Kerstin Hille

Kerstin Hille im Interview mit Rory MacLean

© Kerstin Hille
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„Ich sage lieber einfach, dass ich zeichne“, meint Kerstin Hille, eine begabte junge Berliner Grafikkünstlerin, die sich nicht in eine Schublade stecken lassen will. „Für mich ist das Zeichnen ein Entdeckungsprozess. Meine Erinnerungen verbinden sich zum Beispiel mit Musik, und es entsteht etwas Unerwartetes“, erklärt sie und steckt sich eine blonde Haarsträhne hinter das Ohr. „Oft ist meine Arbeit von einem Gefühl der Wut begleitet. Um damit umzugehen, muss ich mir einen Weg hindurch suchen und sehen, was sich ergibt. Ich weiß selten, wo das hinführt, ich weiß nur, dass ich diesen Vorgang liebe.“

Hille wuchs in einem Vorort von Dresden auf. Als Kind zeichnete sie ständig, oft auf Papierstücke, die ihre Mutter für Einkaufszettel beiseite gelegt hatte. Ihre kleinen, fragmentierten Bilder waren wie optische Haiku-Gedichte – klar und präzise, mit schönen wie auch geheimnisvollen Elementen – und ihre Eltern erkannten ihr Talent. Ihr Vater meldete sie zum Kunstunterricht an der Traktorenfabrik in der Neustadt an, wo er arbeitete, und Hille lernte den Umgang mit Bleistift, Kohle, Linolschnitt und Ton vom betriebseigenen Kunstmaler.

„Ich liebte den Geruch der Linoldruck-Tinte, die Textur der Kohle; ich saugte das alles auf wie ein Schwamm“, erinnert sie sich.

'Sonne' © Kerstin HilleIhre Begeisterung führte zu einem Abendkurs an der Dresdner Hochschule für Bildende Künste, den sie gleichzeitig mit ihrem Abitur absolvierte. Aber Hille machte so schnelle Fortschritte, dass andere Kunsthochschulen ihr keinen Studienplatz gaben, da sie meinten, sie sei zu jung. Dadurch kamen ihr Zweifel, und sie verlegte sich auf Werbung und Grafik-Design. Glücklicherweise erkannte die Kunsthochschule Weißensee ihr Talent, und sie studierte dort bei Nanne Meyer.

Hilles Zeichnungen haben eine bewusst fragmentierte, surreale Qualität mit Anklängen an Edward Gorey und Shaun Tan und vermitteln zudem ein überwältigendes Gefühl des Verlustes. Sie kreiert imaginäre Parallelwelten, die mit der realen Welt verknüpft sind. In Sammelkarten, einer Serie von 56 gedruckten Karten, illustriert sie obskure neue „Unwörter“, die von Bürokraten oder Kulturreportern geprägt wurden. So zeigt Kultursuche zwei Männer mit Hut, die sich mit Taschenlampen gegenseitig beleuchten, um ihr inneres spirituelles Skelett zu finden. In Schöpfungshektik repliziert sich das Profil eines denkenden Mannes. In Attraktionsplanung trocknen drei spitzbrüstige Frauen in einem Schönheitssalon ihre spiralförmig frisierten rosa Haare. Hille hat ihre skurrilen Karten in der Berliner U-Bahn verteilt und sie in Fahrkartenautomaten gesteckt, womit sie Kommentare und Gespräche provozierte.

'Attraktionsplanung' © Kerstin Hille

 

 

 

 

 

 

„Mich überrascht immer, warum ich etwas mache“, sagt sie mit einem Lachen, gleichzeitig befreit und verunsichert angesichts der Widersprüchlichkeit ihrer künstlerischen Entwicklung. „Es kommt einfach aus mir heraus.“

In Gestern und heute verknüpft Hille oft unzusammenhängende Elemente zu sparsamen, eindringlichen, einsamen Bildern: ein Zug fliegender Vögel, ein Nest und die Sonne; die Uhr ihrer Großmutter. Wie viele ihrer Arbeiten ist Gestern und heute teilweise von der Musik inspiriert, die sie hört (ihr Vater ist passionierter Amateurpianist). Um sicherzustellen, dass ihre Bilder nicht zu hübsch oder zu edel werden, zeichnet sie in einem bewussten ästhetischen Sabotageakt mit einem billigen Mehrfarbkugelschreiber.

„Ich kann und will nicht alles erklären“, sagt sie. „Wenn ich die Worte finden könnte, um meine Arbeit zu beschreiben, wäre ich Schriftstellerin.“

In Meine 246 besten Freunde, einer laufenden Arbeit, zeichnet Hille intime Portraits ihrer Freunde im DIN-A5-Format. „Ich denke immerzu daran, wie wir altern, und an das Leben im und Festhalten am Augenblick.“

© Kerstin HilleUm Zeit für ihre kreative Arbeit zu haben, arbeitet sie in Teilzeit als Illustratorin in Berlin sowie als Dozentin für Zeichnen in Mecklenburg-Vorpommern.

„Ich unterrichte gern, weil ich dadurch gezwungen bin, das Wichtige am Zeichnen zu erklären“, meint sie. „Es hilft mir, Ideen zu fokussieren und verschafft mir Klarheit.“ Hille seufzt und fährt dann fort: „Aber für mich gibt es nichts wie das Zeichnen an sich. Wenn ich zeichne, dann bin ich so im Augenblick, so präsent. Es ist ein Prozess der Entdeckung, der Evolution. Er gibt mir das Gefühl, dass ich meine eigene Welt schaffe, und dies ist für mich eine ungeheure Befriedigung.“

Rory MacLean
Juni 2013

Übersetzt von Susanne Mattern

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