Ingo Rasper

Rory MacLean im Gespräch mit Ingo Rasper

Photo by Conny Klein, ARD degeto
Photo by Conny Klein, ARD degeto
Debütromane sind oft autobiographisch, und der Autor verarbeitet Aspekte seines eigenen Lebens in seiner Fiktion. So hat auch der frisch-beschwingte Regisseur Ingo Rasper, 40, für seinen ersten Spielfilm aus seinem Leben geschöpft.


„Mein Vater war Handelsvertreter und fuhr durch die deutschen Kleinstädte, um DOB – Damenoberbekleidung für die modebewusste Dame ab 40 an die ortsansässigen Boutiquen zu verkaufen“, erzählt mir Rasper bei unserem Treffen in Berlin. „Marineblaue Strickjacken mit Goldknöpfen, stabiles Schuhwerk und traditionelle Röcke; mein Vater wusste, was die Frauen wollten, und dafür war ihm seine Kundschaft treu“.

„Aber als ich 18 Jahre alt war, wurde mein Vater mit überhöhter Geschwindigkeit geblitzt und musste vier Wochen lang seinen Führerschein abgeben. Damit er weiterarbeiten konnte, bat er mich, ihn einen Monat lang zu fahren. Ich lehnte natürlich ab. Das letzte, was ich als junger Mann, der kurz vor seinem Coming-Out stand, machen wollte, war ihm dabei zu helfen, alten Damen neue Kleidung anzudrehen. Also spielte mein Vater seine Trumpfkarte aus und sagte: ‚Entweder fährst du mich oder ich zahle deine Studiengebühren nicht‘. Mir blieb nichts anderes übrig, als Ja zu sagen.

'Reine Geschmacksache'Rasper, der in Hildesheim geboren ist, wollte nie Vertreter werden. Stattdessen sehnte er sich nach einer kreativen Arbeit. Eine Zeitlang machte er eine Tischlerlehre, um danach Architektur zu studieren. Aber die Perspektive, Pläne Dritter auszuführen und die Baupläne konservativer Bauherren umzusetzen, langweilte ihn.

„Mir wurde klar, dass ich es mir nie verzeihen würde, wenn ich nicht riskierte, etwas.... anderes zu machen“.

Während seines einjährigen Zivildienstes arbeitete er in einem Behindertenheim. Dort entdeckte er seine Leidenschaft für Filme, als er mit der Nachtwache bis zum Morgengrauen aufblieb.

„Ich liebte die Arbeit von Stanley Kubrick, John Carpenter und so vieler anderer Regisseure“, erinnert er sich. „Ich liebte es, wie diese kreativen Personen neue und andersartige Welten erfanden. Die ganze Nacht lang analysierte ich Handlungen mit dem Wachmann, diskutierte Schnitttechniken, zerlegte schauspielerische Leistungen und so. Als die kleinen Besserwisser, die wir waren, debattierten wir bei jedem Film darüber, wie wir es hätten besser machen können“.

Während dieser Zeit setzte sich Rasper in den Kopf, selbst Regisseur zu werden. „Aber für jemand aus Hildesheim schien die Chance, in der deutschen Filmindustrie einen Job zu bekommen, genauso gering, wie einen in Hollywood zu finden“.

Als Rasper beim Studio Hamburg wegen eines Praktikums anklopfte, sagte man ihm, er müsse schon Promi-Praktikant sein, um dort Fuß zu fassen. Promi-Praktikant! Ein Praktikant mit prominentem Leumund. Zum Glück hatte ein entfernter Freund seines Vaters Kontakt zu der bekanntesten deutschen TV-Nachrichtensprecherin Dagmar Berghoff. Berghoff ließ sich überzeugen, Rasper vorzuschlagen, obwohl sie ihm nie begegnet war. Am nächsten Tag wurden ihm zwei Stellen im Studio Hamburg angeboten.

„Plötzlich war ich an einem echten Filmset. Es war magisch“, sagt er.
 
Sein erster Kurzfilm über eine Nachtwache in einer psychiatrischen Anstalt und einem geisteskranken Insassen, der behauptet, normal zu sein, brachte ihm einen Platz an der Filmakademie Baden-Württemberg in Ludwigsburg ein. Dort angekommen, entdeckte er seine Liebe für Komödie, vor allem nachdem er seinen Film Dufte gemacht hatte.

„Ich hatte Dufte als Krimi über Schmuggler angelegt, aber bei der Premiere konnte das Publikum nicht aufhören zu lachen. Mit wurde bewusst, dass ich das Gleichgewicht zwischen Komödie und Spannung ausloten musste“.

Movie 'Fashion Victims / Reine Geschmacksache', Ingo Rasper and Edgar Selge, Photo by Oliver WiaNach einer Reihe weiterer Kurzfilme hatte Rasper seinen Durchbruch als Regisseur für seinen ersten Langfilm. Reine Geschmackssache erzählt von den Problemen des provinziellen Modevertreters Wolfgang Zenker, der mit einem neuen Konkurrenten, dem Verlust seines Führerscheins und.... dem Coming-Out seines Sohnes klarkommen muss. Der Film spielt in einem fiktiven kleinstädtischen Deutschland und entwickelt sich zu einer umwerfend komischen Serie von Missgeschicken, Geldproblemen und Stürzen in Gartenteiche. Er wurde erfolgreich in den deutschen Arthouse-Kinos vorgestellt, nachdem er unter anderem drei Preise beim Saarbrückener Max Ophüls Filmfestival gewann.

Rasper: „Meine eigene Geschichte war die Basis für eine fiktive Vater-Sohn-Komödie, in der sich der Sohn in den Konkurrenten des Vaters verliebt“.

Jungregisseure haben bei ihrem ersten Film oft Probleme am Set, vor allem dann, wenn sie so sensibel und zurückhaltend sind wie Rasper. „Ich hatte das Glück, den klugen und erfahrenen Hauptdarsteller Edgar Selge für die Vaterrolle zu gewinnen: Edgar sah, dass ich mir anfangs oft selbst im Weg stand. Ich wollte einerseits nicht arrogant und diktatorisch sein, anderseits meine eigene Vision auf die Leinwand bringen. Ihm verdanke ich, dass ich lernte, als Regisseur nicht unbedingt die beste Idee haben, aber sehr wohl die beste Idee aussuchen zu müssen. Das war eine sehr befreiende Erfahrung“.
    
Es folgten weitere Spielfilme, unter anderem Vatertage – Opa über Nacht, BlitzBlank und zuletzt Besuch für Emma, eine Winterkomödie, die in einem Berliner Supermarkt spielt und im Herbst Premiere feiern soll. In Besuch für Emma spielt Dagmar Manzel eine einsame Kassiererin, die die Brieftaschen von Kunden nur deshalb klaut, damit sie sie anrufen und zur Abholung ihrer „Fundsachen“ zu sich nach Hause einladen kann.

Photo by Conny Klein, ARD degeto
„Besuch für Emma ist eine Komödie über die Zerbrechlichkeit des Einzelnen“, sagt Rasper mit einem sanften Lächeln. „Ich vermute, das Publikum wird während des Films nur zwei- oder dreimal laut lachen. Aber ich finde, man muss nicht pausenlos lachen in Komödien. Hauptsache Humor und Spannung haben das richtige Gleichgewicht“. Er hält inne und fährt fort: „Mein Freund der Wachmann und ich entdeckten dies vor langer Zeit während jener Nächte. Damals, als dieser Traumjob vom Filmregisseur noch unerreichbar schien“.

Ingo Rasper fügt an: „Filme zu machen ist noch immer mein Traumjob. Selbst wenn es hart ist, selbst wenn jeder am Set gestresst ist, herumschreit und es wie in der Hölle zugeht, dann habe ich als Regisseur den besten Job in der Hölle“.

Rory MacLean
August 2015

Übersetzt von Susanne Mattern

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