Susanne Buddenberg & Thomas Henseler

Rory MacLean im Gespräch mit Susanne Buddenberg & Thomas Henseler

Susanne & Thomas at the U-Bahn Comic © Anna Schmelz
Susanne & Thomas at the U-Bahn Comic © Anna Schmelz
In Berlin wurde ein U-Bahnhof in eine Kunstgalerie verwandelt.

Im Jahr 1964, mitten im Kalten Krieg, war der junge Westberliner Ingenieur Joachim Neumann fest entschlossen, seine Freundin zu sich zu holen, die in der DDR festsaß. Zusammen mit Freunden grub er den 145 Meter langen Tunnel 57 unter der Mauer hindurch, durch den sie und weitere 56 Männer, Frauen und Kinder in die Freiheit entkommen konnten.

Susanne Buddenberg und Thomas Henseler haben letztes Jahr Neumanns Geschichte an den Wänden des U-Bahnhofs Bernauer Straße erzählt. Eine Serie von 14 aussagestarken, illustrierten Plakatwänden dokumentierte den Tunnelbau, die erfolgreichen Fluchten und die letzten dramatischen, tödlichen Momente. Als ich am Bahnsteig stand, ihre Geschichte im Untergrund verfolgte und mir die einfahrenden Züge wegwünschte, die mir die Sicht auf die riesigen Comic-Tafeln versperrten, wurde ich von der Erkenntnis überwältigt, dass der Tunnel 57 genau auf der anderen Seite der Bahnhofswände gebaut worden war.

„Durch unsere Arbeit möchten wir den Menschen einen Eindruck davon geben, wie das Leben in der ostdeutschen Diktatur wirklich war“, erzählt mir Thomas Henseler bei unserem Treffen auf dem Bahnsteig.

„In unseren Comics kombinieren wir authentische persönliche Geschichten mit realen historischen Orten“, erklärt seine junge, lebhafte Partnerin Susanne Buddenberg. „Uns ist es sehr wichtig, mit Zeitzeugen zu sprechen, damit wir ihre Geschichte so genau wie möglich wiedergeben können“.

Thomas Henseler © Anna SchmelzBuddenberg und Henseler lernten sich an der FH Aachen kennen, studierten an der Norwich School of Art and Design und gingen dann zusammen an die Hochschule für Film und Fernsehen Konrad Wolf in Potsdam.

„Mich interessieren Form und Farbe“, meint Buddenberg, die Kurzfilme, u.a. den preisgekrönten Handle with Care, gemacht hat.

„Ich habe Illustration studiert“, sagt Henseler, schiebt sich eine lange, widerspenstige Haarsträhne aus den Augen und unterstreicht seine Worte mit den Händen. „Aber Geschichten sind meine Leidenschaft. Im Grunde meines Herzens bin ich Geschichtenerzähler. Geschichten sind die Basis für jedes starke Projekt“.

Nach Abschluss ihres Studiums gründeten sie „Zoom and Ink“, um Storyboards für Werbespots, Fernsehfilme und Spielfime zu produzieren. Da viele ihrer Frühprojekte vom Mauerfall handelten, entwickelten Buddenberg und Henseler eine Faszination für die geteilte Hauptstadt und sich selbst zu Experten dafür.

„Allmählich wurde uns klar, wie viel Geschichte ganz in der Nähe unserer Wohnung passiert war und wie schnell das alles ins Vergessen geriet“, sagt Buddenberg.

Susanne Buddenberg © Anna SchmelzBald entwickelte sich eine produktive Beziehung mit der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, eine Organisation mit dem Auftrag, die Geschichte der DDR korrekt wiederzugeben. Mit ihr produzierten Buddenberg und Henseler zunächst „Grenzfall“, in dem die wahre Geschichte der im Untergrund produzierten Samizdat-Zeitschrift des Ostberliner Schülers Peter Grimm erzählt wird. Danach kreierten sie Berlin – Geteilte Stadt, die wieder in Form eines Comic-Buchs fünf authentische Geschichten aus dieser Zeit erzählt: der Versuch einer jungen Frau, die DDR mit falschen Papieren zu verlassen, ein Flüchtling, der an der Grenze angeschossen wird und den man im Niemandsland verbluten läßt, eine Familie, die sich in einem Regierungsgebäude versteckt hält und auf die Flucht in den Westen wartet. Karten im Buch, das auf Deutsch und Englisch erhältlich ist, führen die Leser zu den Orten in der heutigen Stadt, wo diese historischen Ereignisse stattfanden.

„Wenn uns ein Zeitzeuge seine Geschichte erzählt, dann ist das wie ein Geschenk“, sagt Henseler. „Als Chronist muss man sowohl ihn als auch seine Geschichte respektieren. Bei allen unseren Projekten haben wir am Ende eine enge persönliche Beziehung zu unseren Interviewpartnern“.

„Geschichte im Untergrund“, ihre dritte Zusammenarbeit mit der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, wurde außerdem von der Gedenkstätte Berliner Mauer gefördert. Im Lauf des Jahres erscheint sie in Buchform.

„Unsere ganzen Fähigkeiten und Leidenschaften vereinen sich in unseren Comics“, erklärt Henseler. „Unsere Liebe für Geschichten, für Illustrationen, für die Perspektive, selbst für Bewegung. Unsere Comics sind filmisch aufgebaut“.

„Bei der Auswahl der Geschichten für das Buch haben wir zuerst solche gesucht, die uns emotionell berührt haben“, fügt Buddenberg an. „Wir saßen an unserem Küchentisch und spielten uns gegenseitig Ideen für Bilder, für die verschiedenen Comic-Tafeln zu, wie beim Tennis“.

„Vor allem – und dies ist vielleicht überraschend – mussten wir aber auch Schauspieler sein“, sagt Henseler. „Wir müssen wissen, wie die Figuren aussehen, wie sie sich fühlen, wie jede Szene dargestellt werden muss“.

Neben den historischen Comics und Unterricht im Game-Design zeichnen Buddenberg und Henseler einen Comicstreifen für die Zeitschrift ihrer Potsdamer Filmhochschule.

„‚Zoom‘ ist mein Alter Ego“, erklärt Buddenberg.

„Und ‚Tommy Tinte‘ ist meins“, meint Henseler.

„Jeden Monat befassen sich Zoom und Tinte mit Themen wie Nachtaufnahmen oder Continuity,’ sagt Buddenberg, steht abrupt auf, wirft sich ihren Mantel über und spielt eine Szene über das Filmen im Winter. Ich lache über die spontane Aufführung und begreife gleichzeitig ihre Arbeitsmethode: Geschichten lebendig zu machen, indem sie sie neu durchleben und nachspielen, bevor sie sie aufs Papier bannen.

„Berlin ist einmalig“, meint Henseler abschließend. „In Deutschland gibt es nirgendwo eine vergleichbare Stadt, und jetzt, nachdem immer mehr Leute aus dem Ausland herkommen, hat es ein richtig internationales Flair. Ich kann mir keinen besseren Ort zum Leben und Arbeiten vorstellen“.

Rory MacLean
April 2013

Übersetzt von Susanne Mattern

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