Shantel

Shantel im Interview mit Rory MacLean

Shantel © Harald Schroeder
Shantel © Harald Schroeder
„Ich bin deutscher Musiker“, erklärt Shantel, das bahnbrechende musikalische Wunderkind, im Berliner Admiralspalast. „Meine Musik ist Ausdruck der Gefühle eines ganzen Lebens. Sie ist Teil der neuen deutschen Kultur“.

Shantel ist ein Phänomen des 21. Jahrhunderts. Seine Single Disko Partizani! erzielte über zehn Millionen Treffer auf Youtube und schoss in Deutschland und in der Türkei an die Spitze der Popcharts. Mit seinem Bucovina Club trug er zur weltweiten Begeisterung für den Balkan-Beat bei. Seine sprudelnde Energie und euphorische Ironie mit Hang zur Selbstparodie hat sein Publikum in ganz Europa elektrisiert. Ich habe über kein Popvideo so sehr gelacht wie über Disko Boy. Trotzdem hat der Großteil der deutschen Kulturelite seine Arbeit jahrelang ignoriert und als etwas speziell Ausländisches betrachtet.

Shantel wurde als Stefan Hantel in Frankfurt geboren. Nach dem Krieg flüchteten seine Großeltern aus Czernowitz, der alten Hauptstadt der Bucovina, einem Land, das heute zwischen Rumänien und der Ukraine geteilt ist. Seine Mutter kam in einem österreichischen Flüchtlingslager zur Welt. In ihrer Schule in Deutschland sagten die einheimischen Kinder beim Anblick ihrer schönen dunklen Augen, die ihr Sohn später erben sollte: „Du bist entweder Italianerin oder Jüdin, aber keine Deutsche“.

Shantel & Rickenbacker © Harald Schroeder„Das Haus meiner Großeltern in Frankfurt war wie aus einem Film von Fellini: ein exterritorialer Außenposten voller Bücher, Musik und Leuten, die sich in einem sprachlichen Mischmasch aus Rumänisch, Russisch und Jiddisch anschrien. Es war ein Ort, an dem der Geist des alten kosmopolitischen Czernowitz am Leben geblieben war. Er hatte etwas sehr Warmes, aber auch etwas sehr Beunruhigendes an sich“, erzählt mir Shantel.

Er hatte nie vor, Musiker zu werden. Sein Vater war nach einer Zeit als Schlagzeuger in einer Cover-Band für Sechziger-Songs, die die Top 40 erreichte, Grafiker geworden, und Shantel hatte vor, den gleichen Weg in die Kunst einzuschlagen. Um seine Studiengebühren zu bestreiten, mietete er eine große Wohnung im Rotlichtviertel von Frankfurt und legte dort alle zwei Wochen als DJ auf.

„Das war meine Initiation“, sagt er. „Von Anfang an interessierte ich mich für die Kombination verschiedener Richtungen, mixte Siebziger Funk mit seltenen Grooves, James Brown mit Dub-Reggae, Sade mit Style Council und spielte ein paar alte Schallplatten meiner Großmutter. Ich entdeckte die britische Band 3 Mustaphas 3 und die nordafrikanische Raï-Musik, deren südeuropäisches Flair ich liebte, aber plötzlich war sie verschwunden“.

Noch während seines Studiums baute Shantel ein kleines Homestudio, begann CDs einzuspielen und geriet in die elektronische Freestyle-Musikszene. Er begann auf internationaler Ebene zu touren und etablierte sich als als Downtempo-Impresario. „Dieses Leben machte mir Spaß, aber ehrlich gesagt kam ich mir etwas verloren vor. Techno und House waren nicht mein Ding, das war für mich zu teutonisch, was auch immer das heißt. Ich suchte nach etwas mit mehr... Seele“.

Im Jahr 1996 besuchte er dann Moskau. Sobald das Flugzeug auf dem Boden aufsetzte, begann er an seine Großeltern zu denken, die 15 Jahre vorher gestorben waren. Er fuhr nach Czernowitz und fand ihr früheres Haus. „Das war für mich ein echt anrührendes Erlebnis“, erzählt er mir. „Ich ging in das alte Haus hinein, roch vertraute Gerüche - Winteräpfel und Tee aus dem Samowar - und es kamen Erinnerungen aus meiner Vergangenheit hoch. Ich ging in den Garten und telefonierte unter Tränen mit meiner Mutter. Dann rief mir ein Nachbar zu, ich sei im falschen Garten. Ich hörte auf zu weinen, lief nach nebenan und heulte dann wieder los“.

Shantel wurde klar, dass er nicht weiter als „DJ-Fotokopie für die anglo-amerikanische Popkultur“ arbeiten wollte. In Czernowitz hatte er ein fehlendes Teil seiner Identität gefunden. Gleichzeitig wurde ihm bewusst, dass die reiche, kosmopolitische Kultur der alten Bucovina durch die tragischen Jahre der Nazi-Besatzung und kommunistischen Diktatur zerstört worden war.

„Ich musste meine eigene Geschichte finden“, gesteht er. „Dies war der Anfang meiner Idee für einen Bucovina-Club, um den Geist einer Gesellschaft wiederaufleben zu lassen, die multikulturell und dadurch stark war, die florierte, weil die Leute das Gefühl hatten, sich frei das Beste aus der jeweils anderen Kultur auswählen zu können“.

Shantel & Rickenbacker © Harald SchroederAm Frankfurter Schauspielhaus konzipierte Shantel sein bahnbrechendes Bucovina-Bühnenspektakel, indem er eine wilde Zigeuner-Brass-Band aus dem ehemaligen Jugoslawien ans deutsche Theater brachte und das Auditorium in eine Art türkisches Bordell verwandelte. „Anfangs war es das totale Chaos“, lacht er. „Die Band war es noch nicht einmal gewöhnt, einen regelmäßigen Takt zu spielen. Aber mir wurde bewusst, dass sich aus dieser Synthese etwas ganz Besonderes entwickelte“.

Shantel nahm traditionelle Melodien und Rhythmen des Balkans – die teilweise auf die byzantinische Zeit zurückgehen – und erweckte sie zu neuem Leben. Mit einer ungleichen Truppe bemerkenswerter Musiker, darunter die serbische Sängerin Vesna Petkovic, der bulgarische Klarinettist Filip Simeonov, der Trompeter von Manu Chau, die kanadische Sängerin Brenna MacCrimmon und Ruth Maria Renner, eine rumänische R'n'B-Vokalistin aus Berlin, bastelte und feilte Shantel an einem neuen, originellen musikalischen Stil.

Während der Orange Revolution in der Ukraine im Jahr 2004 kehrte Shantel – inzwischen in Deutschland außerordentlich populär – nach Czernowitz zurück. Mit dem Jüdischen Orchester der Stadt und der Mahala Raï Banda trat er vor zehntausend jungen Menschen auf.

„Mit dem Konzert hat sich für mich sozusagen der Kreis geschlossen. Das Publikum konnte nicht glauben, dass ich - ein Musiker aus dem Westen - ihre Songs feierte. Ihre Songs, meine Songs: es war eine Mischung aus allem. Hinterher sagte man mir: ‚Aber wir hörten immer, unsere alte Musik sei widerlich und kommunistisch. Jetzt sehen wir, dass sie wertvoll ist’“.

Shantels Interpretation der Musik war nicht im historischen Sinne „authentisch“.

„Wie schon gesagt, bin ich ein deutscher Musiker mit einer verrückten Familie“, erklärt er. „Bucoviner haben immer türkische Melodien mit dem Rhythmus des Wiener Walzers kombiniert und alle Kulturen vermischt, die das Land geformt haben. Die fehlende ‚historische Authentizität’ ist also nicht wichtig. Wesentlich ist, gute Musik aus eigener Leidenschaft, aus dem Herzen zu machen“.

Shantel hält inne, steht auf und streckt sich, dann nimmt er einen Schluck Wasser. „Neben meinem bescheidenen musikalischen Abenteuer habe ich die echten Alltagsprobleme der Bucovina kennengelernt: grassierende HIV-Infektion, Drogenmissbrauch, obdachlose Kinder. Ich half und helfe noch immer, wo ich kann, und unterstütze zum Beispiel zwei Waisenhäuser“.

Shantel und sein Label Essay wurden mit dem BBC World Music Award ausgezeichnet. Seine Musik für Auf der anderen Seite von Fatih Akin verhalf dem Film zu einem Preis beim Filmfestival von Cannes. Sein Remix von Mahalageasca der Mahala Raï Banda war in Borat von Sacha Baron Cohen zu hören. Shantel gründete seinen eigenen Musikverlag und seine eigene Agentur. „In Deutschland ist vieles möglich, aber man muss die Dinge selbst in die Hand nehmen“, meint er.

Seine neueste Veröffentlichung in Zusammenarbeit mit dem Kurator des Jüdischen Museums Wien, Oz Almog, ist Kosher Nostra, eine bemerkenswerte Compilation jüdischer „Gangsterhits“ aus dem Amerika der frühen Zwanziger Jahre. „Sie ist auch eine Geschichte von der Migration“, erzählt er mir, „von Parallelgesellschaften, die nebeneinander leben, und vom Einfluss der Zuwanderer auf die Gastgesellschaft“.

Seine nächste CD Anarchy and Romance erscheint noch diesen Sommer.

„Meine Musik ist eine Art Patchwork“, erklärt er. „Beim Komponieren versuche ich, ein ausgewogenes Verhältnis zwischen akustischen, analogen und digitalen Elementen zu schaffen und sie zu einer Sache mit Seele zu kombinieren. Man kann keine Musik mit dem Computer programmieren. Man braucht eine emotionelle Note. Aber es gibt absolut keinen Masterplan, kein Patentrezept. Die meisten Songs für das neue Album habe ich anfangs allein auf meiner Gitarre komponiert. Ich fange immer bei Null an, und gerade das macht meine Arbeit so spannend“.

Shantel & Rickenbacker © Harald SchroederAuf der Bühne gibt sich Shantel jungenhaft und respektlos und begeistert sein Publikum mit spielerischem Balkan-Brass, dynamischer Electronica, wildem Stagediving, hiphoppenden Bauchtänzerinnen und Spaß pur. Wie er sagt, geht seine Musik „direkt in den Körper, ins Innere, ins Herz, in den Bauch; sie bewegt dich und zwingt dich, deine Gefühle zu zeigen. Das ist das Geheimnis dieses Sounds. Er kehrt dein Innerstes nach außen“.

Aber abseits der Bühne ist er bedacht, nachdenklich und wissbegierig. „Ich wollte nie etwas ‚Korrektes’ machen“, erzählt er mir. „Ich will dieser Musik ein Genre geben, das der Popkultur entspricht“.

Durch seine bemerkenswert vitale Musik kreiert Shantel den Sound eines neuen Europa und trägt zu einer Neudefinierung der Bedeutung des Deutschseins bei.

„Natürlich hilft es, dass ich auch ein verrücktes Huhn bin“, fügt er augenzwinkernd hinzu. „In meiner Familie war Humor immer eine gute Überlebensstrategie“.

Shantel & das Bucovina Club Orkestar treten am 24. November im Londoner Koko auf.

Rory MacLean
Juni 2011

Übersetzt von Susanne Mattern

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