Christoph Hübner

Christoph Hübner im Gespräch mit Rory MacLean

Christoph Hübner
Christoph Hübner
Wo beginnt die Reise eines Künstlers? Bei Phantasiespielen in der Kindheit? Bei einer zufälligen Begegnung? Durch die Begeisterung eines wohlwollenden Erwachsenen? Im empfindsamen Innersten der menschlichen Seele?

Im Alter von vierzehn Jahren wurde Christoph Hübner, heute einer der führenden Dokumentarfilmer Deutschlands, zu einer Ausstellung der Fotografien von Cartier-Bresson mitgenommen.

„Die Bilder haben mich tief berührt“, erzählt mir Hübner und wiegt dabei den Kopf, als sei er von diesem Erlebnis noch immer beeindruckt. „Dies war für mich eine neue Sicht der Welt, die die Realität von Orten und Menschen erfasste, dabei aber gleichzeitig eine eigene Komposition entstehen ließ“.

Die Ausstellung inspirierte Hübner, sich selbst mit Fotografie zu befassen. Mit einer klassischen Contax, die ihm sein Großvater schenkte, begann er seine Heimatstadt Heidelberg zu erkunden und Schnappschüsse ihrer Einwohner und Straßenbilder aufzunehmen.

„Als Kind war ich schüchtern“, erinnert er sich, die Arme gekreuzt, die grauen Haare wild gelockt, den Blick durch seine randlose Brille in die Ferne gerichtet. „Mein Fotoapparat gab mir einen Vorwand, näher an Menschen heranzurücken oder an einer Stelle zu bleiben, um das Leben und Treiben zu beobachten. In gewisser Hinsicht verlieh mir mein Fotoapparat Flügel“.

Hübners Faszination mit dem Zusammenspiel von Realität und Ästhetik zeigte sich schon in diesen frühen Amateurfotos. „Mich interessierten Menschen, aber gleichzeitig fragte ich mich: ‚Wie gestaltet man ein Bild’? Ich begann mich mit Form, Komposition, selbst mit Rhythmus auseinanderzusetzen“.

Sein Vater war Kirchenmusiker gewesen. Er selbst spielte Cello.

„Jedes Bild hat einen eigenen Rhythmus, zum Beispiel zwischen Vorder- und Hintergrund, Licht und Schatten, im Zeitverlauf“.

Gabriele Voss at the cutting table. Copyright C HübnerAn der Universität studierte Hübner Jura, verlor aber schon bald sein Herz sowohl ans Theater als auch an die Linguistin und Geigenspielerin Gabriele Voss, die seine Lebensgefährtin und Kooperationspartnerin wurde. Am Heidelberger Theater im Gewölbe begann er, bei Schauspielen Regie zu führen, unter anderem bei einem Stück von Rainer Werner Maria Fassbinder. „Wir trafen ihn in München am Set von Liebe ist kälter als der Tod“, erinnert sich Hübner. „Er verließ die Dreharbeiten, um mit uns über unsere Pläne und Ideen zu reden. Er war sehr freundlich und zugewandt und gab uns die Erlaubnis, das Stück umsonst aufzuführen“.

Hübners zweifache Liebe für die Fotografie und das Theater veranlasste ihn, sich 1971 bei der HFF Hochschule für Fernsehen und Film einzuschreiben. Dort öffnete ihm der legendäre Filmhistoriker Helmut Färber die Augen für die „stillen Räume“, die dem kreativen Prozess zugrundeliegen. „Jede Art von Kunst befasst sich mit Geheimnissen, mit dem Raum zwischen den Worten“, sagt Hübner. „Färber lehrte uns, diese Freiräume nicht zu schnell zu füllen, sondern stattdessen dem kreativen Prozess Zeit zu geben. Bei meinen Dokumentarfilmen ermahne ich mich noch heute, mir Zeit zu nehmen, damit die Menschen und Situationen sich öffnen können“.

In seinen ersten Filmen setzte er sich weiter mit dem Verhältnis zwischen Sujet und Form auseinander, indem er dokumentarische Recherchen mit Neuinterpretationen des gleichen Materials durch Schauspieler kombinierte. Für Huckinger März reisten Hübner und Voss ins Ruhrgebiet, um am Ende eines erbitterten wilden Streiks mit Stahlarbeitern zusammenzutreffen. Die Bandaufnahmen der Interviews komprimierten sie zu einem Drehbuch, das die Arbeiter dann vor der Kamera darstellten – in der Form an ein Brecht’sches Lehrstück erinnernd.

„Diese Erfahrung veränderte unser Leben“, erzählt er mir. „Für uns waren die Menschen des Ruhrgebiets die eigentliche Offenbarung. Sie waren so voller Leben und Humor. Sie gefielen uns so sehr, dass Gabriele und ich nach zwei weiteren Filmen im Ruhrgebiet beschlossen, erst einmal fünf Jahre lang dorthin zu ziehen“.

Die jungen Filmemacher nahmen ihren Wohnsitz in Witten und konzentrierten ihre Arbeit auf die Menschen, Orte und Geschichten des Ruhrgebiets. Ihr erster internationaler Erfolg, mit dem renommierten Adolf-Grimme-Preis ausgezeichnet, war die Lebens-Geschichte des Bergarbeiters Alfons S., die dieser bemerkenswerte alte Mann aus dem Ruhrgebiet in einem über viereinhalb Stunden langen Film selbst direkt in die Kamera erzählte. Am Ende jedes Drehtags besprachen Hübner und Voss die Aufnahmen des Tages mit Alfons und ermöglichten ihm dadurch, aktiv an der Präsentation seiner eigenen Geschichte mitzuwirken.

„Unsere ursprüngliche Idee war einfach, seine Erinnerungen für die Nachwelt zu dokumentieren“, erzählt mir Hübner. „Schließlich hatten wir über 50 Stunden Material aufgenommen, das wir so lange anschauten, bis eine eigene Art von Film daraus entstand. Das Material selbst zeigte uns, welche Struktur wir dem Film geben mussten. Wir beschlossen, Alfons’ Leben nachzuverfolgen und den Rhythmus des Films durch seinen Sprechrhythmus bestimmen zu lassen. So konnte sich der Zuschauer durch den Rhythmus tatsächlich in Alfons’ Welt hineinversetzen“.

Wie alle ihre Filme hat die Lebens-Geschichte des Bergarbeiters Alfons S. eine organische Qualität, die sich durch das Sujet und durch die Autoren selbst ergibt. Hübner und Voss sind jedoch in keinem ihrer Filme aufdringlich oder auch nur bewusst präsent – ihre Kunstfertigkeit und Bescheidenheit machen sie für den Zuschauer so gut wie unsichtbar.

„Wir wollten niemals zwischen dem Sujet und dem Zuschauer Barrieren errichten. Um das zu erreichen, muss man seinem Sujet zuhören, das Material immer wieder anschauen und dann eine Struktur finden, die dessen Charakter und nicht nur den eigenen Vorstellungen entspricht. Ein guter Dokumentarfilmer muss sensibel genug sein, um zu fragen: ‚Was erzählt es mir’? Nur dann kann man dem Zuschauer das, was man sieht, wirklich nahebringen“.

„Den Zuschauern ist oft gar nicht bewusst, dass der Filmemacher gerade dann, wenn er anscheinend weniger tut, viel mehr tun muss“, sagt Hübner mit einem Lachen.

Halbzeit Film Poster. Copyright: C HübnerEine Trilogie von Fußballfilmen hat Hübner und Voss erneut in den Blickpunkt der Öffentlichkeit gerückt. Der erste Teil, Die Champions – über drei Jahre hinweg gefilmt – verfolgt die Träume und Ambitionen junger Spieler, die eine Profikarriere in dem berühmten Fußballclub Borussia Dortmund anstreben. Dessen außergewöhnlicher Erfolg führte zu einem zweiten Film, HalbZeit, eine Studie von Spielern in der Mitte ihrer Karriere. Der letzte Teil der Trilogie soll in den nächsten Jahren gedreht werden und wird wahrscheinlich den Titel NachSpiel tragen. Er wird sich mit Fußballspielern am Ende ihres Berufslebens befassen.

Die bemerkenswerte Arbeitsbeziehung zwischen Hübner und Voss ist das Herzstück aller ihrer Filme. „Meist habe ich die anfängliche Idee, aber dann entwickeln wir das Projekt gemeinsam und arbeiten als Koautoren. Oft mache ich den Dreh und Gabriele schneidet das Material“. Er zögert und fügt hinzu: „Aber ‚Schnitt’ ist nicht das richtige Wort. Die Montage eines Dokumentarfilms ähnelt eher dem Schreiben eines Drehbuchs. Die Editorin – in diesem Fall Gabriele – sucht im Material nach der Geschichte und der besten Möglichkeit, diese zu erzählen“. Er fügt an, dass Voss ein bemerkenswertes Buch über diese Art der Filmmontage geschrieben hat.

„Unsere Filme sind so etwas wie Erzählungen mit realen Menschen. Sie unterscheiden sich nicht wesentlich von der Spielfilmproduktion, mit einer Ausnahme. Ich dränge mich oder meine vorgefassten Meinungen meinen Sujets nicht auf. Ich versuche, der Realität gegenüber offen zu sein, und im Gegenzug ist die Realität auch mir gegenüber offen. Wenn man die Dinge geschehen läßt, bekommt man so viel zurück“.

Rory MacLean
Oktober 2011

Übersetzt von Susanne Mattern

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