Henner Kuckuck

Rory MacLean im Gespräch mit Henner Kuckuck

© Sharon Kuckuck
© Sharon Kuckuck
„Dieses Jahr werde ich 75“, sagt Henner Kuckuck. „In meinem Alter sehe ich, wie das Leben einen Kreis beschreiben kann. Man beginnt an einem bestimmten Punkt, macht eine jahrzehntelange Reise und kommt dann wieder an den Ausgangspunkt zurück… wenn man Glück hat“.

Der Bildhauer und Möbeldesigner Kuckuck wurde 1940 in Berlin geboren. Seine Familie wurde aus ihrer Wohnung und der Stadt ausgebombt und zog nach Westdeutschland. Sein Vater war Ingenieur bei der Bundesbahn und seine Mutter eine Frau mit einem ausgeprägten Sinn für Kunst, die ihn als Heranwachsenden mit der avantgardistischen Welt der modernen Kunst in Berührung brachte. Im Alter von 16 Jahren fuhr er nach Paris und entdeckte in einer einzigen Ausstellung die Arbeiten des figürlichen französischen Bildhauers Aristide Maillol sowie des konstruktivistischen russischen Bildhauers Antoine Pevsner.

„In diesem Moment und in diesem einen Museum beschloss ich, selbst Bildhauer zu werden“, erzählt er mir bei unserem Treffen in seinem Berliner Atelier. „In gewisser Hinsicht hat sich meine Arbeit immer mit diesem Spannungsfeld zwischen der figürlichen und der abstrakten Darstellung beschäftigt“.

Zuhause in der Nähe von Frankfurt begann Kuckuck mit dem Modellieren von Aktfiguren in Ton und Gips.

„Natürlich begann ich mit Aktfiguren, schließlich war ich ein junger Mann“, erinnert er sich lachend. „Aber meine Mutter war weniger begeistert wegen des schrecklichen Durcheinanders“.

© Henner KuckuckSein Vater war genauso wenig begeistert und redete seinem Sohn zu, einen sichereren Beruf zu ergreifen.

„Mein Vater war ein talentierter Ingenieur, aber ein praktisch veranlagter Mensch. Er schlug mir eine Ausbildung zum Architekten vor. Ich stimmte zu und begann ein Studium an der Technischen Universität Braunschweig“.

Aber nach zwei Jahren wurde Kuckuck klar, dass ihm die Architektur nicht lag – nicht zuletzt, weil ein Dozent sich seine wenig genauen technischen Zeichnungen und seine unverkennbare, aber praktisch unleserliche Handschrift angeschaut und ihm mitgeteilt hatte: „Gerade Linien sind nicht Ihr Ding. Sie sind Künstler“.

Im Jahr 1962 zog Kuckuck dann im Alter von 22 Jahren zurück nach Berlin. An der Hochschule für Bildende Künste fand er seinen eigenen Weg, wobei er mit figürlichen Arbeiten begann und später zu abstrakten, minimalistischen und kinetischen Werken überging. Nach seinem Studienabschluss ergab sich durch eine Besprechung mit dem Dekan der Hochschule seine erste große Chance.

„Ich weiß noch, dass ich mich mit dem Dekan traf und ihm für seinen Unterricht dankte, aber höflich darauf hinwies, dass ich auch von etwas leben musste“.

Daraufhin schlug der Dekan Kuckuck vor, einen Entwurf für ein öffentlich zugängliches Kunstwerk für die deutsche Schule in Brüssel einzureichen. Mit seinem Beitrag gewann er den internationalen Wettbewerb und gestaltete danach ein Dutzend weiterer Großskulpturen im öffentlichen Raum an der Freien Universität Berlin, im Theaterpark von Bad Helmstedt und in ganz Deutschland. Er arbeitete vorwiegend mit Metall, und alle seine Arbeiten hatten prägnante, klare modernistische Linien.

„Ich bin Materialfreak“, meint er. „Wenn ich ein anderes Material verwende, bekomme ich neue Ideen. Ich habe mit Metall, Beton, Sandstein und Holz, Kunststoff und in letzter Zeit mit Papier und Karton gearbeitet“.

Ein Thema seiner Arbeit war ein paradoxes Verhältnis zum Material, wobei sich große und schwere Metallobjekte bei der geringsten Berührung bewegten. In seinen Skulpturen sieht leichtes Material massiv aus und flaches Material wirkt voluminös.

Inspiriert von amerikanischen Bildhauern und der Ungezwungenheit, die er in ihren Arbeiten sah, zog Kuckuck im Alter von 42 Jahren nach New York.

„In New York fühlte ich mich so frei“, erinnert er sich. „Ich kannte dort keine Menschenseele, doch jeder Galerist war bereit, sich meine Arbeiten anzusehen. Die Kunstszene war wesentlich entspannter als in Deutschland“.

Anfänglich brachte ihm die amerikanische Begeisterung für seine Kunst keine Aufträge ein. Zwei Jahre lang arbeitete er in Philadelphia als Bühnenbildner am Theater.  Dann erhielt seine erste Ausstellung in New York – erstellt auf seinem Bett in einem winzigen Apartment in Manhattan – gute Rezensionen und eine Einladung, als Visiting Artist für die Rutgers University tätig zu werden. Dies führte zu Aufträgen für die Gestaltung von kinetischen Großskulpturen, die sich im Wind bewegten, in New York und Philadelphia. In einer Gruppenausstellung hing eine von Kuckucks zweidimensionalen Arbeiten zwischen Werken von Julio González und Alberto Giacometti.

„Es war eine wunderbare Zeit, eine wilde Zeit“, sagt er rückblickend. „Aber die Arbeit als Künstler war nicht genug. Ich verlegte mich auf das Restaurieren alter Gebäude und den Ausbau von Lofts für andere Künstler“.
© Dan NelkenIn den 1990ern besuchte ihn seine damals 21-jährige Tochter – heute die angesehene Modedesignerin Nanna Kuckuck – in New York. Vater und Tochter entwarfen zusammen eine originelle Handtasche, die als Kunstwerk in den besten Geschäften verkauft wurde. Nach ihrer Abreise wandte sich Kuckuck seiner anderen Leidenschaft zu – dem Möbeldesign. In den nächsten fünf Jahren produzierte er eine erstaunliche Kollektion von maßgeschneiderten Ohrensesseln, fantasievollen Sitzgelegenheiten zur Selbstmontage und Vinylsofas, die gleichzeitig skulptural und funktional waren. Unter Mitwirkung seiner Partnerin und späteren Ehefrau Sharon Holmes gewannen Kuckucks bemerkenswerte Kreationen zweimal den renommierten ID Design Award sowie den Felissimo Award und den Seattle Design Resource Award. Er war einer der ersten Designer, der Recycling-Materialien in seine Arbeiten einbrachte. In Anerkennung seiner künstlerischen Leistungen erhielt er 1996 ein Stipendium der Pollock-Krasner Foundation. Sein preisgekrönter Spine Chair ist Teil der ständigen Sammlung des Londoner Design Museum.

Mit Kuckucks Rückkehr nach Berlin im Jahr 2001 schloss sich der geographische Kreis seines Lebens. Jetzt unternahm er eine neue künstlerische Reise, die seine Arbeit wieder auf ihre figürlichen Grundlagen zurückführen sollte. Kuckuck war mit seiner Frau Sharon und ihren beiden jüngeren Kindern nach Deutschland zurückgekommen, und es begann eine neue Phase in seiner Laufbahn. Er wurde eingeladen, eine spinnenartige Teestube für die Hundertjahrfeier der Tsinghua-Universität in Beijing zu gestalten. Außerdem schuf er eine Flügelplastik für den Skulpturenpark der Olympischen Spiele in Beijing. Gleichzeitig fertigte Kuckuck weiterhin kleinere Werke für Privatsammler an.

© Henner Kuckuck
„Mit zunehmendem Alter begann ich mit der Betrachtung von Kunst, die mich nie zuvor berührt hatte, zum Beispiel mittelalterliche Malerei und Skulpturen der Renaissance. Ich entwickelte eine Faszination dafür, wie diese Künstler mit Gewändern und den hängenden Falten der Kleidung umgingen. Mich inspirierten die Emotionen, die sie durch den Faltenwurf und Fall des Stoffs zum Ausdruck brachten. In gewisser Hinsicht stellte ich fest, dass ich mich wieder dem Figürlichen zuwandte“.

In seinem Atelier stehen neben Fotografien der bildhauerischen Arbeit seines ganzen Lebens Dutzende von eleganten, gespenstischen Figuren: ohne Kopf und Gliedmaßen, erscheinen sie dennoch bereit zur Flucht. Diese Gestalten – unbenannt wie alle Arbeiten von Kuckuck – bestehen aus zerknittertem Papier oder Karton und sind mit Kalk gehärtet.

„Wenn ich eine Arbeit anfange, dann weiß ich nie, was herauskommt. Ich lasse mich treiben, folge meinem Instinkt. Geben Sie mir vier Stücke Holz und ich mache Ihnen eine Skulptur! Frei nach Picasso ausgedrückt, suche ich in meiner Arbeit nicht nach etwas, ich finde es“.

Lächelnd läßt Henner Kuckuck seinen Blick über die Fotografien, Collagen und Skulpturen gleiten. „Jeder Künstler wünscht sich Anerkennung für sein Lebenswerk“, meint er. „Aber wichtiger – viel wichtiger – ist es, eine eigene künstlerische Entwicklung durchzumachen. Mir war dies in meinem Leben vergönnt und ich konnte den Kreis schließen“.

Juni 2015
Rory MacLean
Übersetzt von Susanne Mattern

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