Reiner Maria Matysik

Rory MacLean im Gespräch mit Reiner Maria Matysik

Photo: Delia Keller
Photo: Delia Keller
Wie entwickeln sich in Zukunft die Pflanzen? Erhalten sie durch die Evolution eine Stimme, natürliche Lichtwellenleiter oder sogar organisch gewachsene Räder? Werden die Botaniker von morgen die trägen männlichen Anacampseros tumens untersuchen - vierknollige Pflanzen, die bei der Paarung zulassen, dass die promisken Weibchen ihre spermagefüllte, pilzartige Außenhaut anfressen? Werden Dutzende langbeiniger Bursa introrhizom rhizopedis simplex in Städten auf unbebauten Grundstücken entlangstelzen und in der Sonne anhalten, um ihre steckrübenartigen Körper zu wärmen? In der Phantasie des bildenden Künstlers Reiner Maria Matysik ist all dies möglich.

„In meiner Arbeit versuche ich, eine organisierte, organische Zukunftswelt zu konzipieren, die von einzigartiger Flora und Fauna besiedelt ist”, erzählt er mir bei unserer Zusammenkunft in seinem Berliner Atelier. „Ich sehe mich gern als Künstler, der in Bereiche vordringt, in denen man üblicherweise keine Kunst findet”.

In seiner Duisburger Schule glänzte Matysik in den Naturwissenschaften und ging davon aus, dass er einen Beruf in der Botanik oder Biologie ergreifen würde. Nach seinem Schulabschluss beschloss er jedoch, anstelle der Wehrpflicht den Zivildienst zu leisten, und kam so zur Gartenpflege in der Villa Schaaffhausen nahe Bonn. Ihre Selbstversorgungsprinzipien sprachen ihn an, und nach einiger Zeit zog er aus Deutschland fort, um sich einer internationalen Kooperative an der Westküste Irlands anzuschließen. In einem Tal in der Grafschaft Clare bauten er und andere alte Bauernhäuser wieder auf, backten Brot, hielten Hühner und Schafe und führten ein verantwortungsvolles Leben als Selbstversorger. „Wie die meisten jungen Menschen wollte ich die Welt verändern, und dafür musste ich zuerst mich selbst ändern”, erklärt er.

Aber in Irland stellte er bald fest, dass er Schafe lieber zeichnete, als sie zu füttern. Er entdeckte die Liebe zum Zeichnen aus seiner Kindheit und seine Faszination für die Evolution wieder. „Schon ganz früh wollte ich das Wesen lebender Organismen erfassen, und zwar in den Lebewesen aus meinem Umfeld wie auch in mir selbst”.

Matysik kehrte nach Deutschland zurück, um an der Hochschule für Bildende Künste Braunschweig zu studieren. Seine einmalige Kombination von Talenten und Vorlieben, vor allem seine Leidenschaft für den Gartenbau und Faszination für die Welt der Natur, führten zu einer Serie bemerkenswerter Arbeiten: Ein naturbelassener Garten im Zentrum von Hannover, ein Pflaumenoval in Weimar, ein Paar gepfropfte Ahornbäumchen, die in Töpfen mit Rädern gepflanzt wurden, so dass sie sich voneinander fortbewegten, als sie größer wurden. Nach dem Studium gründete er 2003 das Institut für biologische Plastik zur Förderung des Dialogs zwischen Wissenschaft und Kunst, ein Konzept, das bald an Kunstakademien von Helsinki bis New York und Australien kopiert wurde.

„Ich bin aber kein ‚Biokünstler‘“, meint er, um sich von der Land Art und Landschaftsarchitektur zu distanzieren. „Ich wollte keine Räume konstruieren, sondern mich vielmehr mit dem Wesen der Pflanzen und Organismen an sich beschäftigen“.

Mit seinen praktischen and wissenschaftlichen Kenntnissen und analog zu den Entwicklungen in der Molekularbiologie begann Matysik, unglaubliche, aber mögliche Organismen zu entwickeln und Modelle von ihnen zu bauen, die in seiner Vorstellung genauso lebendig waren wie die reale Welt.

So gestaltete er aus Fiberglas, Kautschuk und Plastilin den ungeduldigen Schlafbringer, Impatiens soporus, einen schläfrigen, in Kolonien lebenden Zwitterorganismus. Er schuf Perceptus ektophytus, eine muntere, piepsende Pflanze mit einem gewissen Bewusstsein ihrer selbst, die trichterförmige „Phonorezeptorblüten“ für die akustische Orientierung, Werbung und Nahrungsaufnahme hat. Mit seinem Procerus esculentus fertigte er einen aufrechten phallischen Organismus, der nach der Begattung stirbt. „Durch den Stress direkt vor und während der Paarung sterben die männlichen Organismen nach der Befruchtung“, erklärt Matysik in seinen wissenschaftlichen Anmerkungen zum Verhalten seiner Phantasiepflanzen. „Während der Paarungszeit ist der Androgenspiegel erhöht und dadurch der Pegel an kortikoidbindenden Globulinen reduziert, was zu einem Anstieg biologisch aktiver freier Stresshormone (Kortikoide) führt. Diese wiederum haben eine immunosuppressive Wirkung. Durch das Ausbleiben entzündungshemmender Reaktionen und einer reduzierten Bildung von Antikörpern kommt es zu einem Zusammenbruch des Immunsystems“.

Mit diesen Hybridorganismen schuf Matysik eine neue Gattung in Anlehnung an die Nomenklatur Carl von Linnés, fundiert durch Gespräche mit Wissenschaftlern aus der molekularbiologischen Forschung. Er fasste Hunderte solcher „Prototypenmodelle postevolutionärer Lebensformen“ – mit Text, Grafiken und Manifest – in einem einzigen maßgeblichen Buch namens Wesen zusammen.

Über die Jahre wurden Matysiks Arbeiten in ganz Europa ausgestellt, von der Kunsthalle Bern bis zur Fondación Cesar Manrique in Lanzarote und dem Berliner Martin-Gropius-Bau. Er erhielt Stipendien von der Studienstiftung des deutschen Volkes, dem Kunstfonds e.V., dem DAAD, der KfW-Bank, der Stiftung Nord/LB Öffentliche sowie dem Berliner Senat.

Heute reicht seine Arbeit von der zellulären bis zur nebulösen Ebene, von Zeichnungen bis hin zum Film. In Zusammenarbeit mit Molekularbiologen hat er eine Mikroskulptur aus seinem eigenen lebenden Gewebe gezüchtet und geformt. In Oberhausen hat er sogar einen Fluss in eine Wolke verwandelt. In Fluss wird Wolke – einem großen öffentlichen Auftrag – wurde das Wasser eines Überschwemmungsgebiets anhand seiner Theorien über Evolution, Natur und Nachhaltigkeit in wogende Wolken verwandelt.

„Ich habe mir immer die Frage gestellt: ‚Ist unsere Art des Zusammenlebens die einzig mögliche? Gibt es eine bessere Art zu leben, uns zu entwickeln‘“? meint er und wiederholt damit seine Überzeugung – und sein künstlerisches Konzept – dass jegliches Leben durch aktive, konstruktive Evolution verbessert werden kann. „Schließlich sind wir alle Wesen, die auf diesem Planeten leben“.

Am Ende unseres Treffens frage ich den multidisziplinären Künstler Matysik, ob er je gemalt hat. Er schüttelt den Kopf, lächelt und erwidert: „Ich will nicht, dass meine Kunst durch einen Bilderrahmen begrenzt wird. Ich möchte sie in der lebendigen Welt haben“.

Rory MacLean

Februar 2015
Übersetzt von Susanne Mattern

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