Boris Hars-Tschachotin

Rory MacLean im Interview mit Boris Hars-Tschachotin

Boris Hars-Tschachotin © Boris Hars-Tschachotin
Boris Hars-Tschachotin © Boris Hars-Tschachotin
Für den Regisseur, Installationskünstler und Autoren Boris Hars-Tschachotin begann der Weg zum Filmemachen mit dem Bauen von Fantasiewelten.

„Als Kind konnte ich mich in meinem Zimmer nicht umdrehen, ohne an Pappschlösser, Wälder aus Stöckchen und hängendes Torfmoos zu stoßen,“ erzählt mir Hars-Tschachotin bei unserem Treffen in Berlin. „Ich liebte das Gestalten von Welten, die ich formen und weiterbauen konnte, und meine Großmutter liebte es auch. Welchen verrückten Plan ich mir auch ausdachte – zum Beispiel einen ausbrechenden Vulkan im Sandkasten zu bauen – sie antwortete immer: ‚Ich glaube, das können wir machen‘. Und dann machten wir es“.

Ihre Begeisterung beflügelte die Fantasie des jungen Hars-Tschachotin, und noch während seines Magisterstudiums der Kunstgeschichte, Philosophie und Theaterwissenschaften an der Humboldt-Universität zu Berlin wurde er Location Scout für Spielfilme. „Ich hatte immer eine Schwäche für alte Häuser, für verfallene und vergessene Welten“, sagt er. „In der Pre-Productionphase half ich Regisseuren, Drehorte zu finden und ihre Visionen zu realisieren“. Für Studio Babelsberg arbeitete er mit wichtigen Regisseuren wie Jean-Jacques Annaud, István Szabó, Richard Donner, Wim Wenders und Volker Schlöndorff. „Ich hörte ihnen zu, lernte von ihnen und ließ mich von ihnen inspirieren“.

LURCH short film, 2000 © Boris Hars-TschachotinDurch seine Erfahrung war er in der Lage, mit der Gestaltung eigener Welten im Film zu beginnen, zunächst bei seinem Kurzspielfilm Lurch. „Während des Studiums kam ich mit einem Seminar einmal in das Depot des Museums für Naturkunde Berlin“, erinnert er sich. „In abgedunkelten Sälen verbarg sich die der Öffentlichkeit nicht zugängliche Sammlung von Tausenden und Abertausenden von konservierten Kreaturen in Glasbehältern, von denen viele heute ausgestorben sind. Mich überwältigte nicht nur dieser erstaunliche Anblick, sondern auch die Obsession: Der Mensch bewahrte diese Tiere nach strengen Regeln auf, gleichzeitig aber jagte und tötete er sie und zerstörte ihren Lebensraum. Diesen Widerspruch musste ich einfach filmisch aufgreifen“.

Lurch ist der erste in einer Reihe von fiktiven Kurzfilmen Hars-Tschachotins, ein elegantes wie fesselndes Werk, das an die Arbeiten des jungen David Lynch erinnert. Unheimlich und atmosphärisch schwenkt die Kamera über Reihen von Glasbehältern in den staubigen Kellern, um die Geschichte einer im Museum lebendigen Vergangenheit und vom Geschmack von Konservierungsalkohol zu erzählen.

Die Vergangenheit war für Hars-Tschachotin lange vorher durch die Geschichten seiner Großeltern lebendig geworden. In seiner Kindheit und Jugend hatten sie ihm von den vielen Abenteuern der Familie erzählt, vor allem die seines Urgroßvaters Sergej Stepanowitsch Tschachotin, Freund von Einstein und Gegner des Zaren, der 1905 aus Russland verbannt wurde. Später kämpfte er als Demokrat sowohl gegen die Bolschewisten in der Oktoberrevolution als auch gegen die Faschisten in Deutschland. „In meiner Kindheit hing ich an den Lippen meiner Großeltern und kaute an einzelnen Wörtern ihrer Geschichten, als wären es Süßigkeiten“, erinnert er sich.

SERGEJ IN THE URN, Documentary, 2009 © Boris Hars-TschachotinIm Lauf der Zeit setzte er seine Faszination für die eigene Familie in Sergej in der Urne um, ein eindrucksvoll gemachter, abendfüllender Dokumentarfilm, an dem er in Etappen sieben Jahre arbeitete. „Als ich älter wurde, wollte ich mir ein eigenes Bild von meinem Urgroßvater machen. Es sah so aus, als hätte er seinen vielen Familien viel Ärger hinterlassen“. Zu Anfang des Projekts interviewte er mit seiner Handkamera einen Großonkel, während er durch die Pariser Wohnung des alten Mannes ging und Fragen zu diesem oder jenem Familienerbstück stellte.

„Und was ist mit dieser alten Vase“? fragte Hars-Tschachotin seinen Großonkel.

„Diese ‚Vase‘ ist die Urne deines Urgroßvaters und enthält seine Asche“, verriet er.

Sergej in der Urne dokumentiert die Geschichte von Hars-Tschachotins Urgroßvater, seinen fünf Frauen und acht Söhnen und seinen eigenen Versuch, ihn endlich beizusetzen – 33 Jahre nach Sergejs Tod.

„Mein Interesse an Geschichte ging in dem Fall weit über familiäre Bindungen hinaus. Für mich reflektiert diese komplexe Familiensaga die Geschichte des Zwanzigsten Jahrhunderts mit all seinen Ereignissen, Widersprüchen und Möglichkeiten“, sagt er. „Als ich an dem Film arbeitete, wurde mir klar, dass die Bindungen und Grenzen in jeder unserer Familien die wohl archaischsten, gleichzeitig auch die stabilsten sind“, und schlussfolgert: „Dies sind die wahren Bindungen und Grenzen, die, mit denen wir unser ganzes Leben zurechtkommen müssen, die uns vielleicht nicht lieb sind, aber denen wir nicht entkommen können“.

Sergej in der Urne war 2012 im Kino, die DVD kommt Ende 2013 auf den Markt.

Hars-Tschachotins intensive Recherchen zur eigenen Familiengeschichte haben sein Verhältnis zur Zeit verändert. Er sagt: „Mir ist bewusst, dass einhundert, selbst zweihundert Jahre in der Entwicklungsgeschichte einer Familie nicht besonders lang sind. Träume und Traumata, die nicht im Lauf eines Lebens erfüllt oder aufgelöst werden, können sich auf die jüngere Generation übertragen“.

MAKROSKOP, interactive installation, 2006 © Boris Hars-TschachotinDie Vergangenheit einem Publikum auf neuen Wegen vor Augen zu führen, war auch die Motivation für die vielleicht dynamischste seiner verschiedenen Installationen. Makroskop ist eine interaktive Konstruktion aus 77 schmalen High-Tech-Leinwänden, in Form einer riesigen Spirale angeordnet, auf die Hunderte der Schwarz-Weiß-Fotografien seines Urgroßvaters projiziert werden. Wenn das Publikum die Spirale betritt und die Leinwände berührt, verändern sich Bild und Ton, entfalten sich zu einem Strudel des Kommens und Gehens, deuten Fragen über Familie und Gesellschaft an, über den Einzelnen und dessen Platz in der Masse.

„Mit Makroskop versuchte ich sozusagen einen Widerspruch zu realisieren: ein entschleunigter, fragiler Wirbelwind, der gleichzeitig aber auch extrem dynamisch ist, reißt alles auf seinem Weg mit, doch die Bilder werden in extremer Zeitlupe gezeigt. Es ist sozusagen ein verlangsamter, gezähmter Zyklon“.

Seine Leidenschaft für das Filmemachen und sein Engagement dafür, dass das Medium Film von Kunsthistorikern intensiver erforscht wird, führte Hars-Tschachotin nach Los Angeles an das Getty Research Institute. Neben seiner Mitarbeit am Konzept der Institutsinitiative „Art on Screen“ schrieb er sein Buch, Der Bildbau im Film: Metropolis, Dr. Strangelove und Troy, über die Bedeutung des Production Design für den Film; mit Interviews vieler Spitzendesigner der Branche, u.a. Alex McDowell, Sir Ken Adams, Nigel Phelps und Dante Ferretti. Der Bildbau im Film kommt im November bei der Edition Imorde heraus.

„Production Designer kreieren die Ästhetik des Films, aber der künstlerische Prozess der Gestaltung filmischen Raums – vor allem ihre Zeichnungen – wurde bisher von den Filmwissenschaften wie der Kunstgeschichte weitgehend ignoriert“, sagt er.

BLANK, multimedia installation © Boris Hars-TschachotinZurück aus Los Angeles hat Hars-Tschachotin unlängst die Ausstellung zum vielschichtigen Werk des Künstlers und Kritikers Brian O’Doherty in der Berliner Galerie Thomas Fischer initiiert und ko-kuratiert. Aktuell arbeitet er an einer neuen Installation und an einem Spielfilmskript mit dem Titel Songs of Silence. Darin erzählt er die fiktive Geschichte einer isolierten, amerikanischen Musikerfamilie, die in einer medienhungrigen, digital bestimmten Gegenwart Berühmtheit erlangt. Es ist eine Geschichte über die Macht der Musik, sich aus der Isolation zu befreien.

„In diesem Film schließt sich für mich in gewisser Weise ein Kreis: die Beschäftigung mit Tradition und Familie, die Ergründung simultaner, aber widersprüchlicher Welten und die Dynamik von Schweigen und Sprechen“. Er fügt an: „Schweigen kann enden, wo Musik beginnt“.

Rory MacLean
Oktober 2013

Übersetzt von Susanne Mattern

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