Gloria Zein im Interview mit Rory MacLean

Zein hat einen Hintergrund sowohl in Architektur als auch in Bildender Kunst. In Hannover geboren, erhielt sie ihre Ausbildung in Darmstadt, Wien und Paris (wo sie neun Jahre lang lebte) und erwarb am Chelsea College of Art and Design einen Master in Bildender Kunst. Letztes Jahr wurde ihre Skulptur TH.I.W.H. (This is What Happened / Das ist passiert) – inspiriert von der dunklen Geschichte des Geländes, auf dem das Chelsea College erbaut ist – als eine von zwei Arbeiten mit dem renommierten Cass Prize für junge Künstlerinnen und Künstler ausgezeichnet.
„In der Architektur werden Gebäude entworfen, die bestimmte Funktionskriterien erfüllen“, meint Zein bei unserem Treffen in ihrem Atelier ganz oben im Funkhaus Berlin, einer riesigen Künstlerkolonie in der ehemaligen Radiozentrale der DDR. „Der Architekt stellt natürlich viele Fragen, aber nach einer gewissen Zeit muss er damit aufhören und das Gebäude bauen. Ich habe festgestellt, dass ich niemals mit dem Fragen aufhöre“.
„Während meines Architekturstudiums machte ich unpassende Arbeiten – Performances, Installationen, Videos – die die Rolle des Architekten in Frage stellten“, erklärt sie. „Nach der Universität realisierte ich mein erstes größeres Projekt: ich bat fünfzig Männer, mir das veröffentlichte Bild einer Frau zu schicken, die sie besonders attraktiv, schön oder begehrenswert fanden. Dann spielte ich die Bilder nach – schlüpfte in diese Rollen – und fragte die Männer nach ihrer Reaktion“.
Das NY Arts Magazine schrieb, dass ihre Arbeit Vorspiel(e) „die öffentlichen und privaten Räume für Fantasien in der männlichen Vorstellung anhand unterschiedlicher ‚Enthüllungen‘ aus den Köpfen der Männer absteckte“.
Nach dieser Appropriationsphase ging Zein dazu über, ihre eigene, einmalige Bildsprache in Skulptur und Installation zu entwickeln, behielt gleichzeitig aber den Dialog und Prozess im Blick. Sie ersann philosophenbetten, eine Serie von Objekten, die aus Gesprächen mit Philosophen über Realität, Träume und Zugehörigkeit entstanden. Zein baute auf Basis dieser Gespräche jedem Philosophen ein „Bett“ und stellte diese Objekte dann von Berlin über Connecticut bis Teheran aus. Jean Luc Nancys Bett war zum Beispiel ein akkurates Rechteck aus Erde unter einer transparenten Halbkugel mit eingravierten Sternchen. Christian Ruby widmete Zein ein farbiges Plexiglasmodell eines offenen Pavillons. Das Bett des Iraners Simon Farid O’Liai bestand aus einem Geflecht schwarzer Kabel und elektrischer Drähte.
Zein kreierte daneben The Breathing Project (Das Atem-Projekt), eine Radiosendung, bei der sich die Zuhörer vorstellen sollten, sie gingen nachts durch eine Stadt und hörten die Gebäude leise atmen. Variationen dieser fantasievollen, höchst unterhaltsamen Arbeit wurden an so weit entfernten Orten wie Madrid, Antwerpen und New York ausgestrahlt.
„Meine Arbeit entsteht oft mit dem Gedanken an den Betrachter“, bestätigt sie. „Ich stelle mir vor, wie die Leute um meine Arbeiten herum oder durch sie hindurch gehen. Die Bewegung wie auch die wechselnde Perspektive des Betrachters sind mir wichtig. Dies hängt mit meiner Skepsis gegenüber der „Tatsachenwelt“ zusammen. Was bedeutet es, ein Objekt, ein Bild oder eine Person zu kennen? Jede einzelne Sichtweise ist einmalig. Daher mein Interesse an der Nacht, am Schlaf, am Unbewussten: an den Zeiten und Orten, wo man weniger Kontrolle hat und vielleicht offener ist für ungewöhnliche Vorstellungen von Realität und Begreifen“.
Zein ist begeistert vom Auftrag des Goethe-Instituts London, der ihr vollkommene künstlerische Freiheit ließ. Ihre dreiteilige Intervention wird sich auf große Teile des Gebäudes erstrecken, wobei sie sowohl auf dessen Architektur als auch auf die Struktur und Identität des Instituts Bezug nimmt.
Der erste Teil befindet sich im Haupttreppenhaus, das die verschiedenen Abteilungen mit der Außenwelt verbindet. Dort ist eine Wandmalerei in kräftigen Farben entstanden, ermittelt durch den Wurf eines neunseitigen Würfels, der für die Verbindung der neun Institute in Nordwesteuropa mit der regionalen Zentrale in London steht. Der Betrachter erlebt das Treppenhaus als begehbare Skulptur und vervollständigt in der Bewegung die Arbeit, wie beim traditionellen, feierlichen Aufstieg in die Beletage.
Auf der hinteren Terasse steht Zeins zweite Kreation, zwei Skulpturen als Blickpunkt für die Kultur- und Förderarbeit, die vom Institutsgebäude ausgeht. Das dritte Element, inspiriert von Interviews mit den 30 Institutsangestellten, ist eine Serie von Miniaturskulpturen an den verschiedenen Arbeitsplätzen, die sich teilweise im öffentlichen Bereich befinden.
„Ich wollte etwas Spezifisches für den Ort machen und vor allem für die Menschen, die im Gebäude arbeiten oder es nutzen. Es ist ein Experiment, meine eigene künstlerische Welt in den Alltag des Instituts einzuschleusen. Es soll eine Umgebung entstehen, in der die Sinne wach werden und die das Gebäude so dramatisiert, dass der Besucher zum Darsteller wird“.
Heute ist Zein in Berlin genauso zuhause wie in London. „Ich liebe London, vor allem auf dem Fahrrad“, meint sie. „Ich liebe seine Schnelllebigkeit und Dichte, den Wechsel der Architekturstile von Reihenhäusern zu Hochhäusern. London hat meine Bildsprache beeinflusst. Berlin ist dagegen ein großes Dorf, aber die Infrastruktur und Arbeitsräume sind vergleichsweise luxuriös“.
Mai 2012
Übersetzt von Susanne Mattern








