Rafael Horzon

Made in Berlin-Mitte: der Künstler-Unternehmer Rafael Horzon

Rafel Horzon mit seinem „Weißen Buch“ Copyright: Suhrkamp-Verlag/Foto: Patricia Woerler-HorzonHorzon Promo, Copyright: Patricia Woerler-HorzonDas Weiße Buch von Rafael Horzon: Ein Sachbuch, sagt er. Ein Schelmenroman, sagen die Kritiker. Unterhaltsam ist es auf jeden Fall. Und voller absurder Einfälle, die Horzon tatsächlich verwirklicht hat.

Anfang Mai 2010 drängt sich an einem regnerischen Abend vor einem Ladengeschoss in der Linienstraße in Berlin-Mitte ein Menschenauflauf wie bei einer Vernissage. Nicht unüblich für diese Gegend. Tatsächlich aber wird an diesem Abend der „edition suhrkamp laden“ eröffnet – ein temporärer Veranstaltungsort, mit dem das Frankfurter Verlagshaus nach seinem Berlinumzug nun auch im subkulturellen Bewusstsein der Hauptstadt anzukommen gedenkt.

Der Star des Abends ist ein schlichtes Regal aus weiß beschichtetem Birkenholz, zwei Meter zwanzig hoch, ein Meter fünfzig breit, in dem über 800 Bände der regenbogenfarbenen Edition Suhrkamp Platz finden. Es ist ein Regal von Rafael Horzon. Für knapp 6.000 Euro kann man es kaufen, fertig bestückt, Lieferung frei Haus, Aufbau inklusive. Derselbe Service, der für das viel günstigere Horzon-Regal „Modern“ gilt, das seit 1999 in einem dauererleuchteten Laden in der Torstraße 68 paradiert. Beschichtete mitteldichte Holzfaserplatte, das einfache Modul für 110 Euro.

Eine „Buchhandlung“ mit einem Buch

Aus Rafael Horzon „Das weiße Buch“ Copyright: Suhrkamp-Verlag/Foto: Rafael HorzonWas die meisten noch nicht wissen: Rafael Horzon ist inzwischen auch Suhrkamp-Autor. Wenige Monate später, im September 2010, erscheint sein autobiografischer Roman Das weiße Buch in der noch jungen Reihe Suhrkamp Nova. Es ist sicher kein Zufall, dass es seitdem auf der Torstraße 94 eine „Sach und Fach Buchhandlung“ gibt. Durch die großen Schaufenster leuchten hübsch arrangierte Horzon-Regale voller blütenweißer Horzon-Bücher. Das weiße Buch ist der einzige Gegenstand, den man in dieser „Buchhandlung“ kaufen kann.

Das hindert Rafael Horzon nicht daran, Praktika anzubieten. Helene Hegemann, die berühmt-berüchtigte Jungautorin, soll eines bei ihm absolviert haben. Hegemann entfachte Anfang des Jahres 2010 mit ihrem zunächst euphorisch vom Feuilleton gefeierten Romandebüt Axolotl Roadkill eine heftige Plagiatsdebatte. Es hieß, sie hätte einige Passagen ihres Buches von dem Blogger Airen kopiert. Jetzt heißt es, sie hätte Das weiße Buch für Horzon geschrieben. Das Gerücht stammt von dem Autor selbst, der auch sagt, dass Hegemann seit Kurzem als Au-pair für ihn arbeite.

Eine Galerie, die keine ist

Menschen einbinden, andere für sich einnehmen: Das ist eine Stärke des vierzigjährigen Autors, Designers und selbst ernannten Unternehmers Rafael Horzon, der Mitte der 1990er-Jahre, nach Stationen in Paris und München, nach Berlin zieht. Das Studium – Philosophie, Latein, Physik und Komparatistik – bricht er bald ab. Es sind aufregende Zeiten in der neuen alten Hauptstadt. Im Nachtleben taucht er 1996 prominent als Initiator und einer der Betreiber der „Galerie berlintokyo“ in der Rosenthaler Straße auf, einer ehemaligen „kleinen unterirdischen Turnhalle“, gleich bei den damals noch nicht fertig renovierten Hackeschen Höfen.

Horzon, Copyright: Florena HorazDas Berlintokyo ist die erste seiner Unternehmungen, die mit der Ausstrahlung griffiger Namen und Slogans arbeitet: Es ist weder eine Kunstgalerie noch hat sie einen echten Japanbezug. Das Berlintokyo ist vor allem ein unregelmäßig geöffneter Projektraum mit Bar, auf den sich eine Zeit lang alle einigen können. Bei der ersten Ausstellung verkauft Horzon seinen eigenen Toaster als Werk des fiktiven japanischen Künstlers Masahiro Sugimoto. Wer mag, kann da eine Parallele sehen zu dem von Horzon verehrten Marcel Duchamp, der 1917 ein schlichtes Urinal signierte, Fountain betitelte und als eines seiner Werke ausstellte.

Als das Berlintokyo zur Documenta X nach Kassel eingeladen wird – der Sprung in die Kunstszene – steigt Rafael Horzon aus. „Ich spürte, dass plötzlich alles in eine völlig falsche Richtung lief“, schreibt er in Das weiße Buch. „Die ‚Galerie‘ war dabei, sich eine Galerie zu verwandeln. [...] Ich war schockiert.“

Absurde Ideen ohne Ende

Seine nächste Investition in das Nachtleben tätigt Horzon mit dem „Club Pelham“, unter anderem gemeinsam mit den Galeristen Thilo Wermke und Boris Radszun, die beide heute Mitbetreiber des Promi-Restaurants „Grill Royal“ sind. Das „Pelham“ war einer der letzten wirklich legendären Clubs im Berlin der späten 1990er-Jahre.

Aus Rafael Horzon „Das weiße Buch“ Copyright: Suhrkamp-Verlag/Foto: Rafael HorzonUnd die Ideenwerkstatt steht nicht still: Ausführlich beschreibt Horzon in Das weiße Buch die nächsten Stationen als die Säulen seiner Unternehmensgruppe „Modocom“: die Wissenschaftsakademie, deren Leistungsnachweise „Gültigkeit an jeder deutschen Hochschule“ haben sollen, „Moebel Horzon“, „Belfas“, ein Geschäft für Fassadenverkleidungen oder „Gelee Royal“, eine Modelinie, von der bis heute kein Rock, keine Hose und vor allem keine einzige Kopfkrawatte verkauft wurde. Und ein halbes Dutzend anderer spaßiger Unternehmungen, eigentlich alle ohne Erfolg, einige auch ohne eine Öffentlichkeit. Unternehmensphilosophische Werke wie Modern sein. Vol.2 und Der dritte Weg erschienen in kleinsten Auflagen, beide im Horzon-eigenen www Verlag.

Redesigndeutschland ist seine ausuferndste Idee. RDD, so die Abkürzung, sind Skizzen zu einer vereinfachten deutschen Grammatik, zu einer einfacheren Zeiteinteilung, zu einer neuen Moral. Das alles soll nach wie vor nicht Kunst sein, beteuert Horzon, der selbst ernannte Multi-Unternehmer.

Horzons absurd anmutende Unternehmungen haben viel mit der Geschichte und der Wirklichkeit von Berlin-Mitte seit der Wende zu tun: Sie spielen mit der Umwidmung und Aneignung von Räumen, mit Zwischennutzungen, Gentrifizierung und Vernetzung, mit der Idee von Werbung, Öffentlichkeitsarbeit und vor allem mit der Kraft der Sprache. Dass Horzon, der im Übrigen ein sehr freundlicher, aufmerksamer Mensch ist, mal etwas Längeres schreibt, war zu erwarten: Das gemeinsam mit Christian Kracht verfasste Theaterstück Hubbard entbehrte außer Länge auch Sinn und Unterhaltungswert. Sein Roman ist nun eine unterhaltsame Geschichte von Berlin-Mitte – voller Anekdoten, Namedropping, lustiger Einfälle. Der Impresario der Torstraße will sich jetzt zur Ruhe setzen. Mit dem Regal „Modern“ hat er bereits so viel verdient, sagt er, dass es bis an sein Lebensende reicht.
Stephanie Wurster
lebt als freie Autorin und Literaturredakteurin in Berlin.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
November 2010

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