Erika Hoffmann

Rory MacLean im Interview mit Erika Hoffmann

Portrait Erika Hoffmann © Sammlung Hoffmann, Berlin
Portrait Erika Hoffmann © Sammlung Hoffmann, Berlin
„Wir waren vielleicht naiv, aber es war unser Traum“, sagt Erika Hoffmann, die elegante Mitbegründerin , Besitzerin und Kuratorin der Sammlung Hoffmann, der ersten und umfassendsten privaten Kunstsammlung, die im Osten nach dem Mauerfall eröffnete.

„Ursprünglich hatten weder meine Familie noch die meines Mannes eine Verbindung zur Kunstszene, bis meine Mutter wieder heiratete“, erinnert sich Hoffmann. Nach dem Krieg war ihr Stiefvater, der Direktor des Städtischen Museums Mönchengladbach, fest entschlossen, die zerstörte Museumssammlung wieder aufzubauen. „Er bemerkte mein Interesse und nahm mich mit auf Reisen nach Holland und Belgien. Wenn die Kinder in diesen Ländern damals das deutsche Nummernschild sahen, spuckten sie unser Auto manchmal an. Sowie wir aber bei den Konservatoren und Sammlern drinnen waren, wurden wir herzlich begrüßt“.

Fernab von den Zerstörungen des Nachkriegsdeutschlands und angesichts erlesener Kunstsammlungen und exquisiter Kunstwerke fühlte sich Erika Hoffmann wie in einer „anderen Welt“.

„Diese expressionistischen Gemälde und dann die Entdeckung radikaler zeitgenössischer Arbeiten aus Holland und den USA gaben mir das Gefühl, neue Stimmungen, Emotionen und intensive Farben zu erleben“’ erzählt sie mir bei unserem Treffen in Berlin. „Für mich drückte Kunst die absolute Freiheit, eine grenzenlose Freiheit, aus“.

Teresa Murak, (Project For A) Sculpture for The Earth, 1996. © Sammlung Hoffmann, BerlinIhre Autofahrten mit ihrem Stiefvater im Alter von vierzehn Jahren prägten Hoffmanns Leben. Sie entschied sich für ein Studium der Kunstgeschichte, obwohl ihre Mutter dies für „einen brotlosen Baum“ hielt. Aber dann lernte sie Rolf Hoffmann kennen, einen „genialen Marketing-Mann“, den sie heiratete und mit dem sie die elegante und ungemein erfolgreiche Modefirma Van Laack aufbaute. Sie war „begeistert vom Erlebnis der Schwangerschaft“, von ihren drei Kindern, von ihrer Tätigkeit als Stoffentwerferin und später Designerin der firmeneigenen Produktlinie.

„Wir hatten nie vor, Sammler zu werden“, meint sie. „In den 1960ern waren Kunstobjekte etwas für die gierige, materialistische Bourgeoisie. Damit wollten wir nichts zu tun haben. Stattdessen hungerten wir nach Ideen und wollten unser Leben durch kreatives Denken und Diskussionen bereichern“.

Die Hoffmanns unternahmen ihre ersten Vorstöße in die zeitgenössische Kunstszene bei den frühen Documentas in Kassel und bei der Gruppe ZERO in Düsseldorf. Sie wollten wissen, was Künstler wie Günther Uecker, Heinz Mack und Otto Piene bewegte, warum sie getrieben waren vom Bedürfnis nach Arbeit und Selbstdarstellung, wo sie doch so gut wie keine Aussichten auf finanziellen Ausgleich hatten. Durch ihre Treffen und Gespräche begriffen sie Kunst schließlich als einen überzeugenden Weg für die Beschäftigung mit den Fragen, denen sich die moderne Gesellschaft stellen muss. Die daraus entstandenen Freundschaften brachten ihnen Inspiration und veränderten ihr Leben sowohl privat als auch beruflich.

„Als wir beispielsweise den belgischen Künstler Marcel Broodthaers kennenlernten, war er so arm, dass er keinen Kühlschrank hatte. Er konnte es sich nicht leisten, die Arztrechnung zu bezahlen. Da erkannten wir, dass die Künstler überhaupt nicht gegen den Verkauf ihrer Werke waren“.

1968 folgte Erika Hoffmann dem Trend von Biba und Lord Kitcheners Valet in London und eröffnete in Mönchengladbach ein exklusives Modegeschäft namens Tom’s Corner Drugstore. In der Nische über der Eingangstür, wo früher eine Marienfigur gestanden hatte, brachte sie das kinetische Kunstwerk „Signal“ von Panayotis Vassilakis Takis an. Die Stadtbehörde beschwerte sich, dass das blinkende Licht die Autofahrer ablenkte, also musste „Signal“ entfernt werden. „Und so landete das erste Kunstwerk bei uns zuhause“, sagt Erika Hoffmann mit einem Lachen. „In gewisser Hinsicht war dies unser Sündenfall. Unser ‚Fall‘ vom Ideal der Freiheit von allen Besitztümern“.

Heute gehören zur riesigen Sammlung Hoffmann moderne Malereien, Skulpturen, Fotografien und Videokunst. Die Sammlung, die zwei Stockwerke einer ehemaligen Fabrik in der Berliner Sophienstraße einnimmt, ist auch Erika Hoffmanns Wohnung und war die ihres Mannes bis zu seinem Tod im Jahr 2001.

Die Idee, sowohl die Sammlung als auch ihre Wohnung der Öffentlichkeit zugänglich zu machen, kam ihnen erst nach dem Zusammenbruch des Kommunismus.

„Rolf und ich waren tief bewegt, als die Mauer fiel“, sagt Erika Hoffmann. „Wir wollten unsere Türen öffnen und die Ideen, die uns geprägt haben, mit anderen Deutschen teilen. Wir wussten, dass der Dialog notwendig war“.

Katharina Sieverding, Stauffenberg-Block, 1969/96 © Sammlung Hoffmann, BerlinIm Jahr 1997 richteten die Hoffmanns ihre bewohnte Sammlung im alten Ostberlin ein. Aber ähnlich wie die spuckenden Kinder Anfang der 1950er lehnten ihre neuen Nachbarn ihre Bemühungen um eine Annäherung ab. Die Türen blieben ihnen verschlossen. Die meisten Anwohner ignorierten ihre Einladungen. In ihrem Viertel erschien die Graffiti „Rheinländer raus!“

„Man betrachtete uns als westliche Kapitalisten, als Kolonialherren“, sagt Erika Hoffmann wirklich traurig. „Wir konnten die Sammlung nicht mit den Menschen teilen, mit denen wir sie ursprünglich teilen wollten. Stattdessen teilen wir sie mit Anderen aus aller Welt“.

Da die Sammlung nicht von Trends oder Populismus, sondern von privater Leidenschaft getrieben ist, macht sie einen besonders persönlichen Eindruck. Die Amerikaner Bruce Nauman, Andy Warhol und Fred Sandback sind vertreten, ebenso Frank Stella, ein Freund der Familie, dessen lebendige, eindrucksvolle Arbeit (aus der Serie Moby Dick) das einzige Stück ist, das während des jährlichen Umhängens nicht bewegt wird. Das wachsende Interesse der Hoffmanns an Osteuropa und Asien führte zur Akquisition von Werken von Katarzyna Kozyra aus Polen, Hiroshi Sugimoto aus Japan und Fang Lijun aus China. Zu den vielen anderen Künstlern, deren Werke und Ideen die Sammlung prägen, gehören Jean-Michel Basquiat, Joseph Beuys, Felix Droese, Günther Förg, Isa Genzken, Nan Goldin, Felix Gonzalez-Torres, François Morellet, Arnulf Rainer und Gerhard Richter.

installation view 4th floor, Katharina Grosse, Sie trocknen ihre Knie mit einem Kissen, acrylic spray paint on wall,  2012 © Sammlung Hoffmann, BerlinEin Rundgang durch die Sammlung Hoffmann ist ein spannendes und anregendes Kulturerlebnis. Besucher, die jeden Samstag nach Voranmeldung willkommen sind, werden bei der Führung nicht belehrt. Stattdessen fördert der Führer die Diskussion, den Gedankenaustausch, und hält damit Rolf and Erika Hoffmanns feste Überzeugung lebendig, dass die Kunst das Leben des Einzelnen verbessern und bereichern und über die Grenzen, Zeit und Generationen hinweg zwischenmenschliches Verständnis schaffen kann.

„Ich denke gern, dass wir Berlin etwas gegeben und dazu beigetragen haben, um es offener zu machen“, sagt mir die charmante Erika Hoffmann.

Rory MacLean
September 2013

Übersetzt von Susanne Mattern

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