Jürgen Mayer H.

Jürgen Mayer H. im Gespräch mit Rory MacLean

Juergen Mayer H., founder and Principal of J. MAYER H. und Partner, Architekten, Photo by Paul Green
Juergen Mayer H., founder and Principal of J. MAYER H. und Partner, Architekten, Photo by Paul Green
Wie kommt ein Architekt zu seinen Ideen? ”

“Das ist ein ganz unberechenbarer Moment”, antwortet Jürgen Mayer H., der talentierte 48-jährige Architekt mit Sitz in Berlin. “Es ist teils Spontaneität, teils Intuition, teils über Jahre erlernte Methoden. Es ist ein unvorhersehbarer, gleichzeitig aber auch vollkommen professioneller Prozess”.

Seit den 1990ern hat sich Jürgen Mayer H. mit seinem interdisziplinären Büro national und international einen Namen für innovative Gebäude, Objekte und Rauminterventionen gemacht. Schon zu Beginn seiner Laufbahn war er von Mustern fasziniert: In der Architektur, in der Musik, in Form von Codes und Kürzeln, in Strukturen, die sich wie Ornamente geben.

Mayer H. wurde als Sohn einer musikalischen Familie in der Nähe von Stuttgart geboren, lernte Klavier und Fagott spielen. Wie seine Geschwister arbeitete er als Teenager in der Metallbaufirma seines Vaters. Dort entwickelte er eine Leidenschaft für die Arbeiten des minimalistischen amerikanischen Bildhauers Richard Serra, der großformatige Konstruktionen aus Metallblech schuf, sowie des deutsch-jüdischen Architekten Erich Mendelsohn, dessen Kaufhaus Schocken fünf Jahre vor Mayer H.s Geburt abgerissen wurde.

Die Bildhauerei vermittelte Mayer H. ein Verständnis für den Raum und brachte ihn zum Studium der Architektur. Zunächst besuchte er die Universität Stuttgart, wo er die Regeln lernte, und dann die Cooper Union Architecture School in New York, wo er lernte, sich selbst in Frage zu stellen und diese Regeln zu brechen.

„Ich wusste nicht, warum ich bestimmte Dinge tat“, erzählt er mir bei unserem Treffen in seinem Berliner Büro. „Ich hatte das Gefühl, mir selbst Argumente erarbeiten zu müssen“.

Mayer H. hatte seinen Durchbruch mit einem Projekt an der Cooper Union, als er den Bibeltext von der Arche Noah in Architektur umsetzen sollte.

„Mach dir eine Arche aus Zypressenholz! Statte sie mit Kammern aus, und dichte sie innen und außen mit Pech ab! So sollst du die Arche bauen: Dreihundert Ellen lang, fünfzig Ellen breit und dreißig Ellen hoch soll sie sein.“

Mayer H. wandte die Kompositionstechniken zeitgenössischer klassischer Musik auf die Abmessungen der Arche an und setzte sich nach und nach mit ihren Mustern auseinander. Später entwickelte er seine persönlichen Arbeitsstrategien an der Universität Princeton weiter, indem er die Architektur über das Funktionelle hinaus hob und in ihr ein Mittel für die Kulturkritik sah.

Mayer H. - nach Abschluss seines Studiums entschloss er sich, den Anfangsbuchstaben seines zweiten Vornamens hinter seinen Nachnamen zu setzen - zog 1996 nach Berlin. Ihn reizte der Widerspruch zwischen architektonischen und sozialen Gegensätzen, der die Hauptstadt prägt, und ihr Vermächtnis an Gebäuden aus den siebziger Jahren.

„In vielerlei Hinsicht wurde meiner Generation der Gedanke an eine Zukunft verwehrt. Pershing-Raketen, das Waldsterben durch den sauren Regen, Atomkraftwerke: Damals schien das Leben auf der Erde dem Untergang geweiht. Gleichzeitig aber brachten neue Technologien und neue familiäre und soziale Strukturen das Versprechen auf ein Morgen. Ich wollte versuchen, mit einer Art Neugier zu leben, um so die Zukunft zurückzuholen. Das ist eine bescheidene Definition, denn natürlich verändert sich die Zukunft tagtäglich“.

Mit seinem ersten Gebäude, dem Stadthaus Scharnhauser Park, hinterfragte Mayer H. die traditionellen Erwartungen an eine moderne deutsche Stadtverwaltung. Seine undurchsichtige Metallverkleidung um das Gebäude stellt eine Abkehr vom Nachkriegstrend zur Transparenz dar, wonach alle öffentlichen Gebäude als Metaphern für eine offene Demokratie gesehen wurden. Gleichzeitig griff er auf gebräuchliche, vorgefertigte Muster als konzeptuelle und später formale Inspirationsquellen zurück. Sein Interesse an öffentlichem und privatem Raum und dessen Abgrenzung löste eine Faszination für Datensicherungsmuster aus, z.B. für die Innenaufdrucke von Briefumschlägen, durch die vertrauliche Informationen geschützt werden sollen. In unserer heutigen Überwachungskultur vertritt Mayer H. den Standpunkt, dass das Innere eines Gebäudes nicht mehr unbedingt privat und die Außenwelt, wo sich die Menschen in ihre iPhones einstöpseln, nicht mehr unbedingt öffentlicher Raum ist.

Mittels seiner Theorien und Fantasie produzierte Mayer H. bemerkenswerte, spielerische und optisch eindrucksvolle Werke an der Schnittstelle zwischen Architektur, Kommunikation und neuer Technologie. Das Verhältnis zwischen menschlichem Körper, Technologie und Natur bildete den Hintergrund für seine innovative Interpretation des Raums, von Stadtplanungen und Gebäuden bis hin zu Installationen und Objekten, die mittels neuer Materialien entstanden.

Metropol Parasol, Redeveloping of Plaza de la Encarnacion, 2004-2011, Seville, Spain. Photos by Nikkol Rot for HolcimSein bisher größtes Projekt ist der Metropol Parasol, eine außergewöhnliche, wellenartige Konstruktion, die wie Musik über der alten Plaza de la Encarnacion von Sevilla schwebt. Die Mensa Moltke der Hochschule Karlsruhe ist sein wohl organischstes Bauwerk. Seine intimsten Arbeiten entstanden aus wärmeempfindlichem Papier und Baumwolle, wo die menschliche Berührung einen flüchtigen Abdruck hinterlässt, der bei Abkühlung des Materials verschwindet. In der Installation Lie z.B. rollt ein schlafender Mann über das Bett und hinterlässt einen Schatten seiner selbst - bzw. seiner nicht mehr vorhandenen Person - auf der bedruckten Bettwäsche.

Im Büro von Mayer H. in einem eleganten wilhelminischen Gebäude nicht weit vom Kurfürstendamm arbeiten Teams junger Architekten an Reihen von Computerbildschirmen, entwerfen urbanes Mobiliar oder Details der Lüftungsschächte und Kabelkanäle für Projekte von Berlin bis Marrakesch, von Düsseldorf bis Georgien. Zwei Kollegen — Andre Santer und Hans Schneider, die mit Mayer H. schon seit seiner Anfangszeit zusammenarbeiten — sind Teilhaber der expandierenden Firma geworden, um „Verantwortung gemeinsam zu tragen und für größere Stärke und Stabilität zu sorgen“.

Der Schweizer Designer Rolf Fehlbaum stellte Mayer H. einmal die Frage nach multidisziplinärer Arbeit und erinnerte daran, dass Le Corbusier gleichzeitig als Maler, Bildhauer, Designer, Architekt und Stadtplaner tätig war. Wie Fehlbaum findet Mayer H. die Auflösung von Grenzen inspirierend.

„Auch bei meinen Alltagstätigkeiten nehme ich solche Grenzen nicht wahr: Alles ist im Fluss und wirkt sich auf alles andere aus“, meint Mayer H. „Ideen kommen hinzu und werden dann ausgeformt, umgestaltet… Ich finde Fragen nach dem Maßstab oder Genre nicht so wichtig“…

Rory MacLean
März 2014

Übersetzt von Susanne Mattern

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