Mentalgassi

Mentalgassi im Interview mit Rory MacLean

That's Them © Waldemar Brzezinski_www.waldemar-b.com
That's Them © Waldemar Brzezinski_www.waldemar-b.com
Kunst ist doch eine ernste Sache, oder? Auf der Suche nach Wahrheit und Schönheit muss sich der Künstler in sein Kämmerchen einschließen, richtig? Erst nach Jahren der Mühe, ein bis zwei Psychotherapien und viel zu viel Kaffee kann ein Künstler auf die Erleuchtung hoffen, nicht wahr? Oh nein. Jedenfalls nicht nach Meinung der Jungs von Mentalgassi.

Public Intimacy Series Part 3 Sofa © MentalgassiDieses junge Berliner Streetart-Trio sind die vielleicht fröhlichsten, unbekümmertsten Künstler, die heute in Deutschland arbeiten. Die drei Freunde, die aus rechtlichen Gründen ihre echten Namen geheimhalten, lernten sich im Alter von etwa sechzehn auf der weiterführenden Schule kennen. Wie viele Stadtkinder wurden sie Graffiti-Schreiber und sprühten Bilder an Wände, Gebäude, U-Bahn-Stationen und Züge, bis sie mit der Polizei in Konflikt gerieten und ihre Produktivität einen Dämpfer erhielt – vorübergehend.

„Das war ungefähr zu der Zeit, als wir die Schule abschlossen“, erzählen sie mir bei unserem Treffen in einem nicht sehr geheimen Schöneberger Café. „Wir hatten Interesse an Techniken der neuen Medien – Fotografie, Drucken, Bildbearbeitung – und wollten wissen, wie man diese Techniken auf dreidimensionale Objekte anwenden konnte“.

Jeden Sonntag, meist nach einer durchgefeierten Samstagnacht, trafen sich die Freunde, um den Hund eines Mitbewohners auszuführen und ihre Gedanken wandern zu lassen.

„Man sagt ja: ‚Wir gehen mit dem Hund Gassi‘. Also wurde ‚Gassi gehen‘ eine Umschreibung für unsere Gespräche über Kunst, für eine Art mentale Reise. So entstand dann unser Name ‚Mentalgassi‘“, erzählt ein Triomitglied.

Containerhead Berlin © Mentalgassi2007 gestalteten die Freunde ihre erste dreidimensionale Arbeit. Mittels Digitalkamera, der Software Photoshop und einem großen gewerblichen Drucker produzierte Mentalgassi riesige Schwarz-Weiß-Portraits (meist von Freunden oder Familie), die sie dann mit Tapetenkleister auf einige Berliner Glascontainer klebten.

„Die nannten wir ‚Metalheads‘“, erzählt mir ein Mentalgassi.

„Weshalb haben wir die so genannt“? fragt ein anderer.

„Weiß ich auch nicht“, antwortet der erste Mentalgassi mit einem Lachen und erzählt weiter: „Zum Teil wollten wir mit der Idee von Mensch und Maschine spielen, von der Machtergreifung durch die Maschinen, aber hauptsächlich haben wir das gemacht, weil es sich gut anfühlte und weil wir auf der Straße arbeiten wollten“.

Fahrkartenentwerter Katrin © MentalgassiAuf die „Metalheads“ – teils Streetart, teils Skulptur und teils Fotografie – folgten urkomische Sticker mit Gesichtern, die sie auf Fahrkartenentwerter der U-Bahn klebten. Dann kam ‘Public Intimacy’, eine Serie von sechs kurzlebigen Installationen in Berlin: ein Abteil eines U-Bahn-Frühzugs wurde kurzerhand in ein gemütliches, etwas kitschiges Wohnzimmer verwandelt, ein Passfotoautomat zur Toilette umfunktioniert, der Bahnsteigspiegel für U-Bahn-Fahrer zum privaten Badezimmerspiegel mit Ablage, Zahnbürsten und Deo umgestaltet. Viele Installationen in „Public Intimacy“ hielten weniger als fünf Minuten, bis sie von den Behörden entfernt wurden. „Oder vom Publikum geklaut“, erinnert sich ein Mentalgassi. „Innerhalb von fünf Minuten hat jemand den Deostift mitgehen lassen“.

„Und der war neu“, meint sein Partner.

„Berlin ist für unsere Arbeit sehr wichtig“, sagt der erste Mentalgassi. „Berlin gab uns die Möglichkeit, mit Streetart zu spielen, das wäre zum Beispiel in München nicht möglich gewesen. Die Berliner interessieren sich entweder sehr für unsere Arbeit, oder sie ist ihnen völlig schnuppe“.

Mental 06 © MentalgassiMit zunehmendem Erfolg begannen die drei Freunde, ihre Arbeiten zusammen mit dem Berliner Sinn für Anarchie und Humor zu exportieren. Bei Getxo Photo in der Nähe von Bilbao hat Mentalgassi zum Festival-Thema „Lob auf das Alter“ Gesichter auf Ballons von zwei Metern Durchmesser geklebt und diese dann im Hafen schwimmen lassen. Beim Musikfestival EXIT im serbischen Novi Sad ließen sie über den Köpfen der Menge lächelnde, erleuchtete Heliumballons steigen. Im polnischen Katowice verwandelten sie einen Stadtbus in einen mobilen Ghettoblaster. Sie haben mit Amnesty International und der Sportschuhmarke Converse gearbeitet und in Finnland im Rahmen der Schau „Street Art: the New Generation“ des Kunstmuseums von Pori riesige „Zaunbilder“ gestaltet.

„Es ist schon toll, dass wir reisen, neue Leute treffen and neue Sachen machen können“, sagt ein anderer Partner.

Public Intimacy Fernseher © Mentalgassi„Ich sehe uns gern als Künstler, die in Freundschaft arbeiten“, meint der erste Mentalgassi abschließend. „Wir finden es alle total spannend, wie sich unsere Arbeit entwickelt hat und noch entwickeln wird. Jede neue Idee scheint einfach aus uns rauszukommen – aus uns allen dreien. Manchmal geht die Arbeit schwer und langsam, manchmal ergeben sich Sachen ganz schnell, aber weißt du was? – der Prozess macht beinahe immer echt Spaß“.

Rory MacLean
Februar 2013

Übersetzt von Susanne Mattern

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