Hans Peter Kuhn

Rory MacLean im Gespräch mit Hans Peter Kuhn

Hans Peter Kuhn   Foto © Junko Wada
Hans Peter Kuhn   Foto © Junko Wada
Schriftsteller schreiben. Maler malen. Dirigenten dirigieren und Tänzer tanzen. Wie aber nennt man einen Klangkünstler, der Lichtinstallationen baut? Einen Komponisten, der Industrielandschaften neu interpretiert? Oder einen ehemaligen Rock‘n’Roll-Sänger, der anlässlich der Londoner Olympiade den Giant’s Causeway von Nordirland neu gestalten will?

Hans Peter Kuhn ist schwer zu definieren: er ist ein anerkannter Licht- und Klangkünstler, seit über 20 Jahren Kooperationspartner des avantgardistischen Regisseurs und Theaterautors Robert Wilson, Mitbegründer des ersten unabhängigen Berliner Radiosenders und ein fröhlicher, fantasievoller, erfinderischer Mensch, der immer offen für Zufälle und glückliche Umstände ist.

„Spaß in der Kunst finde ich wichtig“, erzählt er mir beim Mittagessen im Berliner Café Einstein. „Es gibt zuviel schwere Arbeit auf der Welt. Aber bei meiner Arbeit muss der Spaß eine ernste Seite haben“.

A Light And Sound Transit - Leeds   Foto © Hans Peter KuhnVor sechzig Jahren in Kiel geboren, zog Kuhn 1974 nach Westberlin. „In der Schule wurde mir klar, dass mir Schreibtischarbeit nicht lag. So wie heute war Berlin auch damals schon ein Hotspot. Alle wollten dort hinziehen. Als ich ankam, machte ich mich wegen meines musikalischen Hintergrunds auf die Suche nach einer Arbeit am Theater und bekam durch einen glücklichen Zufall eine Stelle als Tonassistent an der Schaubühne“.

In den Siebzigern produzierte dieses privat geführte Theater hervorragende und gewagte politische, sozialkritische und experimentelle Stücke. Innerhalb eines Jahres wurde Kuhn der Tonmeister des Hauses und wirkte an bahnbrechenden Produktionen von Peter Stein, Klaus-Michael Grüber und Luc Bondy mit. Er arbeitete an einer Produktion der Winterreise am Olympiastadion und an einer inspirierten Interpretation von Wie es euch gefällt, bei der das Publikum den Schauspielern durch ein halbes Dutzend Bühnenbilder im alten CCC-Filmstudio folgte.

„Ich hatte echtes Glück mit dieser Reihe guter Veranstaltungen“, meint er. „Aber nach einer Weile wurde mir die Arbeit langweilig. Die Regisseure sagten mir immer, was ich zu tun hatte – den Klang des Windes oder eines bellenden Hundes zu erzeugen. Also kündigte ich“.

Kuhns Vertrag erforderte seine Mitarbeit an einer letzten Inszenierung, zufällig mit dem avantgardistischen US-amerikanischen Theaterkünstler Robert Wilson. Diese Erfahrung veränderte sein Leben.

„Bob hatte einen komplett anderen Stil. Er sagte mir nie, was ich machen sollte. Er gab mir keine Tipps. Also stritten wir uns erst, dann verkrachten wir uns. Er nannte mich Faschist, und ich zog den Stecker und ging“, erinnert sich Kuhn und lächelt beim Gedanken daran. „Nachdem Bob sich am nächsten Tag entschuldigt hatte, dachte ich, ich muss einfach irgendetwas machen, also wählte ich für eine bestimmte Szene ein Musikstück aus. Daraufhin strahlte Bob förmlich. Er war hocherfreut, und wir hatten auf der Stelle einen Weg der Zusammenarbeit gefunden. Ich verstand, was er von mir wollte und wonach ich suchte: Klänge erschaffen.’

Wilson und Kuhn gestalteten in Zusammenarbeit Death, Destruction & Detroit, die erste von dreißig gemeinsamen Produktionen. 1993 gewann ihre Installation Memory/Loss den „Goldenen Löwen“, die höchste Auszeichnung der Biennale von Venedig.

Echtzeit 24   Foto: © Gerhard KassnerNach der Schaubühne konzentrierte sich Kuhn zunehmend auf seine eigene künstlerische Entwicklung und produzierte im Lauf der Jahre ein riesiges Oeuvre. Er arbeitete an Licht- und Klanginstallationen, schrieb Hörspiele einschließich der Musik, komponierte Filmmusik (zuletzt für Der Letzte Kurier des WDR) und konzipierte daneben Tanzstücke und Klangenvironments. In Saarbrücken kreierte er Echtzeit 24, indem er 24 Fernsehschirme um den Rand eines gewaltigen, runden Industriebaus platzierte, jeden Fernseher auf einen anderen europäischen Kanal einstellte und dann die Bildschirme vom Publikum wegdrehte. Wie in Platons Höhlengleichnis sahen die Zuschauer nur den flackernden Schatten des Lichts der Welt bzw. Europas.

A Vertical Lightfield - Singapore      Foto: © Hans Peter KuhnIm Einkaufszentrum Orchard Central von Singapur hing Kuhn in A Vertical Lightfield Dutzende von beweglichen Neonröhren auf. In Rom arbeitete er mit dem Choreographen Sasha Waltz & Guests an einer Klanginstallation, bei der Tänzer von der Decke des MAXXI Museo nazionale delle arti del XXI secolo herabhingen. Zu seinen vielen Arbeiten in Großbritannien zählt Sound and Light Transit, die den Tunnel in der Neville Street von Leeds in eine ständig wechselnde Installation verwandelte.

„Ich bin kein Barockmensch. Ich bin Minimalist. Meine Lichtarbeiten sind klar, schlicht und einfach. Meine Klangarbeiten sind etwas komplexer“.

Eines seiner ergreifendsten Werke ist 2 Formen, ein Paar klarer Lichtformen am Ende eines baumbewachsenen Stadtgartens. Die senkrechte Lichtlinie und das schräge leuchtende Rechteck strahlen eine seltsame Aura wie aus einer anderen Welt aus.

„Meine Arbeiten sind standortspezifisch“, erzählt er mir. „Ich versuche, einem Standort wie einem 2 Formen  Foto © Hans Peter KuhnGarten oder dem Tunnel in der Neville Street eine zweite Ebene, eine Bedeutung jenseits des Rationalen zu geben. Dadurch wird dieser Ort von den Menschen anders wahrgenommen und erhält eine neue Perspektive“.

 

Für die Londoner Olympiade im Jahr 2012 will Kuhn eine Installation am Giant’s Causeway schaffen – dem „Damm des Riesen“, großartige ineinandergreifende Basaltsäulen in County Antrim an der Nordostküste von Nordirland. In der Bucht hinter den Säulen, die wie ein Amphitheater wirkt, will er 150 Stangen mit steifen, leichten Fahnen aufstellen. Die eine Seite der Fahnen soll gelb, die andere rot sein, und ihre Bewegungen im Wind werden ständig wechselnde, zufällige Muster entstehen lassen, die die Kräfte der Natur interpretieren und die Landschaft prägen sollen.

„Die Installation soll eine Art Analog-/Digital-Wandler für den Wind sein“, lacht Kuhn. „Bei meiner Arbeit verwende ich immer Zufallsprozesse. Mir gefällt es, wenn Dinge einfach passieren“.

So wie es an der Schaubühne und mit Robert Wilson gewesen war, und so wie sich Kontakte und Aufträge aus aller Welt von selbst ergaben. Auf gewisse Weise haben seine Offenheit für den Zufall und glückliche Umstände Hans Peter Kuhn geprägt und ihn zu einem besonders eigenwilligen Künstler gemacht.

„Meine Motivation“? meint er und richtet seine hellblauen Augen auf mich. „Ich kann nicht stillsitzen. Ich muss immer etwas machen. Wenn ich einen Raum sehe, der mich anspricht, kommt mir augenblicklich die Idee für eine Konstruktion. Ich schaffe gern etwas, das noch nicht existiert, bringe eine Idee zur Ausführung und lebe sie dann“.

Rory MacLean
Januar 2012

Übersetzt von Susanne Mattern

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