Felix Gephart

Felix Gephart im Interview mit Rory MacLean

Felix Gephart
Felix Gephart
In der Kunstwelt kann Erfolg bedeuten, dass man sich in eine Marke verwandeln muss. Wenn die Arbeit eines Künstlers Beachtung findet, ist es schwer, ein einmal bewährtes Erfolgsrezept aufzugeben, besonders dann, wenn die Verkaufszahlen stimmen. Künstler müssen Rechnungen bezahlen und ihren Markt bedienen, daher lassen sie manchmal ihre kreativen Impulse nicht zu, um ihre gut verkäufliche Marke nicht zu gefährden. Sie beschäftigen sich nicht mehr mit neuen Ideen. Sie manövrieren sich selbst in eine Ecke. Ihre Arbeit kann repetitiv und vorhersehbar werden.

„Ich finde, wir sollten auf Veränderungen beim Künstler wie auch beim Betrachter Wert legen," sagt mir Felix Gephart bei unserem Treffen hoch oben in seiner Berliner Wohnung. „Solange ein Künstler immer wieder Neues versucht, glaube ich, dass er bereits einiges richtig macht“.

Bei Gephart besteht keine Gefahr, dass er sich in eine Ecke manövriert. Dem 35-jährigen Berliner Künstler widerstrebt es sogar, sich eine Bezeichnung zu geben. Figurativer Künstler? Begabter Zeichner? Satirischer Illustrator? Passionierter Maler? Graffiti-Writer?

„Mit dem Writing fing tatsächlich alles an“, meint er mit einem Lachen. „In Bochum, wo ich aufwuchs, ist mein älterer Bruder früher losgezogen und hat Graffiti gesprüht. Als ich zwölf war, sagte ich zu ihm: ‚Die Mama findet das sicher nicht gut – jetzt wird gepetzt.‘ Damit ich den Mund hielt, nahm er mich mit, und es war so aufregend. Einen Monat später besuchte ich einen Freund in Berlin und malte auf die Mauer. Nach dem Mauerfall 1989 begann man, Mauerstücke zu verkaufen, einige davon mit meiner Malerei darauf.“

Sansui vs. Aiwa, from American Psycho series, ink, stamp and color pencil, 100 x 60 cm„Ich war nie ein Graffiti-Bomber, sondern eher ein Hall-of-Fame-Writer. Ich lernte die Technik von älteren Künstlern und sprühte meine Bilder an Wände und Gebäude. Die schiere Größe der Arbeiten – die Inbesitznahme eines Ortes – wirkte auf mich und trieb mich dazu, mehr zu machen, besser zu werden.“ Gephart, mit seinen blauen Augen, kurzen blonden Haaren und kräftigem, muskulösen Körperbau, lacht wieder und fügt an: „Aber ich sollte aufhören zu reden. Wenn ich mit Worten umgehen könnte, dann wäre ich Schriftsteller geworden. Lass mich dir einfach meine Bilder zeigen.“

Nachdem er eine Zeitlang mit Soziologie gespielt hatte, studierte Gephart Grafik-Design an der FH Dortmund. Seine Abschlussarbeit – 18 große Illustrationen zu Bret Easton Ellis’ Psychothriller American Psycho – war so beeindruckend, dass sie ihm ein Fulbright-Stipendium und einen Studienplatz an der School of Visual Arts in New York einbrachte.

Pigs and Chicks, from American Psycho series, ink and color pencil, 100 x 60 cm„Wenn ich einen Text lese, der mich packt, dann bringt er mich direkt zum Bild“, erklärt er, als wir seine erstaunlichen American Psycho-Zeichnungen im Stil der alten Meister durchblättern: eine junge Frau als riesige Ameise am Esstisch, ein verstümmelter Hund mit sexy blonden Haaren, Konkurrenten im Gespräch über Konsumismus und Branding, deren Körper aus den Worten Aiwa und Sansui bestehen. „Ich will Geschichten nicht reproduzieren und damit die Betrachter einschläfern. Stattdessen versuche ich, sie neu zu erfinden.“

Die Qualität der amerikanischen Illustratoren zog Gephart in die Staaten. „Ich dachte, hinter diesen fantastischen Arbeiten muss eine Quelle, eine Ausbildung stecken.“ In New York angekommen, trennte er sich von seinem gewohnten technischen Rapidiograph-Zeichenstift, so wie er in Deutschland seinen Schwerpunkt vom Graffiti aufs Zeichnen verlegt hatte. An der School of Visual Arts produzierte er Room 101, sechs unheimliche Bilder von Überwachungskameras, institutioneller Grausamkeit und Doppeldenk, inspiriert von Orwells 1984. Seine Malereien mit feinen chinesischen und japanischen Pinseln wurden zusammen mit Orwells Text und einer einzigen schockierenden Fotografie eines missbrauchten Inhaftierten im Gefängnis Abu Ghraib zu einem Buch gebunden. Dieses einzigartige Buch, von dem nur ein Exemplar existiert, deutet auf Parallelen zwischen Orwells Ozeanien und dem angstvollen Amerika nach dem 11. September hin.

„Ich finde nicht, dass man auf ein Land stolz sein sollte. Das erzeugt bei mir Unbehagen“, meint er kopfschüttelnd. „Stolz auf dein Tun, Stolz auf deine Freunde – das kann ich verstehen. Aber Stolz auf eine Nation, auf Nationalismus? Nein.“

In New York erfand sich Gephart wieder einmal neu, indem er drei große Farbgouachen nach Luc Santes Low Life kreierte. Sein Exemplar des Buches, ein lebhafter Bericht über die Stadt in den 1890ern, ist mit hunderten von Randnotizen übersät.

„Bei Low Life wollte ich schauen, ob ich eine Geschichte auf malerische Weise erzählen konnte, ohne grafische Techniken wie zum Beispiel Konturlinien. An der ersten Gouache habe ich über einen Monat lang gearbeitet und sie dann zerstört. Aber durch Experimentieren habe ich schließlich einen Weg gefunden. Wenn man jung ist, muss man unterschiedliche Methoden ausprobieren und hoffen, dass sich am Ende alles zusammenfügt.“

rockabye baby, from Johnny got his gun series, (Onkel und Onkel Verlag), ink, 94 x 66 cmHeute wieder in Berlin, hat Gephart gerade die Arbeit eines halben Jahres abgeschlossen, die Illustration des Anti-Kriegsromans Johnny Got His Gun (Und Johnny zog in den Krieg), der diesen Sommer bei Onkel & Onkel erscheint. Wieder einmal bin ich von seinen düsteren, tragikomischen Bildern – von Arbeiterinnen einer Munitionsfabrik beim Polieren und Gießen von Granaten, vom verwundeten Protagonisten, der träumt, während ihm beide Arme und Beine amputiert werden – sowohl schockiert als auch fasziniert. Ich kann den Blick nicht davon wenden, will aber gleichzeitig nicht hinsehen.

Johnny Got His Gun ist ein sehr wichtiges Thema für mich“, sagt Gephart. „Es passt sehr gut zu meiner Arbeit.“

making the world safe, from Johnny got his gun series, (Onkel und Onkel Verlag), ink, 66 x 94 cmGetrieben davon, wieder neue Ausdrucksformen für sich zu erschließen, plant er, sich auch in der Ölmalerei zu versuchen. „Ich habe ein bisschen Geld gespart und will an einer großen Serie arbeiten“, sagt er. „Ich lehne keine Aufträge für Illustrationen ab (seine Grafiken sind in Die Zeit, Cicero, der TAZ, Esquire, Playboy und anderen Zeitschriften erschienen), aber ich werde ihnen nicht nachjagen. Ich nehme mir die Zeit, mich mit Ölmalerei zu beschäftigen. Wer weiß, ob es klappt oder nicht, aber probieren muss ich es.“

In den Regalen ringsum stehen dicke Bücher über Dürer, H.G. Rauch, Saul Steinberg, Roland Searle und Dutzende anderer Künstler. Aus der Stereoanlage dröhnt Hip-Hop-Musik. Auf seinem T-Shirt steht A Man of Simple Choices (Mann der einfachen Entscheidungen).

„Weißt du, manche jungen Künstler jammern, dass die Zeiten schlecht sind und dass ihre Arbeit nicht anerkannt ist“, meint er. „Aber ich finde, dies ist eine sehr günstige Zeit, um Künstler zu sein. Wir können zumindest hier in Europa alles malen, was wir wollen. Wir müssen keine Prinzen und auch nicht notwendigerweise reiche Gönner zufriedenstellen. Und über das Internet kann die ganze Welt unsere Arbeit sehen.“

Rory MacLean
Juli 2012

Übersetzt von Susanne Mattern

Bildrechte liegen bei Felix Gephart

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