Göran Gnaudschun

Rory MacLean im Gespräch mit Göran Gnaudschun

© Göran Gnaudschun
© Göran Gnaudschun
Eine kettenbehangene Punkerin mit lila Haaren posiert mit königlicher Würde. Eine Anarchistin mit Engelsgesicht, die groß das Wort RAGE auf der Brust trägt, steht stolz da. Ein tätowierter Skinhead findet neue Gelassenheit und Selbstsicherheit. Die Straßenkinder, Alkis und Gothics von Berlin – die Außenseiter und Randexistenzen der konsumorientierten Hauptstadt – erhalten vor Göran Gnaudschuns Kamera einen kurzen Moment lang ihre Würde zurück.

„Meine erste Kamera war eine Perfekta II, ein Geschenk meines Vaters“, erzählt mir Gnaudschun bei unserem Treffen in der Nähe des Alexanderplatzes, wo er seine spannende, zeitgeschichtliche Fotoserie aufnahm. „Als ich sechs oder sieben Jahre alt war, brachte mir diese 6x6-Boxkamera aus Bakelit bei, wie man sich konzentriert, indem sie mich zum Beispiel die ganzen Sommerferien lang auf eine einzige Filmrolle – zwölf Bilder – beschränkte. Ich konzentrierte mich von Anfang an auf Familienporträts, weil Menschen so viel interessanter sind als Sehenswürdigkeiten. Die Abzüge machte ich zuhause in unserem Bad. Ich liebte diesen magischen Moment, wenn unter der roten Dunkelkammerleuchte auf einmal das Bild erschien. Das hat mich immer fasziniert“.

Shelley © Göran GnaudschunIn Kleinmachnow bei Potsdam machte Gnaudschun eine Lehre zum Wasserbauer und studierte danach Bauingenieurwesen in Berlin, doch die Freiheiten, die die Wende mit sich brachte, waren allzu verlockend. Er wurde Gitarrist in einer Punkband, schloss sich der Potsdamer Hausbesetzerszene an, und wegen der vielen langen Nächte verpasste er immer öfter seine Vorlesungen am frühen Morgen.

„Ich schlief dort immer ein und beschloss schließlich, dass es gesünder wäre, wenn ich länger im Bett bliebe. In Wirklichkeit konnte ich mir nicht vorstellen, Bauleiter zu werden oder irgendeine Verwaltungsarbeit zu machen. Meine Erfahrungen mit dem Punkrock und als Hausbesetzer hatten mich dazu gebracht, die Dinge zu hinterfragen, zu versuchen, das zu machen, was ich wollte, und die Vorstellung des archetypischen Künstlerlebens gefiel mir. Die Frage, wie ich mir meinen Lebensunterhalt verdienen wollte, interessierte mich damals nicht“.

Gnaudschun ging an die Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig und veröffentlichte vor und nach seinem Abschluss seine ersten beiden Bücher: Longe – 44 Leningrad (1998) über den Alltag einer ostdeutschen Punkband und Vorher müsst ihr uns erschießen (2001) über die Hausbesetzerszene.

„Die meisten anderen Studenten kamen auch aus unkonventionellen Verhältnissen. In den ersten Jahren nach dem Mauerfall schien alles möglich. Viele von uns hatten wenigstens einmal den Beruf gewechselt, bevor wir nach Leipzig kamen“.

Vor allem Gnaudschuns Porträts fanden allgemeine Beachtung, da es ihm gelingt, seine Sujets in ungestellten, flüchtigen Momenten abzubilden.

Dimitrij  © Föran Gnaudschun„Wenn ich eine Porträtaufnahme mache, versuche ich, eine gewisse Ruhe zu schaffen“, erklärt er. „Ich ermuntere die Person, loszulassen und doch präsent zu bleiben. Ich versuche, meine eigene Präsenz gering zu halten, aber doch einen Moment der Harmonie mit dem Sujet zu suchen. Wir sitzen uns eine Weile gegenüber, ohne viel zu reden, und dann fotografiere ich einfach, ich fotografiere und fotografiere und entwerte dadurch den sogenannten entscheidenden Augenblick, weil alles entscheidend sein könnte. Irgendwann macht es den Menschen nichts mehr aus, sie bleiben einfach, wie sie sind. Oft spielen sich die wirklich spannenden Dinge unterschwellig und nichtsprachlich im Hintergrund ab“.

Anfang 2010 begann Gnaudschun, jede Woche den Alexanderplatz zu besuchen. Er wollte die jungen Menschen kennenlernen und fotografieren, deren Leben, wie er es ausdrückt, „aus den Gleisen geraten“ war. Er interessierte sich für Menschen, die „anders geworden waren, ohne es manchmal eigentlich zu wollen, die mit den bestehenden Rastern der Gesellschaft nicht klarkamen und ihre Regeln nicht akzeptieren konnten“.

Gnaudschun fragte sich, was passiert, wenn familiäre Schwierigkeiten, Apathie oder Gewalt deutsche Jugendliche dazu bringen, in die weite Welt auszureißen?

Mel  © Göran Gnaudschun„Für viele von ihnen bedeutet die weite Welt Berlin, und der Alexanderplatz ist der Ort, an dem Ausreißer, Streuner, Abenteurer und Gestrandete eine Gemeinschaft bilden. Hier treffen sie sich mit anderen, die ähnliche Erfahrungen hatten und die ihnen oft die ersten Tipps zum Überleben oder sogar einen Schlafplatz für die Nacht geben. Die meisten sind sehr jung. Manche sind erst dreizehn und schon von zuhause weggelaufen. Nur selten findet man jemand über dreißig…“

Da er immer wieder kam, um Abzüge seiner Fotografien zu verschenken, und da man ihn als ehemaligen Punk-Gitarristen auf der Straße respektierte, konnte Gnaudschun mit der Zeit ihr Vertrauen gewinnen und begann, Schnappschüsse aus ihrem Leben zu machen.

„Immer, wenn ich da bin – und das ist immer bis spät in die Nacht – bin ich mit meinem ganzen Wesen dabei, nicht nur als Beobachter, sondern auch als Teilnehmer. Ich trinke mit ihnen, und viele erzählen mir ihre Geschichten: der magere Meph mit seinem verständnisvollen Blick, die schroffe, warmherzige Jennis, Paule der Punk, der inzwischen auf Krücken kommt, Jule die Borderlinerin, deren Herz im Wind flattert, und der ruhige René aus dem Knast. In meinen Porträts geht es um die Wiedererlangung der Würde. Ich möchte in den Bildern etwas enthüllen – etwas, das oft als versteckt gilt: Innere Integrität, Selbstbewusstsein und außerdem Schönheit. Schönheit, wo man sie am wenigsten erwartet“.

Sascha © Göran GnaudschunGnaudschun erzählt ihre Geschichten auch in Worten. Als jüngerer Fotograf wollte er, dass jedes Bild vollendet war und keine Erklärung, nicht einmal einen Titel erforderte. Aber am Alexanderplatz empfand er das Bedürfnis, die Dialoge und Erlebnisse niederzuschreiben, und diese sind jetzt Bestandteil seines bemerkenswerten neuen Buchs (erhältlich auf Deutsch und Englisch). Er stellte fest, dass der Alexanderplatz für viele dieser jungen Menschen der Ort ist, an dem sie nicht allein sind und an dem sie sich - trotz gelegentlicher Gewalt und einem tragischen, außergewöhnlichen Mordfall – sicher fühlen.

Gnaudschuns Alexanderplatz wurde im Berliner Haus am Lützowplatz, im bautzner69 in Dresden und in der Städtischen Galerie Neunkirchen gezeigt und wandert im Frühjahr 2015 an das Münchner Stadtmuseum. In Anerkennung seiner Arbeit erhielt er ein DAAD-Reisestipendium, den Lotto Brandenburg Kunstpreis und ein Arbeitsstipendium der renommierten Stiftung Kunstfonds. Neben der Arbeit an seinem eigenen neuen Projekt arbeitet Gnaudschun heute mit seiner Frau Anne Heinlein, ebenfalls Fotografin, an ihrem Projekt Wüstungen, einer Mischung aus aktuellen und Archivfotografien von Häusern, Gehöften und ganzen Dörfern, die von den DDR-Behörden zu Zeiten des Mauerbaus und der Grenzverstärkung enteignet und dem Erdboden gleichgemacht wurden.

Rory MacLean
August 2014

Übersetzt von Susanne Mattern

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