Marco Wilms

Marco Wilms im Gespräch mit Rory MacLean

© Marco Wilms
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„Als Dokumentarfilmer muss man alles selber machen“, sagt Marco Wilms, greift nach einer Akte und brennt eine neue DVD in Vorbereitung der Premiere seines neuesten Films. In dem ehemals besetzten Haus in der Alten Schönhauser Straße, wo er seit dem Mauerfall wohnt, umgeben ihn Reihen von Macintosh-Computern, Berge von Schnittnotizen und übersetzte Schreibmaschinenmanuskripte. „Es ist schwer zu glauben, dass ich am Anfang von ART WAR kein Budget hatte, nichts“.

Kunst ist eine Waffe. Sie ist ein Motto, das Wilms’ Leben mitgeprägt hat. Er wurde mitten in Ostberlin geboren, in der Charité. Als Kind sagte er seine Meinung und wurde dafür kritisiert. Als Teenager hatte er lange Haare, hörte Westmusik und wurde so zum „negativ-dekadenten Jugendlichen“ abgestempelt.

„Ich rebellierte gegen die repressive Struktur der DDR. Man gab mir das Gefühl, das schwarze Schaf des sozialistischen Kollektives zu sein. Erst später wurde mir klar, dass ich völlig in Ordnung war. Ich wollte mich einfach nur ausdrücken, Individualist sein“.

Wilms’ künstlerische Laufbahn blühte auf, als der kommunistische Staat zerfiel. Im Lauf von zwei chaotischen, euphorischen Jahren avancierte er vom Maler und Grafiker zum Bühnenbild- und später Szenenbild-Studium. In der Filmhochschule Potsdam-Babelsberg wurde ihm klar, dass er eigene Welten gestalten wollte, und wechselte er zum Regiestudium.

„1990 war das Jahr der Utopien“, erinnert er sich lachend. Auf seinem schwarzen T-Shirt trägt er das Held der Arbeit-Symbol. „Es ist unvorstellbar, wie schön die Stadt damals war, mit ihren alten Schriften auf den Hauswänden, gepflasterten Straßen und maroden Gebäuden“. Wilms filmte seine ersten Dokumentationen auf diesen Straßen und verwandelte das Haus in der Alten Schönhauser Straße in eine Bühne und ein Requisitenlager. Sein abendfüllender Dokumentarfilm erzählt die Geschichte seiner Zeit als „staatlich zertifiziertes DDR-Model“. Comrade Couture mit dem proletarischen Untertitel Ein Traum in Erdbeerfolie – kein nobler Traum in Seide – wurde bei der Berlinale, am New Yorker Museum of Modern Art und bei 66 weiteren Filmfestivals gezeigt.

„Ich bin kein klassischer Dokumentarfilmer“, scherzt Wilms. „In den meisten meiner Filme geht es um Künstler, Entertainer oder Vogelfreie. In gewisser Weise gehöre ich noch immer zum ostdeutschen Widerstand“.

Photo from ART WAR © Marco WilmsAls er 2011 an einem Projekt über den ägyptischen Schriftsteller Hamed Abdel-Samad arbeitete, erfasste eine revolutionäre Welle von Demonstrationen und Protesten den Großteil der arabischen Welt. Innerhalb einer Woche war Wilms in Kairo und filmte am Tahrir-Platz. Er hatte weder Finanzierung noch Drehbuch, aber er identifizierte sich mit den Demonstranten.

„Es erinnerte mich an den Mauerfall. Ich wollte eine echte Revolution dokumentieren, Leute filmen, die so alt waren wie ich im Jahr 1989“.

Er fühlte sich zu den jungen Künstlern hingezogen, die die Revolution ihrerseits so dokumentierten, wie es bei keiner neuen Geschichte möglich gewesen wäre, nämlich über die Sinne und in Metaphern. In wilden Graffitis, blutverschmierten Portraits und rebellischer Rap-Musik hielten Maler, Musiker, Autoren und Grafikkünstler die Zeit der Kämpfe und Anarchie nicht nur fest, sondern prägten sie auch mit. Wilms begleitete ihre Guerrilla-Graffitisessions und ihre mitternächtlichen Aufnahmen von der euphorischen Anfangszeit nach Mubaraks Rücktritt bis zum Fall von Mursi und den Muslimbrüdern. Niemand wusste, wie sich die Dinge entwickeln, was als nächstes geschehen und wohin die Geschichte führen würde. Aber auf der Straße entwickelte sich die Kunst zur Waffe im Kampf für die unvollendete Revolution. Wilms gibt zu: „Die Arbeit dieser Künstler war unglaublich. Dies war das poetische Bild der Revolution, die Erinnerung an die Revolution. Die Menschen kämpften für ihre Selbstfindung. Ich wollte ihnen Ehre erweisen“.

No Walls - from the ART WAR film © Marco Wilms

 

 

 

 

 

 

Nach 18 Monaten Dreharbeiten unterstützte der französisch-deutsche Fernsehsender ARTE den Film. Bei unserem Treffen bereitete sich Wilms auf die Premiere und den Kinostart in ganz Deutschland vor. Sein außergewöhnlicher Film wurde bereits in begeisterten Kritiken und Festival-Einladungen hoch gelobt. In seinem Wohnbüro lagen Stapel von Zeitungsausschnitten, Postern und sogar eine selbstgebastelte Art War-Graffitischablone, die auf den Straßen Berlins ebenso zweckdienlich ist wie auf denen Kairos.

© Marco Wilms„In all meinen Filmen steht ein universelles Anliegen im Vordergrund“, sagt Wilms. „Das Wichtige für mich ist Selbstbestimmung und persönliche Freiheit. Natürlich rührt dieses Anliegen daher, dass ich in der DDR groß geworden bin. Es erklärt auch, warum ich gegen die Islamisten bin. Deren moralische Intoleranz erinnert mich an die DDR-Funktionäre von früher“.

Auf dem internationalen Dokumentarfilmfestival DOK Leipzig erhielt der Film eine lobende Erwähnung mit diesen Worten: „Was ägyptische Graffiti mit der antiken Kunst der Pharaonenzeit zu tun hat und wie sie als Waffe noch heute politische Sprengkraft freisetzen kann, erzählt in atemberaubender, sinnlicher Dichte der Film ART WAR. Unerschrocken folgt Marco Wilms seinen Protagonisten zu den Brennpunkten auf den Straßen Kairos und wird so mit der Kamera Teil dieser Kunst. Der Film setzt unübersehbar ein Ausrufungszeichen für den Widerstand gegen Extremismus“.

Es überrascht nicht, dass Wilms seine eigene Produktionsgesellschaft HELDENFILM nennt. „In meinen Filmen geht es um Helden oder die Reise des Helden“. sagt er. „In ART WAR erzählt mir der Autor Hamed: ‚Veränderungen werden niemals von der Mehrheit der Bevölkerung hervorgebracht. Es waren immer Minderheiten, die ihre Gesellschaft grundlegend verändert haben, weil sie die aktivsten Minderheiten waren‘“.

Art War film poster © Marco WilmsWilms fährt fort: „Nach 1989 verschwand gewissermaßen die Parallelwelt der DDR, und wir konnten ein besseres, freieres Leben führen. Aber Ägypten ist nach 3 Jahren wieder am Anfang angelangt. Es gab den Versuch einer islamischen Diktatur, und jetzt hat wieder das Militär das Sagen, nimmt Menschen fest, will das Recht auf Demonstrationen einschränken und Graffiti unter Strafe stellen. Aber die Künstler geben trotzdem nicht auf. Sie hoffen, am Ende zu gewinnen, damit ihr Traum von Revolution Realität wird“.

Rory MacLean
Februar 2014

Übersetzt von Susanne Mattern

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