Clemens Schuldt

Rory MacLean im Interview mit Clemens Schuldt

Clemens Schuldt © Chris Christodoulou
Clemens Schuldt © Chris Christodoulou
„Musik ist Kunst in der Zeit, im Moment“, meint Clemens Schuldt, der aufsteigende Stern in der Welt der klassischen Musik. „Man kann die Partitur zwar studieren, mit dem Orchester proben, aber man kennt ein Stück erst dann richtig, wenn man es aufgeführt hat.“

2010 gewann Schuldt im Alter von 28 Jahren den renommierten Donatella-Flick-Dirigierwettbewerb, der ihm eine einjährige Assistenz beim London Symphony Orchestra sowie Einladungen zu einem Dutzend weiteren Dirigaten bei anderen Orchestern einbrachte.

„London war eine unglaublich wertvolle Erfahrung für mich“, sagt er bei unserer Verabredung zum Tee in Berlin. „Ich lernte, wie eines der besten Orchester der Welt arbeitet und wie inspirierend dies sein kann. Ich übernahm Valery Gergievs erste Proben und bereitete das Orchester für ihn vor. Ich sah zu, wie Sir Simon Rattle den Musikern während der Proben direkt in die Augen sah, um sie zu inspirieren. Ich stellte Sir Colin Davis Dutzende von Fragen. Und ich hatte die Möglichkeit, mit den Klarinettisten, den Fagottisten und den Geigern zu sprechen und zu fragen: ‚Wie haben Sie diesen Klang erzeugt?‘ Und: ‚Wie leise können Sie diesen Ton spielen?‘ Ich habe so viel gelernt.“

Als sich unser Gespräch Schuldts Kindheit zuwendet, legt er eine entwaffnende Offenheit an den Tag. Seine Eltern lernten sich beim vierhändigen Klavierspielen kennen und lieben. Im Alter von sechs Jahren begann er, Geige zu lernen, weil er „höhere Töne, höhere Schwingungen“ liebte. Er spielte auch liebend gern Hockey und beschloss erst relativ spät, mit fünfzehn Jahren, es der Musik zuliebe aufzugeben. Den Dirigentenstab ergriff er erstmals mit 24 Jahren, und dann auch nur, um befreundete Musiker bei einem Benefizkonzert zu dirigieren.

„Aber in diesem Moment fühlte ich mich so frei“, erinnert er sich, seine Augen mit einem Mal voller Begeisterung. „Ich hatte das Gefühl, den Musikern alles von mir geben zu können, um sie zu inspirieren und ihnen zu helfen“. Lächelnd fügt er hinzu: „Später lernte ich, wie man als Dirigent auch versagen kann.“

Clemens Schuldt  © Felix BrödeEbenso bescheiden wie ehrgeizig, war Schuldt getrieben von dem Willen, Musik mit dem Alltagsleben zu verbinden und hohe Musikwissenschaft mit alltäglichen Ausdrücken zu kombinieren. Zum Beispiel bittet er ein Orchester manchmal, ein paar Takte so zu spielen, als ob sie gerade an einem warmen Sommermorgen aufgewacht sind oder einen köstlichen Kaffee getrunken haben. Dann fordert er sie auf, in eine Passage dieselbe Energie einzubringen wie in den ersten, schockierenden Akkorden von Beethovens 3. Sinfonie.

„Als Dirigent finde ich es wichtig, man selbst zu sein. Man muss die Musik ehrlich interpretieren. Was kann ich schließlich einem Musiker erzählen, der sein Instrument schon länger spielt, als ich auf der Welt bin? Was kann ich anderes tun, als ihm höflich zu erklären, dass ich eine Idee oder ein Ideal habe? Dazu darf ich keine Rolle spielen. Ich muss ehrlich sein.“

Eine der Erfahrungen, die Schuldt am stärksten geprägt hat, war die Arbeit in der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen, die für ihre egalitäre Arbeitsmethode ohne Hierarchie, dafür umso mehr Euphorie und Energie bekannt ist. Nach Schuldts Meinung können Musiker ihre besten Leistungen dann erreichen, wenn sie geistig offen und bereit zur Spontaneität sind.

Schuldt spricht auch über seine tiefe Liebe zur Musik und das erregende Gefühl, den Klang eines Satzes oder einer Sinfonie im Kopf zu haben.

„Wenn ich eine Partitur lerne, kann ich mir ein dunkles Oboensolo oder einen hohen Streicherklang vorstellen. Im Geist kann ich eine andere Dynamik ausprobieren, die Klangfarbe verändern und die Partitur so interpretieren, wie sie meiner Meinung nach am besten dem Komponisten und der Musik entspricht.“

Im November kehrt Schuldt an das LSO zurück, um Parallels von Edward Nesbit, einem klassischen britischen Komponisten der Gegenwart, zu dirigieren. Im Anschluss an die Uraufführung dirigiert Sir Colin Davis die erste Sinfonie von Walton und das vierte Klavierkonzert von Beethoven.

„Bei zeitgenössischer Musik besteht die Gefahr, dass man die Partitur liest und nur die Noten sieht, aber nicht die Emotionen hinter dem Stück.“

„Für mich ist es unverzichtbar, etwas über den Komponisten zu wissen – Schumanns Liebesbriefe zu lesen, Haydns Sinn für Humor zu verstehen, Mahlers Leidenschaft für die Natur und Religion nachzuempfinden, Schostakowitschs Arbeit in ihrem politischen Kontext zu sehen. Ich versuche, die Person mit ihrer Musik in Verbindung zu bringen. Denken wir zum Beispiel an Brahms, der ausgeglichen und selbstbewusst war, und an Schumann, der mit seiner Musik anscheinend die ganze Welt umarmen wollte. Wenn ich etwas über die Personen weiß, dann gehe ich zum Beispiel mit ihren Crescendi ganz unterschiedlich um.“

„Ich habe nur meine eigene musikalische Fantasie, meine persönliche Erfahrung und mein eigenes Spektrum an Gefühlen. Wenn ich einen Komponisten verstehe, öffnen sich neue Türen, und das Ergebnis kann wirklich erstaunlich sein. Ich freue mich darauf, Ed Nesbits Partitur zu lesen, sie in mich aufzunehmen und dann mit ihm darüber zu reden.“

Mit einem Lachen fährt er fort: „Ich wünschte, ich könnte ebenso leicht Mozart anrufen oder Haydn bitten, mir einen Witz zu erzählen, oder ein Glas Wein mit Schubert trinken.“

Clemens Schuldt © Felix BrödeAußer mit dem LSO arbeitet Schuldt nächstes Jahr als Gastdirigent mit anderen Weltklasse-Orchestern wie dem Deutschen Symphonie-Orchester Berlin und dem Yomiuri Nippon Symphony Orchestra Tokyo. Außerdem flattern ihm Einladungen aus so unterschiedlichen Ländern wie Vietnam, Lappland und Jordanien sowie Großbritannien, Spanien und Deutschland ins Haus.

„Als junger Dirigent habe ich die Energie für Entdeckungen und den Ehrgeiz, jedes Projekt zu etwas Besonderem zu machen. Damit möchte ich Musiker – die oft viel älter sind als ich – ermutigen, sich an ihre eigenen Empfindungen zu erinnern, als sie in meinem Alter waren. Mein Ziel ist und bleibt, mich selbst zu verbessern und immer weiter zu lernen.“

Rory MacLean
August 2012

Übersetzt von Susanne Mattern

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