Kraftwerks Erben

Techno aus deutschen Landen

Jährlich kommen Millionen Fans nach Berlin, um sich und ihre Musik zu feiern. Namen wie Dr. Motte oder Sven Väth stehen für eine musikalische Richtung, die nicht zuletzt durch die Love Parade weltweites Gütezeichen geworden ist.

Kraftwerk zuerst

Es klingt wie ein kulturhistorisches Kuriosum, aber es ist wahr: Ausgerechnet eine deutsche, und dazu eine diese Tatsache betont verkörpernde, elektronische Musikgruppe hat das Gesicht der amerikanisch-afrikanischen Rhythmik, der globalen DJ-Kultur und der modernen Produktion von Tanzmusik maßgeblich beeinflusst, wenn nicht für immer verändert.

Stücke von Kraftwerk aus Düsseldorf wurden in den 1970er und 1980ern wegweisende Hits in den schwarzen Clubs von Städten wie New York, Chicago und Detroit. In Brooklyn wurden sie zu einem favorisierten Soundtrack der gerade entstehenden Breakdance-Kultur. In der verfallenden Innenstadt von Detroit fantasierten sich dazu junge, frierende Studenten die Musik des nächsten Jahrtausends zurecht: der Begriff Techno wurde hier geprägt und klang zunächst, „als wären Georg Clinton und Kraftwerk gemeinsam im Aufzug steckengeblieben“, wie Derrick May, einer der frühen Innovatoren, gern zitiert wird.

Bis heute gibt es eine starke Achse zwischen Detroit und Berlin. Der berühmte Club Tresor samt zugehörigem Label wurde in den frühen 1990ern zu einem deutschen Brückenkopf für Techno-Aktivisten aus Michigan wie Jeff Mills oder Blake Baxter und ist es bis heute.

Berlin, kurz nach dem Mauerfall

Die Kulisse von Berlin-Mitte kurz nach dem Mauerfall mit ihren geheimen, spektakulären und schwer geschichtsaufgeladenen Orten korrespondierte perfekt mit den zivilisationskritischen, utopistischen Klang- und Bildwelten von Detroit Techno. Künstler wie Underground Resistance fanden mit ihrer Guerilla-Ästhetik die passende Form von Solidarität bei den maßgeblichen Gestaltern der Berliner Technokultur. Eine Art permanenter Ausnahmezustand, ständige Einsatzbereitschaft und Mobilität prägte die frühen 1990er in dieser hochaktivistischen Welt.

Mit der Installierung des modernen, „dritten Berlin“ um den Potsdamer Platz und dem Umzug der Bundesregierung in die neue, alte Hauptstadt, verschwindet dieser Ausnahmezustands-Charakter mehr und mehr. In den ostdeutschen Metropolen allerdings hält sich die Berliner Definition von Harte-Zeiten-Techno nach wie vor als die bestimmende. Deutlich brachialer, rasanter und unbarmherziger bevorzugen die dortigen Technotänzer ihren Sound.

Die Love Parade

Und so sind es heute auch vornehmlich junge Menschen aus Brandenburg und Vorpommern, die das bedeutendste Symbol für den einigenden, euphorisierenden Geist von Techno auch heute noch ehren und masssenhaft besuchen: die Love Parade. Im Zusammenhang mit deutschem Techno kommt man an ihr wohl kaum vorbei.

1989 von DJ Dr. Motte ins Leben gerufen, als winziges, modernes, aber im Grunde typisches Berliner Sponti-Happening, schwoll sie zur Mitte der 1990er mit Millionen von Besuchern ins Gigantische. Gleichzeitig verschob sich ihr Charakter immer mehr vom innovativen Musikevent zum Volksfest des Körperkults.

In ihren besten Zeiten repräsentierte sie auf einmalige Weise das Spektrum der deutschen Technokultur in ihren verschiedenen Ausprägungen – entsprechend der jeweiligen Herkunftsstadt der teilnehmenden Trucks. Ein jährliches Treffen der Stämme. So war es stets eine Riesensache, wenn der Frankfurter Tross unter Führung von Sven Väth und Marc Spoon in die Hauptstadt einzog, mit ihrem so ganz anderen, aber auf ihre Weise nicht weniger gültigen Konzept der Technokultur.

Hessischer Hedonismus, Kölscher Minimalismus

Im Kontrast zur herben, spröden, um nicht zu sagen: protestantischen Berliner Sichtweise von Techno steht die sinnliche Saftigkeit, die hemmungslose hedonistische, die selbstbewusst sündigende, fast schon katholische Interpretation von Techno in der Hessenmetropole. Mentalitätsmäßig liegt Ibiza hier näher als der Prenzlauer Berg.

In Köln wiederum hat sich ein Strang von Techno entwickelt, der stark abgekoppelt von Feierkultur und deren sozialen Kontexten funktioniert, sozusagen auch tagsüber, und gleichzeitig mehr oder weniger gern und freiwillig in der Kontinuität Kölner Avantgarde-Modelle betrachtet wird. Karl-Heinz Stockhausen sowie die von Stockhausen-Schülern gegründete Band Can werden gerne als Paten der Kölner Minimal-Elektronik bezeichnet, die nicht nur, aber vor allem auch in globalen Intellektuellen-Kreisen hohe Wertschätzung genießt. Tanzen kann man dazu aber auch sehr gut.

Zwischen diesen groben Entwürfen brachte die deutsche Technokultur in allen wichtigen Städten und Regionen spezifische Ergebnisse und Eigenheiten hervor. Darin liegt eine der wichtigsten Qualitäten der elektronischen Musikkultur überhaupt: die Sichtbarmachung lokaler Eigenheiten in einem international verbindlichen Kontext und Code. Man muss nur ein bisschen genauer hinhören.

Hans Nieswandt
arbeitet seit mehr als zwanzig Jahren als DJ, Musikproduzent und Autor in wechselnden Mischungsverhältnissen. Zahlreiche Plattenveröffentlichungen als Solokünstler wie auch mit dem Projekt Whirlpool Productions. 2006 erschien sein Buch „Disko Ramallah“ bei Kiepenheuer & Witsch.

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