihn, wann er sich zum erstenmal für Fotografie interessiert hat.

„Wie andere bekam ich als kleiner Junge eine Boxkamera geschenkt. Ich machte aber nicht viele Bilder, obwohl ich für eines sogar einen Preis gewann. Mich interessierte eher die Geschichte. Also begann ich stattdessen, Fotografien als Illustrationen für meine Bücher zu sammeln. Zum Beispiel schrieb ich mit einem Freund eine Geschichte über Zirkusse und sammelte dafür Zirkusbilder“.

Boses neuestes Buch „Big Zep“ (2013) ist eine Sammlung von 300 Zeppelinfotos aus der Zeit zwischen 1924 und 1939, ausgewählt aus Hunderten von Familien-Fotoalben. Für mich ist „Big Zep“ besonders anrührend, weil wie in „Photomaton“ die Fotografien von anonymen Amateuren aufgenommen wurden, während die Luftschiffe über Berlin hinwegzogen oder am Flughafen Friedrichshafen andockten. Wieder einmal zeigen uns die Fotografien eine reale, aber verlorene Zeit und Örtlichkeit, ohne ein einziges verändertes Pixel.

„Alle Theoriker – vor allem Roland Barthes – betonen, dass der Wert der Fotografie im Erfassen des flüchtigen Moments liegt“, erzählt mir Bose. „In ‚Camera Lucida‘ schreibt Barthes über seine Mutter und ein Bild, das sie als junge Frau zeigt. Und Susan Sontag wählte eine Daguerreotypie als Titelbild für die Erstausgabe ihres Buches ‚Über Fotografie‘. Darin hält ein Paar eine weitere Daguerreotypie vor die Kamera. Darauf sind die vielleicht verstorbenen Familienmitglieder des Paares zu sehen. Durch Fotografien werden Leben dokumentiert“.

Nach einer Pause fügt Günter Karl Bose hinzu: „So viel von dem, was wir über den Alltag im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert wissen, stammt aus Fotografien. Die Fotoalben jener Zeit sind wie Familienromane. Wie die Literatur ist die Fotografie unsere ‚andere‘ Erinnerung“.

Rory MacLean
Juli 2013

Übersetzt von Susanne Mattern

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