Elmar Hess

Elmar Hess im Interview mit Rory MacLean

© Elmar Hess
© Elmar Hess
„Vielleicht ist das Thema Abschied ein zentraler Punkt meiner Arbeit“, meint der in Berlin ansässige Künstler und Filmemacher Elmar Hess. „Abschied aber nicht im nostalgischen Sinn, sondern im dramatischen, um eine Geschichte zu finden“.

In seiner Arbeit interpretiert Hess zwischenmenschliche Konflikte als Resultat systembedingter Zugzwänge. In Installationen und Filmen und mit Hilfe von Fotografie, Artefakten und Archivmaterial setzt er dabei private Konflikte als geschichtlich politische Ereignisse in Szene.

Die extremste Umsetzung des Themas Abschied findet sich dabei in Hess‘ Debütwerk, dem Film Kriegsjahre, gedreht 1996. In der surreal anmutenden Arbeit eskaliert eine Beziehungskrise zum Weltkrieg. Der Fantasie des Protagonisten entgleitet die Wirklichkeit: Der Küchentisch gerät zum Schlachtfeld, auf dem sich die zerstrittenen Lebenspartner – inszeniert als Winston Churchill und Adolf Hitler – begegnen. „Im Hinblick auf seine Ausschließlichkeit lässt sich das Ende einer Begegnung auch als diktatorisches Moment begreifen“, erinnert sich Hess.

War Years © Elmar HessUm dies zu inszenieren, lässt Hess in seinem Film die deutsche Geschichte des 20. Jahrhundert in kontroversem Licht erscheinen, bricht politische Tabus und zeigt ein Bild seelenloser sozialer Landschaft auf. Dabei entsteht das Gefühl des Abschieds nicht nur, wenn die im Phantasma des Protagonisten zur ‘Fregatte’ gesteigerte ‘Kontrahentin’ schließlich versenkt ist, sondern auch, weil in diesem Film der moderne Künstler gleich mit auf der Strecke bleibt. In der letzten Szene des Films treibt Hess in einem kleinen Boot verlassen im Wasser und erklärt allem Scheitern zum Trotz in den Worten Churchills (die er synchron spricht): „We are sure that in the end everything will be well.“

Das Thema Abschied hat für Hess tiefe Wurzeln. Wichtige Momente seiner Kindheit verbringt er an der englischen Südküste. Durch die Nähe zu den britischen Überseehäfen entwickelte er eine Leidenschaft für Transatlantikschiffe. „Es war Zufall damals“, erzählt er, „ein Zusammentreffen, so schnell da, wie wieder vorbei, im Juni 1972 während einer Kanalüberfahrt nach England. Vom Deck des Fährschiffs sah ich eines dieser riesigen Schiffe mit Kurs Amerika, das an unserer Fähre vorbeirauschte – schon damals ein Anachronismus, denn die Ära der Passagierschifffahrt auf dem Nordatlantik war längst vorbei.“ Schiffslegenden waren dem Massenprodukt Flugzeug gewichen, prunkvolle Reisen unrentabel und jener Überseedampfer das einzige verbliebene Passagierschiff auf der Route – wirtschaftlich in den roten Zahlen.

War Years © Elmar Hess „Ein Anachronismus, ja. Nur war das kaum zu begreifen angesichts wie verflucht schön dieses Schiff war“, sagt Hess. „Aber dieses Da-moklesschwert der drohenden Außerdienststellung machte die Sache wiederum erst recht dramatisch. So verschwand zwar das Schiff bald am Horizont, doch sein Bild blieb in meinen Gedanken präsent, bis heute. Letztlich war mir aber nicht die Agonie, die es umgab, von Bedeutung“, fährt Hess fort, „vielmehr geriet das Schiff aufgrund seiner Ausnahmestellung inmitten voranschreitender Nivellierung und Schnelllebigkeit für mich zum Synonym für Eigensinn und Ausdauer. Allen ökonomischen Prognosen zum Trotz blieb es nämlich noch über Jahrzehnte in Dienst“.

Zwar stehen persönliche Erlebnisse wie dieses eher selten direkt im Mittelpunkt von Hess‘ Arbeiten. Doch spiegeln sie sich in Details und der oft metaphorischen Bildsprache seiner Arbeiten wider.

La Mère Perdue © National Archive, WashingtonIn seiner neuesten Arbeit, La Mère Perdue, wird ein historisches Ereignis, in dessen Mittelpunkt das Bildnis der „Mona Lisa“ steht, mit Hess’ prägender Schiffsthematik in Verbindung gebracht. Das Projekt thematisiert u.a. die Leihgabe der „Mona Lisa“ an das Metropolitan Museum of Art im Jahr 1962 und ihre Reise nach New York an Bord des Passagierschiffs „France“.

„Es gibt die Theorie, dass die Mona Lisa ein Porträt der Mutter des Kardinals Ippolito de’ Medici war und nach ihrem frühen Tod für ihn gemalt wurde“, erklärt Hess. „Das Porträt der Mutter wird täglich von vielen Menschen bewundert, aber nur eine Person – De’ Medici – hatte eine ganz persönliche Beziehung zum Gemälde.“

Im Mittelpunkt der Ausstellung La Mère Perdue, die Mitte März 2013 in der „Saarländischen Galerie – Europäisches Kunstforum“ in Berlin eröffnet wird, steht die Fragestellung, inwieweit Wertevorstellungen und kulturelle Bedeutung objektivierbar sind. „Das Schiff ‚France‘ habe ich besonders geliebt“, sagt Hess über das Projekt. „Ich habe als Kind eine Reihe Modellschiffe gebaut, die ‚France‘ war mein erstes. Aber für mich war das von Anfang an etwas völlig anderes als eine Bastelei. Ich empfand das Schiff als Möglichkeit, Dinge anders zu sehen und zu begreifen. In ihrer unikathaften Schönheit war mir die ‚France‘ auch eine Form von Nein zu Nivellierung und Allgemeinplätzen, ein Gegenpol zu viel zu häufigem Hinterhergelaufe nach möglichst Aktuellem“, sagt Hess. „Allgemeinplätze interessieren mich nicht.“

La Mère Perdue © Peter KnegoDie Installation La Mère Perdue besteht aus vier Räumen, in denen unter anderem Bilder der Überwachung der „Mona Lisa“ im New Yorker Museum und Filmaufnahmen der letzten Reise der ‚France‘ zum Schrottplatz zu sehen sind. Im letzten Raum der Installation befindet sich Hess’ erstes Modellschiff, geschützt hinter kugelsicherem Glas und bewacht von zwei Marinesoldaten – wie die „Mona Lisa“ in New York.

„Für mich steht das Modell auch für eine kleine Tragödie“, erzählt Hess. „Im Oktober ’74, als ich es baute, liefen zwei Ereignisse etwas unglücklich zusammen: Am selben Tag nämlich wurde das Original des Schiffs außer Dienst gestellt – ein Abschied mehr. Vielleicht war Anmut noch selten rentabel“, meint Hess, „mir war sie aber oft ein Moment des Unterbrechens, des Innehaltens im fortwährenden Immer-Weiter, im alltäglichen Kommen und Gehen oder Nahsein und Fernbleiben“.

Rory MacLean
November 2012

Übersetzt von Elmar Hess und Susanne Mattern

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