Provokation und Wandel

Berlin ist in den letzten 20 Jahren ein beeindruckender Wandel gelungen. Galt die Stadt zu Zeiten der deutsch-deutschen Teilung noch als grau und unattraktiv, ist heute der Spruch des regierenden Bürgermeisters Klaus Wowereit, Berlin sei „arm, aber sexy“, zum inoffiziellen Slogan geworden. Seit der Wiedervereinigung 1990 hat sich in der Metropole an der Spree ein sprühendes kulturelles Leben entwickelt. Ob spektakulär wie im Sony Center am Potsdamer Platz, renommiert wie in der Staatsoper Unter den Linden oder vielseitig wie in den unzähligen kleinen Klubs, hat sich ein fruchtbarer Nährboden für alle Formen der Kunst entwickelt, der auch im musikalischen Bereich Bemerkenswertes hervorgebracht hat.
Schrill und aufsehenerregend wie die deutsche Hauptstadt ist das dort ansässige Quintett MIA. (der Punkt ist Bestandteil des Namens) um Frontfrau Mieze Katz, die sich bei Konzerten und öffentlichen Anlässen gerne in eigenwillige wie farbenfrohe Modekreationen kleidet. Ihr Stil ist nicht unumstritten. „Viele stören sich an der ‚hysterischen Selbstdarstellung‘ der Sängerin Mieze und der krachenden Direktheit und ‚permanenten Selbstüberschätzung‘ der Band“, ist etwa auf Li-lak, der deutsch-arabischen Jugendwebsite des Goethe-Instituts, zu lesen. Ein Problem haben MIA. mit solchen Kritiken kaum, denn Provokation und Wandel gehören zu ihren Wesenszeichen.
Pioniere des Elektropunk
1997 bringt die spätere TV-Moderatorin und erfolgreiche Buchautorin Sarah Kuttner ihre Mitschüler Mieze und Andi Ross (später Andy Penn, Gitarre) mit Ingo Puls (Gitarre, Keyboards, Horn), Robert Schütz (Bass) und Hannes Schulze (Schlagzeug) zusammen. Nach mehreren Namensänderungen einigen sich die Mitglieder schließlich auf MIA., was zunächst für Me In Affairs steht, später für Musik ist Alles. Eine eindeutige Übersetzung gibt es aber nicht.
Eigens, um MIA. eine Plattform zu bieten, entsteht das Label R.O.T. (Respect Or Tolerate). Bei BMG veröffentlichen MIA. 1999 die Single Sugar My Skin, erzielen aber kaum mehr als einen Achtungserfolg, weshalb sie kurz darauf ohne großen Vertrieb weitermachen. Nach einer ausgedehnten Tournee erscheint 2001 die zweite Single Factory Girl, die in deutschen Clubs zu einem Hit wird. Daraufhin erhalten MIA. einen Vertrag bei Sony, wo man darauf setzt, dass sich ihr Elektropunk zu einem neuen Trend entwickelt. Nach dem Ausstieg von Hannes Schulze stößt Gunnar Spieß als neuer Schlagzeuger hinzu.
Stilistisch erinnert MIA.s Debütalbum Hieb & Stichfest (2002) an die Neue Deutsche Welle, die in der ersten Hälfte der 1980er-Jahre mit Nena, Trio oder Falco auch internationale Erfolge feierte. Nachdem die ersten zwei Singles noch auf Englisch erschienen waren, singt Mieze seitdem fast nur noch in ihrer Muttersprache. „Deutsch ist die Sprache, mit der ich aufgewachsen bin und in der ich denke und träume. Ich liebe Worte und den Versuch, Gefühle zu erfassen“, erläutert die Sängerin in einem Interview auf der Website Kittyboom.de.
„Die deutschen Farben mit neuer Bedeutung belegen“
2003 sorgen MIA. für eine Kontroverse, die sie endgültig in der öffentlichen Wahrnehmung etabliert. Um gegen den Irak-Krieg der USA zu protestieren, gehen in Deutschland viele Menschen auf die Straße. Damit unterstützten sie die Regierung des damaligen Bundeskanzlers Gerhard Schröder, die sich weigert, deutsche Truppen in den Irak zu schicken. MIA. und ihr mittlerweile zu einem Künstlerkollektiv umgewandeltes Label R.O.T. rufen die Aktion Angefangen ins Leben, um die Werte Respekt, Toleranz, Liebe und Mut zu diskutieren. Dazu ist es ihrer Meinung nach notwendig, den Begriff der deutschen Identität neu festzulegen.
Deshalb versuchen MIA. mit dem Stück Was Es Ist, „die schwere Bedeutung der deutschen Farben neu zu belegen“, erläutert Gitarrist Andy Penn im Magazin Blond. Dass MIA. daraufhin bei einem Konzert von politisch links orientierten Besuchern mit Eiern beworfen und in der rechtsextremen Zeitschrift Deutsche Stimme gelobt werden, sagt jedoch mehr über das schwierige Verhältnis vieler Deutsche zu ihrer Nationalität als über die Gesinnung der Band aus, die sich schon davor gegen Rechtsextremismus und Rassismus ausgesprochen hat und sich auch für Greenpeace und Amnesty International einsetzt.
„Schnörkellos, aber detailverliebt“
Die Diskussion fördert auf jeden Fall MIA.s Karriere. Ihr zweites Album Stille Post erreicht Platz 13 der deutschen Charts, ihr drittes, Zirkus (2006), sogar Platz 2. Dafür dürfen sie ihre erste Goldene Schallplatte in Empfang nehmen. Musikalisch verzichten sie zunehmend auf elektronische Elemente und wenden sich einem poppigeren Sound zu. Dem Etikett „Elektropunk“ schwören MIA. 2006 ab. Als Punks sehen sie sich nach wie vor, doch damit meinen sie eher eine Haltung als den Stil ihrer Musik.
Dass sich MIA. dennoch weiter auf Erfolgskurs befinden, beweist im Juli 2008 die Single Mein Freund, auf der Miezes Gesang an den der französischen Chanson-Sängerin Edith Piaf erinnert. Am 5. September 2008 erscheint MIA.s viertes Album Willkommen Im Club. „Es ist schnörkelloser, aber es ist trotzdem detailverliebt. Auf jeden Fall gehört diese Platte ganz massiv auf die Tanzfläche, in den Frühling und in den Sommer!“, schreibt Mieze auf der Website des offiziellen MIA.-Fanclubs.
Arm sind die Mitglieder vom MIA. angesichts des kommerziellen Erfolgs in Deutschland wahrscheinlich nicht mehr, sexy aber nach wie vor. Nur eines fehlt ihnen, um mit ihrer Heimatstadt gleichzuziehen: der Durchbruch im nicht-deutschsprachigen Ausland. Erfahrung haben sie diesbezüglich schon gesammelt: Im Auftrag des Goethe-Instituts gaben sie in Russland und in China Konzerte. Vielleicht wird 2009 ihr Jahr?
ist Redakteur beim Online-Musikmagazin laut.de.
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September 2008











