Reinhard Kleist

Reinhard Kleist im Interview mit Rory MacLean

Reinhard Kleist  © Reinhard Kleist
Reinhard Kleist  © Reinhard Kleist
Während meiner Kindheit in Kanada las ich in den Sommerferien immer Comics. Nicht Batman oder The Beano, die für meinen Geschmack zu beschränkt waren – testosterongeladene Heldentaten in Gotham City oder alberne Streiche in den englischen Midlands – sondern Die Ilias, Moby Dick und Der Herr der Ringe.

Damals brachte ein inspirierter amerikanischer Verleger namens Albert Kanter die Serie Classics Illustrated heraus, die in Deutschland unter dem Titel Illustrierte Klassiker verlegt wurde. Im Lauf von dreißig Jahren veröffentlichte er 169 Adaptionen literarischer Meisterwerke in Form von mitreißenden Bilderzählungen. Dickens, Dumas, Emily Bronte, Gogol und Goethe habe ich zuerst in Comicfassung gelesen. Kanter hatte sich zum Ziel gesetzt, jungen Menschen intelligente Literatur nahe zu bringen, und seine Arbeit steht nach wie vor in der Geschichte der Comic-Hefte für Kinder an erster Stelle.

Nach dem Niedergang der Classics Illustrated im Jahr 1971 begannen neue, begabte Erzähler zeitgemäßer Comicgeschichten – Künstler wie Robert Crumb, Art Spiegelman und Posy Simmonds – für Erwachsene zu schreiben. Seit der Veröffentlichung zweier seiner Bücher in Großbritannien gehört zu diesem Kreis jetzt auch der energiegeladene, sympathische Reinhard Kleist, ein vierzigjähriger deutscher Autor von Graphic Novels.

„Ich habe schon als Kind Comic-Hefte gezeichnet“, erzählt mir Kleist beim Tee in seinem Atelier in der Kastanienallee im Berliner Ortsteil Prenzlauer Berg. „Ich wollte gleichzeitig bildender Künstler und Geschichtenerzähler sein. Als ich die Arbeiten des englischen Illustrators Dave McKean entdeckte, dachte ich: ‚Toll! Das kann ich machen’! Neben Kent Williams und Bill Sienkiewicz war er meine Inspiration“.

Kleist studierte an der Fachhochschule für Grafik und Design Münster und produzierte als Abschlussarbeit eine Biografie des amerikanischen Horror- und Science-Fiction-Schriftstellers H. P. Lovecraft.

„Ich habe seine Biografie mit einer seiner eigenen Geschichten verwoben“, erklärt Kleist mit glitzernden Augen. Seine Arbeit beeindruckte den deutschen Romanschriftsteller Tobias Meißner so, dass er ihn fragte: „Was wollen wir zusammen machen“?

„Ich will Vampire und Berlin“, antwortete Kleist.

„Dann schreibe ich Ihnen die Geschichte“, sagte der Schriftsteller.

Berlinoir © Reinhard Kleist

 

Das Ergebnis was Berlinoir, eine dreiteilige Serie bemerkenswerter Graphic Novels, die in einem imaginären, von Vampiren regierten Berlin spielen – teils dekadente Weimarer Republik, teils faschistische Diktatur, teils ostdeutsches Gefängnis. Düstere Wolkenkratzer erheben sich um das Brandenburger Tor, und Vampire saugen den Bürgern das Blut aus. „Es ist eine Satire auf alle politischen Regimes“, meint Kleist.

Seine bisher ausgereiftesten Bücher sind Biografien von Johnny Cash und Fidel Castro, jetzt von SelfMadeHero – einer Verlagsmarke von Metro Media – auf Englisch veröffentlicht.

Johnny auf Hocker © Reinhard Kleist„Als ich Cashs Autobiografie las, wurde mir klar, dass ich mein ganzes Leben lang auf diese Geschichte gewartet hatte“, lacht er. „Hier ging es nicht um Country-Musik. Das war Punk! Das war Rock and Roll!’

Der Erzähler von Johnny Cash: I See A Darkness ist Glen Sherley, ein Country-Sänger und Songwriter, der für Cash den Song Greystone Chapel schrieb, als er eine Haftstrafe wegen bewaffneten Raubüberfalls im Gefängnis Folsom verbüßte.

„Ich wollte Cashs Biografie nicht einfach reproduzieren. Ich wollte eine Verbindung zwischen seiner Lebensgeschichte und seiner Musik herstellen. Bei meinen Recherchen wurde mir klar, dass es in Cashs ganzem Leben um das Eingesperrtsein ging. Entweder versuchte er, einer Gefängnisstrafe zu entgehen oder noch häufiger, seinem eigenen Gefängnis zu entfliehen. Es ist eine Geschichte von Schuld und Sühne“.

In Deutschland war I See A Darkness ein riesiger Erfolg auf dem Markt und bei den Kritikern – das Buch wurde inzwischen in sieben Sprachen übersetzt - und Kleist zog mit einem Reisetagebuch über Havanna nach.

Seite 104  © Reinhard Kleist„Mein Verleger sagte mir, ich solle mir ein Land aussuchen“, erzählt er mir. „Ich wählte Kuba, weil Castro krank war“. Eine Ausstellung seiner kubanischen Zeichnungen in Hamburg fand ein breites Echo in den Medien. „Eine Biografie über einen kubanischen Führer bot sich als nächstes an. Ich dachte an Che Guevara, aber Castro hatte ein wesentlich interessanteres Leben geführt. Die Frage war, wie kann man 80 Jahre politische Geschichte in einem Comic zusammenfassen“? Die Zusammenarbeit mit dem renommierten Historiker Volker Skierka half Kleist, diese Frage zu beantworten. „Es war eine sehr enge Kooperation. Skierka ist ein ausgezeichneter Schriftsteller“.

Zu Kleists anderen grafischen Arbeiten gehören eine Biografie von Elvis Presley, Kurzgeschichten über den „verlorenen“ Vergnügungspark von Coney Island und eine Neufassung von Dorian Gray, in der sich die klassische Erzählung von Oscar Wilde mit Clive Barkers Menschliche Überreste vermischt.

Auf Kleists Zeichentisch liegen Tuschfedern, Tinten und Pinsel. An der Wand neben ihm hängen Charakterskizzen von ausgemergelten Gefangenen und uniformierten Offizieren. Sein laufendes Projekt, in 110 Folgen im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Zeitung veröffentlicht, erzählt die Geschichte von Hertzko Haft, einem polnischen Juden, der im Konzentrationslager Jaworzno in der Nähe von Auschwitz interniert war. Während des Krieges schützten die SS-Offiziere des Lagers die kräftigsten männlichen Gefangenen für ein mörderisches Spiel. Jeden Sonntag wurden Boxkämpfe zur Unterhaltung der Offiziere veranstaltet und die Gewinner mit Lebensmitteln belohnt.

Reinhard Kleist © Paulus Ponizak„Die Leser des Feuilletons sind an amüsante Cartoons gewöhnt, aber die Geschichte von Haft ist nicht lustig. Sie ist alles andere als lustig. Sie ist sehr düster. Ich sagte dem Redakteur, dass ich nichts auslassen wollte, und er versicherte mir, seine Leser könnten das verkraften“. Kleist fügt an: „Mir gefällt an Haft, dass er kein Opfer ist. Er ist ein starker Charakter, eine Kämpfernatur. Er ist keine Maus“.

In früherer Zeit führten die Classics Illustrated junge Leser wie mich an die Romane von Dostojewski, Jules Verne und Erich Maria Remarque heran. Jetzt bringt eine neue Generation von talentierten Graphic-Novel-Autoren wie Reinhard Kleist in herzzerreißenden, informativen und einfühlsamen Comic-Meisterwerken ihren Lesern das Leben anderer und die Literatur nahe.

Rory MacLean
Copyright: Goethe-Institut Großbritannien
Juli 2011

Übersetzt von Susanne Mattern

Links zum Thema

Dossier: Medienkunst in Deutschland

Geschichte, Strömungen, Namen und Institutionen
Link-Tipps