Günther Schaefer

Günther Schaefer im Interview mit Rory MacLean

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Günther Schaefer mit Rory MacLean
„Der Maler soll nicht bloß malen, was er vor sich sieht“, schrieb Caspar David Friedrich, der romantische Landschaftsmaler des 19. Jahrhunderts, „sondern auch, was er in sich sieht. Sieht er also nichts in sich, so unterlasse er auch zu malen, was er vor sich sieht.“

Unter der heißen Sonne Berlins steht Günther Schaefer, 55, vor einem leuchtend weißen, elf Meter langen Abschnitt der Berliner Mauer. Zu seinen Füßen liegen Pinsel und Farbe. Sorgenvolle Falten überziehen seine Stirn. „Ich habe keine Ahnung, wie ich die neue Malerei angehen soll“, sagt er, den Blick auf seine leere Betonleinwand gerichtet. Dann lacht er laut heraus: „Aber das hat mich noch nie abgehalten. Ich bin Optimist.“

Im Herbst vor zwanzig Jahren fiel die Berliner Mauer. Als das ostdeutsche Militär mit dem Abriss der grausamen Betonbarriere begann, beanspruchten Graffiti-Künstler die weiße Ostseite der Mauer schnell für sich (die Westseite war zugänglich und seit Jahren mit Mauerbildern bedeckt). Eine informelle Künstlergruppe, darunter Schaefer, hatte die Idee, einen Abschnitt von einer Meile Länge in der Nähe des Ostbahnhofs in die größte Open-Air-Galerie der Welt zu verwandeln. Sie hielten die Abbruchtrupps fern und luden gleichzeitig 110 Künstler aus 44 Ländern ein, die Mauer zu bemalen. Diese Initiative brachte viele der einprägsamsten Bilder der 1990er hervor: Dmitri Vrubels überlebensgroßes Gemälde vom Bruderkuss zwischen dem sowjetischen Staatsoberhaupt Leonid Breschnew und seinem ostdeutschen Amtskollegen Erich Honecker, Birgit Kinders kultiger Trabant, der die Mauer durchbricht, und Schaefers eigenes kontroverses Bild, Vaterland.

Vaterland. Copyright Günther Schaefer

 

 

 

 

„Anfangs waren wir spontan und ziemlich desorganisiert“, gesteht Schaefer. „Wir dachten, die Galerie würde höchstens ein Jahr bestehen.“

Aber die erste und letzte frei gewählte ostdeutsche Regierung stellte die East Side Gallery kurzerhand unter Denkmalschutz, bevor sie ihrer Existenz durch Abstimmung selbst ein Ende setzte. Die bemalte Mauer wurde damit ein geschütztes historisches Monument.

„Vierzig Jahre lang war dies die Grenze zur ganzen Welt“, erzählt mir Schaefer. „Für die Menschen in Ostdeutschland war dies wirklich das Ende ihrer Welt.“ Er zeigt auf eine lange, befahrene Straße, die neben der Mauer entlang führt. „Die Mühlenstraße war Protokollstrecke, ein Teil der offiziellen Route zwischen der Ostberliner Innenstadt und dem Flughafen Schönefeld. Honecker fuhr hier mit Breschnew entlang, mit Gorbatschow, also wurde die Mauer immer in makellosem Zustand gehalten. Er schwor, dass sie 100 Jahre lang stehen würde… aber er hat gelogen.“ Schaefer lacht wieder, „sie war so schlecht gebaut, dass sie beinahe genauso schnell zerfiel wie Ostdeutschland.“

Die Berliner Mauer bestand aus vier Meter hohen Stahlbetonplatten. Durch Witterungseinflüsse und Umweltverschmutzung zersetzte sich der Zement, der die einzelnen Abschnitte miteinander verband. Die Stahlstäbe im Innern begannen zu rosten und ließen den umliegenden Beton reißen. Souvenirjäger und Graffitimaler der heutigen Zeit beschädigten die Gallery weiter mit Hämmern und Spraydosen.

Letztes Jahr beschaffte sich die Künstlergruppe der East Side Gallery Geldmittel von der Bundesregierung, dem Berliner Senat und der Lotterie für die Sanierung der Gemälde, um sie wieder im alten Glanz erstrahlen zu lassen. Aber die Restaurierung wurde zu einer Rekonstruktion. Um die Mauer zu erhalten, mussten alle noch vorhandenen Kunstwerke mit Dampf entfernt werden. Das korrodierte Metall wurde versiegelt, der Beton erneuert und dann weiß gestrichen. Schließlich bat man die Künstler von damals, so auch Schaefer, ihren Teil der Mauer neu zu bemalen. Die fertigen Arbeiten werden durch eine vierzig Mann starke Sicherheitspatrouille rund um die Uhr bewacht und paradoxerweise durch Anti-Graffiti-Farbe geschützt. Die neuerstandene East Side Gallery eröffnet im November, und es gibt bereits Pläne zum Aufbau eines Informations- und Schulungszentrums als Treffpunkt für Künstler aus aller Welt, damit sich mit der Geschichte geteilter Länder auseinandersetzen können.

Den Pinsel in der Hand, starrt Schaefer auf die leere weiße Wand. Er wuchs in Westdeutschland nahe der Zonengrenze auf, wo er Ostdeutsche auf der Flucht beobachtete und ihn die Teilung seines Landes und Volkes tief bewegte. Sonntags grüßte sich seine eigene geteilte Familie oft von einer Seite des Niemandslands aus zur anderen mit weißen Tüchern, die sie an speziellen Aussichtsplattformen aufhängten. Schaefer studierte Buchdruck in Frankfurt, bevor er Fotograf wurde und nach New York zog. Durch einen glücklichen Zufall war er am 9. November 1989 in Berlin. Er hielt den Mauerfall in eindrucksvollen Schwarz-Weiß-Bildern fest und veränderte sein Leben.

1989. Copyright Günther Schaefer„Für mich ist die Fotografie – vor allem die Schwarz-Weiß-Fotografie – eine Kunstform, die Illusionen zerstören kann“, sagt er. „Der Fotograf entscheidet sich entweder dafür, mit der Kamera zu lügen oder die nackte Wahrheit zu enthüllen. Ich bevorzuge die zweite Möglichkeit.“

Er beschloss, in die Stadt zu ziehen, und machte sich in den nächsten zwanzig Jahren an die Dokumentation ihrer „Geschichte in Bildern, um etwas auszusagen, das noch unter dem Sichtbaren liegt.“ Er veröffentlichte seine besten Fotografien in Berlin: Bilder aus zwei Jahrtausenden und veranstaltete eine Reihe von Ausstellungen in New York, Moskau, Paris, Beirut und Dutzenden anderer Hauptstädte.

Öffentliche Aufmerksamkeit erregte er jedoch erst mit seinem kontroversen Gemälde an der East Side Gallery. In Vaterland ist die bundesdeutsche mit der israelischen Flagge vereint, in Schaefers Worten als „Friedenssymbol und Mahnmal gegen jeglichen Fanatismus“. Das Gemälde bezieht sich zweifach auf den 9. November: die Reichskristallnacht im Jahr 1938, als die Nazis Angriffe auf deutsche Synagogen verübten und mindestens 25.000 Juden verhafteten, sowie den Tag des Mauerfalls im Jahr 1989. Seit 1990 wurde das Gemälde ganze 44 Mal von Vandalen verunstaltet und von Schaefer wieder restauriert. „Solange Fanatiker Bilder wie meines zerstören, sind solche Malereien notwendig“, beharrt er.

1989. Copyright Günther SchaeferSchaefer ist kein Romantiker. Im Gegensatz zu Caspar David Friedrich malt er keine sinnenden Figuren, die sich gegen den Nachthimmel, Morgendunst oder gotische Ruinen abzeichnen. Aber wie ein Meister der romantischen Bewegung versucht Schaefer, eine subjektive, emotionelle Reaktion auf die Welt zu vermitteln. Er malt und fotografiert sowohl das, was er vor sich sieht, als auch das, was er in sich sieht. Ich beobachte, wie er neben der ehemaligen Grenze zwischen zwei Welten in sich hineinschaut, seinen Pinsel in die Hand nimmt und beginnt, Vaterland (neu) zu malen.

Rory MacLean
September 2009

Übersetzt von Susanne Mattern

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