Jürgen Tenz

Rory MacLean im Gespräch mit Jürgen Tenz

© Jürgen Tenz
© Jürgen Tenz
Westberlin war beinahe dreißig Jahre lang eine Insel. Trotz großzügiger Subventionen aus Bonn und Washington starb die Stadt einen langsamen Tod, umgeben von der kommunistischen DDR und einer Dreiviertelmillion Soldaten der Roten Armee. Der sowjetische Regierungschef Nikita Chruschtschow nannte Berlin einmal „die Hoden des Westens“ und prahlte: „Immer wenn ich will, dass der Westen aufschreit, dann quetsche ich Berlin“.

Damals wurden auch viele Berliner Künstler subventioniert, doch viele – unter anderem auch die Gründer der Stilrichtung „Neue Wilde“ – verließen die Inselstadt, sobald sie Erfolg hatten. Die westdeutschen Mäzene und Sammler hatten viel dickere Brieftaschen. Da gleichzeitig angebliche „politisierte“ Anarchisten- Künstler und Wehrdienstverweigerer zuzogen – die Westberliner waren vom Dienst in der Bundeswehr befreit – war die Kunstszene in der Stadt auf sich bezogen und viele blieben unter sich .

Aber nicht für Jürgen Tenz. „Ich bin aus Loyalität in Berlin geblieben“, erzählt mir der attraktive 72-jährige Künstler und gebürtige Berliner bei unserem Treffen in seinem Wohnatelier in der Winterfeldtstraße. „Damals war ich überzeugt, dass ein Künstler in ganz Deutschland nur in dieser Stadt frei arbeiten konnte. In München oder Frankfurt hätten einen die Kritiker abgeurteilt. Aber hier nicht. Ich liebe dieses gemütliche ‚kleine‘ Berlin bis heute“.

Bleistiftzeichnung auf Papier, Nr. 24 © Jürgen TenzAls Kind in der besetzten Stadt hatte Tenz Fantasiewelten voller bedrohlicher Soldaten und Kampfpanzer gezeichnet. Seine Eltern wollten eine Berufsausbildung für ihn, also absolvierte er eine Schlosserlehre bei Siemens. Aber sein Bedürfnis, sich auszudrücken, war zu stark. Er begann, Abendkurse in Kunst zu belegen, und besuchte später die Staatliche Hochschule der Künste Berlin. Er verließ Siemens, um als wissenschaftlicher Zeichner bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft zu arbeiten, und fertigte detailgenaue Zeichnungen der archäologischen Funde in Düppel und Spandau an. Nach vier Jahren und einem kurzen Gastspiel als Werbegrafiker beschloss er, hauptberuflicher bildender Künstler zu werden.

„Ich musste einfach zeichnen“, meint er. „Ich musste meine Vorstellungen ausleben und mir ein Portfolio erarbeiten“.

Veränderte Landschaft II, 1977, Federzeichnung © Jürgen TenzSein erstes Bilderwerk war gleichzeitig klassisch und modern – eine Reihe fesselnder, surrealistischer Federzeichnungen mit Anklängen an Hieronymus Bosch im Maschinenzeitalter. In einer makabren, grauenvollen Unterwelt haben perverse Dämonen und Drachen die Natur in ihre Gewalt gebracht, reiten auf Frauenakten und verwandeln Lebewesen in teuflische Roboter. Menschliche Torsos sind den Bestien ausgeliefert oder kämpfen gegen ihre Fesseln. Wie der Waldgürtel, der große Teile Westberlins umgab, erscheinen am Horizont gesunde Bäume als Zeichen der Hoffnung.

„In den Arbeiten geht es nicht um Berlin; sie sind Ausdruck meiner inneren Gefühle“, meint Tenz. „Die Menschen werden von der Technologie oder vom Konsum und Konsumismus überwältigt. Die Natur bietet Hoffnung. Der Frauenakt symbolisiert das Gestalten und Erhalten des Lebens“.

Die Zeichnungen wurden positiv aufgenommen, und Käufer und Galeristen drangen auf Arbeiten gleicher Art, doch fünf Jahre später brauchte Tenz dringend eine Veränderung. „Ich war wie der Opernsänger auf Tournee, dem klar wird, dass er beim Singen einer Arie an die Uhrzeit für seinen nächsten Flug denkt. Die Arbeit war zu automatisch geworden. Es war Zeit für etwas Neues“.

Autokolonne, 1987, Gouache  © Jürgen TenzIn Tenz' nächster Serie ging es um Berlin. Als begeisterter Stadtradfahrer radelte er oft die Mauer entlang und machte Rast bei den Wohnwagengemeinschaften, die sich in Kreuzberg und Wedding neben ihr angesiedelt hatten. Mit breitem Pinsel und kräftigen Primärfarben schuf er faszinierende Miniportraits der Stadt in der Gouachetechnik: kreuz und quer verlaufende Straßen und Brücken, S-Bahnbögen, Baukräne, Wohnwagen, Polizeiautos und gelegentlich ein Frauenakt.

„Meine Bilder sind meine Sprache“, sagt er. „Ich bin kein Theoretiker. Für mich beginnen Ideen im Bauch, werden im Kopf sortiert und kommen dann über meine Arme auf die Leinwand. Berlin und das Zeitgeschehen gibt mir alle Anregungen, die ich brauche“.

Tenz ging nur einmal zum Arbeiten ins Ausland, reiste nach Frankreich, um an einem Gemeinschaftsprojekt mitzuwirken. „Beinahe sofort nach meiner Ankunft in Bordeaux/Arcachon fragte ich mich, warum ich gekommen war? Ich fand es langweilig: Das Meer, die Segelboote, die Insekten. Drei Wochen später fuhr ich wieder nach Berlin zurück und machte die Arbeit zuhause fertig. Ich brauchte meinen Kiez mit meinem täglichen Café-Besuch, meine Zeitung. Ein Galeriebesitzer sagte einmal über mich: ‚Tenz sitzt in seinem Café, und die Welt kommt zu ihm‘. Ich brauche keine Reisen als Anregung. Alles ist hier: In meinem Kopf, in meinem Bauch, in Berlin“.

Die 1990er standen im Zeichen einer engen Zusammenarbeit mit der Tänzerin Vera Bilbija. In breiten, schwarz-roten Pinselstrichen malte Tenz Hunderte von Studien von ihr, die er als Basis für die Ausgestaltung einer Reihe von dynamischen Hochdrucken verwendete. Die Figuren in diesen Bildern schweben, lassen sich treiben und tanzen in stark vereinfachten, sehr sparsamen Formen. Heute hat sich für Tenz der Kreis – oder die Spirale – geschlossen, und er zeichnet wieder mit feinem Bleistift Kriegs- oder Kampfszenen, die heute jedoch der Realität einer Vorstellung von Syrien oder der Ukraine entspringen.

Sein Atelier ist aufgeräumt und gut organisiert. Sein umfangreiches Lebenswerk ist übersichtlich in Ordnern abgelegt. Farbwalzen hängen in ordentlichen Reihen an der Wand. Die Pinsel sind sauber und sorgfältig geordnet. Eine Reihe von eigenen Skulpturen ziert ein Regal. Durch seine Fenster sieht man zwitschernde Vögel, ausladende Bäume und den Winterfeldtplatz.

Frau mit Hut III, 1987, Gouache © Jürgen Tenz„Wenn ich arbeite, fühle ich mich frei“, sagt Tenz und streicht sich die weiße Haarmähne zurück. Er ist Gewinner des ARAG-Kunstpreises und saß 10 Jahre im Kulturbeirat Berlin-Tempelhof/Schöneberg. Er ist außerdem Mitglied im Verein Berliner Künstler, dem ältesten Kunstverein Europas. „Ich folge meinem Instinkt und mache, was ich machen will. Einmal hatte ich einen Galeristen, dem ich etwas in Gelb malen sollte. In Gelb! Ich sagte ihm: „Ich male nur dann in Gelb oder einer bestimmten Farbe, wenn ich sie brauche“. Die meisten Galerien wollen heute nur noch jüngere Künstler, die sie sich für den Markt erziehen und formen können, oder Leute aus der internationalen Szene. Das bin nicht ich. Ich mache nur meine Arbeit, so wie ich muss, so wie ich bin, zuhause hier in Berlin“.

Rory MacLean
Juli 2014

Übersetzt von Susanne Mattern

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