Female Macho

Rory MacLean im Interview mit Heike Suermann

© Heike Suermann
© Heike Suermann
Bei der Berliner Clubszene denkt man an riesige Veranstaltungsorte wie das Berghain, das umgebaute Kraftwerk mit dem lautesten Soundsystem Europas. Auf der Tanzfläche bewegen sich bis zu 1.500 Partygänger zum Techno-Beat, und oft scheinen Paare den Liebesakt zu vollziehen, ohne ihre Kleider abzulegen oder auch nur zu öffnen. Die Atmosphäre ist geladen von purer Lust, die aus einer Ecke heraus pulsiert – muskulöse Oberkörper, Hosenträger, Augenbinden, Fesseln - und die kalten Betonwände scheinen die Hedonie und Sinnlichkeit noch zu verstärken. In dieser Welt sind DJs wie Ben Klock, Ellen Allien oder Richie Hawtin wie kleine Götter, die auf ihrem High-Tech-Podium hinter den Turntables verehrt werden.

Wie aber sieht es in den intimeren Veranstaltungsorten aus? In den Clubs, wo Szenekenner ihren Abend gern beginnen oder beenden? In Berlin waren die Nachtklubs schon immer kurzlebig - vom SO36 zum Grex, von der Turbine Rosenheim zur Bar 25 - aber in den letzten fünfzehn Jahren war und blieb Female Macho bzw. Heike Suermann eine der beliebtesten und angesehensten DJs für kleine Veranstaltungsorte.

„Die Musik hat Licht in mein Leben gebracht“, erzählt mir Heike Suermann bei einer Kanne grünem Tee in Kreuzberg, seit über zwei Jahrzehnten ihre Wahlheimat. „Ich wuchs in der Kleinstadt Munster auf. Ich hatte keine schlechte Kindheit. Meine Familie war nicht ungewöhnlich. Das Leben war einfach nur langweilig, bis mich Delta 5 and Fad Gadget retteten“.

© vahakn.co.ukIn den 1980ern zogen Zehntausende frei denkender Westdeutsche nach Westberlin, angezogen von der radikalen Politik der Stadt, ihren billigen Mieten und ihrer lebendigen Kunstszene. Suermann war besonders fasziniert von Sängerinnen und Musikerinnen wie Inga und Annette Humpe oder Die Tödliche Doris und von Strömungen wie die Neuen Wilden. „Damals war Berlin eine Insel, und man lebte dort nach anderen Regeln als in München oder Köln. Ich liebte die vielfältige Mischung von Menschen, die gewagte Musik, die ganze Post-Punk- und New-Wave-Szene. Nicht weit weg von hier fand ich eine Wohnung für 200 DM – etwa 100 EUR – im Monat, begann in Clubs zu gehen und hing im Café M. auf der Goltzstraße herum, wo Blixa Bargeld das öffentliche Telefon wie seinen privaten Anschluss benutzte. Und ich dachte mir, das ist es. Hier bin ich richtig“.

Suermann fand zunächst Arbeit als Kostümbildnerin für das Theater, dann als Stylistin für Musikvideos. Als die Mauer 1989 zu bröckeln begann und die geteilte Stadt wieder vereint wurde, stand ein Drittel aller Gebäude im Osten leer. Techno-Aktivisten stürmten über die Spree zum Ostkreuz und nach Friedrichshain, um in verlassenen Kellern, Lagerhäusern und Tanklagern neue Clubs zu improvisieren. Ihre Musik – in Detroit entstanden und in Berlin ins Futuristische und Rebellische erhoben – drang durch die Lücken in der Mauer, pulsierte in einem neuen Rhythmus und brachte junge Menschen auf beiden Seiten der ehemaligen Grenze zusammen.

Suermann war dabei und lebte ein „glückliches, euphorisches Tanzleben“, feierte nächtelang in Clubs wie dem Tresor, VMF, Planet und Fischlabor. „Dann hörte ich im Fischlabor die bemerkenswerte Maria Colours und sah zum erstenmal eine DJ als kreative Person“, erinnert sie sich. „Als Dixon und Mitja Prinz die House-Musik nach Berlin brachten, begann ich, Parties für sie auszurichten. Eines Abends bat man mich, im Hinterraum der örtlichen Kreuzberger Bar Mysliwska einen Set zu spielen“.

„Zu diesem Zeitpunkt langweilte mich das reine Stildiktat des modernen Techno, also begann ich, Old-School- und No-Wave-Singles der Achtziger (wie „Warm Leatherette“ von The Normal und „Sex Machine“ von den Flying Lizards) mit Electro-, Techno- and selbst Disco-Platten zu mixen“, lacht sie. „Ich wollte die Regeln brechen, gleichzeitig aber auch auf die Musik zurückgreifen, die mich als erstes begeistert hatte. Natürlich waren einige DJs sauer auf mich, aber die Clubgänger liebten den Sound.’

„Heute hole ich mir immer noch gern Sounds aus allen Epochen: Grime, Dubstep, türkischer Pop, Hip-House. Was immer mir zu Ohren kommt, kann in einem meiner Sets landen. Künstlerinnen wie Peaches, Hanin Elias, Sick Girls und That Fucking Sara sind für mich starke Einflüsse. So viele verschiedene Stile kann man am besten in kleinen Lokalen spielen, in einer privaten und intimen Atmosphäre“.

Suermann arbeitet mit Platten und CDs, aber ohne Computer, und mixt nach Melodie oder Intro/Outro, niemals nach dem Beat. „Ich brauche ein analoges Gefühl“, meint sie. „Ich mache keine Playlist. Ich muss nur die Platte greifen, sie in meinen Händen spüren und loslegen“. Ihre Methode macht jeden Set einzigartig und zu einem nicht wiederholbaren Auftritt.

Neben monatlichen Engagements als Resident in der Berliner Soju Bar und .HBC tourt Suermann mit dem Klublabor des Berliner DMY International Design Festivals durch Asien. „Reisen geben mir die Chance, schrägen Hiphop in Japan abzugreifen und neuen koreanischen Pop zu entdecken“.

© Heike SuermannBevor wir uns verabschieden, bitte ich sie, den Ursprung ihres DJ-Namens zu erklären. „Female Macho“? meint sie. „In den frühen 1990ern gab es die verrücktesten Clubklamotten in einem Laden namens Groupie deluxe auf der Goltzstraße. Sie führten tolle Designerkleidung von Sabotage, Mecca, Beam Me Up und 3000. Ich kaufte ein einfaches weißes T-Shirt mit dem Aufdruck Female Macho. Das liebte ich und trug es an dem Abend, als ich zum ersten Mal auflegte. Jemand fragte mich: „Wie heißt du“? Ich sagte spontan: ‚Female Macho‘, und so wurde das mein eigener Name“.

Die nächsten Auftritte von Female Macho sind am 3.2.12 bei .HBC und am 18.2.12 in der Soju Bar.

Rory MacLean
Februar 2012

Übersetzt von Susanne Mattern

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