Gerhard Mantz

Gerhard Mantz im Interview mit Rory MacLean

Gerhard Mantz NYC May 2010. Copyright Gerhard Mantz
Gerhard Mantz NYC May 2010. Copyright Gerhard Mantz
„...nicht die treue Darstellung von Luft, Wasser, Felsen und Bäumen ist die Aufgabe des Bildners, sondern seine Seele, seine Empfindung soll sich darin widerspiegeln”, schrieb Caspar David Friedrich, der große romantische Landschaftsmaler des 19. Jahrhunderts. Zweihundert Jahre später vertieft der deutsche Künstler Gerhard Mantz Friedrichs Auseinandersetzung mit Symbolik und utopischen Landschaften, allerdings auf dem Computer und nicht mit Ölfarben.

„Ich weiß noch, wie ich im Alter von 17 Jahren in der Fondation Maeght in St-Paul-de-Vence auf dem Boden saß und ein Bild von Kandinsky anstarrte“, erzählt Mantz über seine Anfänge als Maler, und seine Augen blitzen bei der Erinnerung. „Ich war begeistert von diesem Bild. Ich fand es toll. Ich verstand nicht, was in mir vorging, aber mir war klar, dass ich diesem.... Rätsel auf den Grund gehen musste“. Er lacht. „In diesem Moment veränderte sich mein Leben.“

Zwei Wochen vorher waren Mantz und ein Schulfreund mit dem Fahrrad von ihrer Heimatstadt Ulm aufgebrochen. Sie hatten geplant, in den Osterferien an den etwa hundert Kilometer entfernten Bodensee zu fahren, aber die Berge waren so steil, dass die Jungen ihre Fahrräder bei einem Freund abstellten und zu trampen begannen. Am Ende des ersten Tages waren sie in der Schweiz. Am zweiten Abend hatten sie das Mittelmeer erreicht.

„Ich war in Südfrankreich so glücklich, dass ich beschloss, noch eine Woche zu bleiben“, erinnert sich Mantz. „Ich schickte meinen Eltern eine Postkarte und bat sie, meiner Schule zu sagen, ich sei krank. Aber meine Eltern machten sich Sorgen, dass etwas nicht in Ordnung war, und zeigten die Karte meinen Lehrern. Als ich nach Hause kam, wussten alle Bescheid“.

„Zuerst war ich mir nicht sicher, ob ich Künstler werden sollte. Mich faszinierte die Physik: Radio, Fernsehen, die frühe Computertechnik. Aber dann wurde mir klar, dass ich kein Albert Einstein war“, schmunzelt er. „Mein Gedächtnis war nicht gut genug. Also dachte ich mir, für die Kunst reicht mein Gedächtnis aus“.

Himalia. Copyright Gerhard Mantz1970 schrieb sich Mantz an der Kunstakademie Karlsruhe ein. In den nächsten zwanzig Jahren entwickelte sich seine abstrakte Malerei über Wilde Kunst zu einer körperlichen, räumlichen Skulptur. Mantz bezog den Raum jenseits des Rahmens ein und richtete den Fokus dann wieder detailliert auf eigentümliche Objekte im Bildinnern, so z.B. in seiner Arbeit Himalia, einer roten, schmallippigen Form aus Acryl. 1995 ging er dazu über, Computer als Hilfsmittel bei der Erkennung und Definition von Form einzusetzen.

„Als ich den Computer entdeckte, war ich von den Möglichkeiten begeistert. Die Aufbau virtueller Formen war ganz ähnlich wie meine dreidimensionale Arbeit im Atelier. Ich dachte: „Dies ist das beste Spielzeug – und Werkzeug – das ich je hatte“.

Mantz begann, mit dem 3D-Grafikprogramm Vue d’Esprit – später Vue – zu arbeiten und kreierte Objekte, die nur im Speicher des Computers existierten, d.h. Objekte, die weder Rekonstruktionen noch Abbilder waren.

„Die Arbeit führte mich zurück zu meinen Wurzeln an der Akademie. Es kam so, dass ich mir einen Raum ausdachte und dann konstruierte. Ich steckte die virtuelle Kamera in Objekte und schließlich auch in Landschaften.“

Seine aussagestarken, unheimlichen digitalen Landschaften scheinen der materiellen Welt anzugehören und lösen beim Betrachter Emotionen aus, sind jedoch Konstrukte, die ihm sowohl Bekanntes wie auch Neues nahebringen.

Mantz zeigt mir seine Ahnende Erfahrung, eine gespenstische Vision verwachsenen, undurchdinglichen Gestrüpps aus seiner Serie Forest.

Ahnende Erfahrung. Copyright Gerhard Mantz„Ich wollte ein Dickicht schaffen, durch das man hindurchsehen, aber in das man nie eindringen kann. Ich baute es mittels gescannter Bilder auf dem flachen Boden des Computerbildschirms auf, fügte die Büsche, die Steine hinzu und ließ den Computer einzelne Elemente kopieren. In dieser Hinsicht bin ich eher Gärtner als Künstler – ich werfe Samen ins Bild und schaue, was dabei herauskommt“. Er starrt auf das naturhafte, abstrakte Bild. „Das ist für mich Jackson-Pollock-im-Wald“.

Besonders bewegend sind seine riesigen Wolkenlandschaften, gedruckt auf drei Meter breite Leinwände. Wild, transparent, verwirrend und doch tröstlich, haben sie mich in den Himmel erhoben. „Diese Wolken sind aber nicht begehbar“, sagt Mantz und bringt mich damit auf den Boden der Realität zurück. „Sie sind eine Illusion“.

Die Übersprungshandlung. Copyright Gerhard MantzWie bei den Himmelsdarstellungen in Caspar David Friedrichs Bildern sind die Wolken in seiner Serie Air Ausdruck für etwas Erhabenes, sie erwecken Gefühle von Gefahr und Macht und spielen mit Vorstellungen von Transparenz und Mehrdeutigkeit. Standen Friedrichs Wolken jedoch für Freiheit und Göttlichkeit, so steht für Mantz nicht die Vermittlung einer metaphysischen Erfahrung im Vordergrund, sondern er strebt einen Abstraktionsgrad ähnlich dem von Rothko an. Im Gegensatz zu den Romantikern bringt Mantz außerdem keine Personen ins Bild, sondern stellt sein Idyll als etwas Unzugängliches und Unerreichbares dar, von Dornen versperrt oder in Nebel getaucht.

Die schönen Gemälde der Serie Air haben Titel wie Distant Incubation und Die Treue des Teufels. Seine anderen Landschaften, die er „archetypische Räume“ nennt, gehören zu den Serien Ocean, Rivers, Wasteland and Mountains.

In den letzten Jahren hat Mantz zudem Bewegung in seine Arbeit gebracht und unter dem Titel Infinite Image Productions Animationen geschaffen.

„Die Idee für diese Arbeit kam mir während eines Arbeitsstipendiums in Mecklenburg-Vorpommern“, erklärt er. „Ich starrte auf ein Feld mit Ziegen und Schafen, beobachtete, wie sie planlos grasten und aufeinandertrafen, dann machte ich mich daran, ein Programm zu entwickeln, das diese Bewegungen simulierte.“

Die so entstandenen Animationen sind spontan und einmalig, da ein sequentieller Zufallsgenerator dafür sorgt, dass sich kein Bild jemals wiederholt.

Das Glück der Wiederkehr. Copyright Gerhard MantzGerhard Mantz spricht mit leiser Stimme und wirkt zurückhaltend. In seiner weißgestrichenen Schöneberger Wohnung ist er ebenso zuhause wie in seinem New Yorker Atelier. Auf seinen Namen gehen über 50 Einzel- und 60 Gruppenausstellungen, doch als ich ihn zu seiner überaus großen Produktivität beglückwünsche, zuckt er die Achseln und sagt bescheiden: „Ach, das liegt nur an meinem Alter“.

„Man kann mich natürlich als digitalen Künstler bezeichnen“, sagt er abschließend. „Für mich hieße das aber, dass meine Arbeit übermäßig technologisch geprägt ist. Ich selbst sehe mich einfach als Maler“.

Rory MacLean
Oktober 2010

Übersetzt von Susanne Mattern

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