Marc Weiser

Marc Weiser im Interview mit Rory MacLean

© Weiser Music
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Im zwanzigsten Jahrhundert ging es in der Musik um die Ablehnung des Status quo. Strawinsky, Presley, Dylan, Glass, Kraftwerk, Iggy Pop und Björk stellten anfangs alle ihre Vorgänger in Frage. Im Gegensatz dazu scheinen heute viele junge Musiker (und viele, die einmal jung waren) eher daran interessiert, ihre Bank zufrieden zu stellen. Im Streben nach kommerziellem Erfolg haben sie sich bewährten Schemata und dem Populismus verschrieben.

Der Musikmaestro Marc Weiser schlägt die Brücke zwischen beiden Jahrhunderten, und Respektlosigkeit ist der Schlüssel zum Verständnis seiner Arbeit. „In meiner Erziehung ging es immer um mein Verhalten”, erzählt er mir bei unserem Treffen in seinem Berliner Stammcafé. „Es ging um die Nichtachtung von Traditionen, des Publikumsgeschmacks, von Politikern oder künstlerischen Grenzen“. Er lächelt: „Ich bin wie der Punkrocker, der auf die Bühne tritt und Stockhausen spielt, ohne jemals zuvor eine Gitarre in den Händen gehalten zu haben. Ich habe immer mitten im Wirbelsturm gelebt“.

Weiser wuchs in Düsseldorf auf, der respektablen und konformistischen Hauptstadt des industriell geprägten Ruhrgebiets. Es ist aber nur natürlich, dass eine konformistische Gesellschaft Radikale produziert. Die Rebellion entspringt der Konvention – das eine bedingt das andere. Innerhalb der soliden Grundfesten der Stadt, aufgebaut durch die stetigen Mühen und versteckten Ängste ihrer pflichtbewussten, arbeitsamen Bürger, hielten Freidenker – unter anderem Künstler wie Joseph Beuys, Gerhard Richter und Weiser – die Konformisten zum Hinterfragen, zum Rebellieren, zur Eigenständigkeit an.

Weisers künstlerische Bildung begann am Ratinger Hof, dem berüchtigten Kunstcafé des Underground unter Leitung von Carmen Knoebel, Ehefrau des Malers Imi Knoebel.

© Weiser Musik„Ende der Siebziger war Deutschland so steif, so festgelegt“, sagt Weiser. „Am Ratinger Hof sah und hörte ich zum erstenmal eine andere Welt, eine andere Realität. Die Musik berührte mich“.

Die Café-Bar um die Ecke von der Kunstakademie Düsseldorf war Szenetreffpunkt und Sammelstelle für Künstler, Rocker und Mods, die dort zusammenkamen, sich stritten und dann gemeinsam Punkbands wie 999, Wire, Mittagspause, Fehlfarben, Charley’s Girls, die Westberliner Band DIN A Testbild und DAF – Deutsch-Amerikanische Freundschaft hörten.

„Wenn man jung ist, ist man mit der ganzen Welt verfeindet“, meint Weiser lächelnd. „Ich bin heute noch so“.

Im Alter von 16 Jahren brachte sich Weiser das Gitarrespielen bei. (Er hatte beinahe zwölf Jahre lang Flöte gelernt, doch „das war für einen jungen Punkrocker wie mich nicht besonders interessant“). Er begann, sich selbst aufzunehmen und gleichzeitig Aufnahmen von frühem Hiphop und Electro Boogie zu schneiden, zu Loops zu verarbeiten und diese „stupiden, repetitiven Rhythmen“ durch seinen Moog-Monosynthesizer laufen zu lassen.

„Ich definierte Musik als Geräusch bzw. als Klang, was positives Geräusch bedeutet“, meint er. „Ich begann, auf Partys und in Kunstgalerien Konzerte zu geben, meinen Klang mit Filmmaterial zu kombinieren, zu improvisieren, Spaß zu haben. Mir wurde klar, dass ich mich durch meine eigene Musik ausdrücken und nicht nur die Sachen anderer Leute spielen wollte“.

Wie in vielen anderen Städten verteuerten sich die Immobilien in Düsseldorf während der 1980er, und die Subkultur wurde durch die Preise aus der Stadt gedrängt. Die einzige Ausnahme war Berlin, also beschloss Weiser, in die geteilte Stadt zu ziehen.

„Ich hatte lange blonde Rastalocken. Ich fand ein besetztes Haus ohne Strom und Telefon. Ich begann, Straßenmusik zu machen, Musik zu mischen und Leute zu organisieren. Ich entwickelte eine Faszination für Kreativrechte – Urheberrechte, Leistungsschutzrechte, Synchronisierungsrechte – und setzte meine eigenen Verträge auf. Mir wurde klar, dass die eigenen Rechte das Einzige sind, was ein Künstler besitzt“.

Auf seine eigene, entwaffnende Art arbeitete Weiser auf beiden Seiten des Mikrofons, machte Musik und trat daneben als Produktmanager für Labels wie WEA, Eye Q, Harthouse und Königshaus auf. Nach dem Mauerfall veranstaltete er Konzerte im alten Osten und trug auch dazu bei, die Grenze zwischen Kunst und Clubkultur verschwinden zu lassen. Im Hackeschen Markt leitete er einen der ersten Clubs der Hausbesetzerszene, das legendäre Imar, und startete gleichzeitig Club Transmediale, das jährliche Festival für elektronische Musik und neue Medien. Drei Jahre lang war er Programmleiter bei Maria am Ostbahnhof.

Weiser ist zudem Mitbegründer des audiovisuellen Elektronik-Duos Rechenzentrum mit über 500 Konzerten weltweit, von Mutek in Kanada bis zu den Sonar-Festivals in Spanien, und Auftritten in Asien, Russland, Sibirien und Südosteuropa.

„Die Musik von Rechenzentrum war immer schwer zu definieren“, erzählt er mir. „Klangwelten kombiniert mit improvisierter Popmusik, manchmal mit einem bisschen Reggae, einem bisschen Folk, etwas Melodischem und Freundlichem“. Und immer anders als erwartet, zur Verwirrung seiner Kritiker und (meistens) zur Begeisterung des Publikums.

Seit der Trennung von Rechenzentrum im Jahr 2008 arbeitet Weiser wieder als Solokünstler, hat sich seine Vorrangstellung in der Berliner Elektronik-Szene gesichert und Musik für klassische Filme, Tanz- und Theaterstücke an der Volksbühne, der Berlinischen Galerie und einem Dutzend weiterer Veranstaltungsorte sowie für die Allianz und die Lufthansa geschrieben.

Während unseres Gesprächs äußerte ich Verwunderung über den Umbruch in der Unterhaltungsmusik und über den Verzicht auf revolutionäre Ideale zugunsten der Konsumkultur. Früher maß man den Erfolg eines Musikers eher daran, wie seine Arbeit die Gesellschaft veränderte, und nicht an den Verkaufszahlen seiner CDs. „Wie hat man heute eigentlich Erfolg“? fragt Weiser. „Genau wie immer. Man muss auf seine innere Stimme hören. Man muss sich konzentrieren, um sie zu verstehen. Man darf nicht eingefahren sein. Am Ende ist nur wichtig, dass man eine gute Idee hat und alles vergisst, was man gelernt hat“.

„Und man muss respektlos sein“? frage ich.

„Unbedingt“, meint Weiser. „Es geht immer um die Respektlosigkeit“.

Rory MacLean
April 2012

Übersetzt von Susanne Mattern

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