Der anatolische Schwabe

Cem Özdemir

Cem Özdemir. Foto: Stefan Baudy. Copyright: Bündnis 90/Die Grünen
Cem Özdemir. Foto: Stefan Baudy. Copyright: Bündnis 90/Die Grünen
Yes, we Cem! Über 40 Jahre, nachdem die ersten „Gastarbeiter“ aus Südosteuropa und vor allem der Türkei in die Bundesrepublik kamen – und im Schatten der historischen Wahl von Barack Obama zum 44. US-Präsidenten – hat Deutschland mit dem Grünen-Politiker Cem Özdemir seit dem 15. November 2008 zum ersten Mal in der Geschichte einen Parteivorsitzenden, der ein Einwanderersohn ist – oder der, wie es im fürchterlichen Neudeutsch heißt, einen „Migrationshintergrund“ hat. Nebenbei ist der Aufstieg des Mannes mit den buschigen Koteletten das bemerkenswerte politische Comeback eines politischen Hoffnungsträgers.

Özdemir wurde 1965 im Örtchen Bad Urach im schwäbischen Teil Baden-Württembergs geboren. Er spricht Deutsch und Türkisch und beherrscht auch die schwäbische Mundart, die er, wie er in einem Interview mit SPIEGEL International im Oktober 2008 erzählte, als „freundliche Provokation“ einsetzt, wenn ihn jemand für einen Ausländer hält. Nach der Mittleren Reife lernte er zunächst Erzieher und absolvierte danach ein Sozialpädagogik-Studium an der Evangelischen Fachhochschule im nahen Reutlingen, das er 1994 abschloss.

Schon als Jugendlicher trat Özdemir 1981 der Partei „Die Grünen“ bei, die erst im Jahr zuvor als Zusammenschluss der westdeutschen Ökologie- und Friedensbewegung gegründet worden war. 1983 zogen sie erstmals in den Bundestag ein und wurden zur politischen Kraft in der damaligen Bundesrepublik. Nach der Wiedervereinigung und dem Zusammenschluss mit ihrem ostdeutschen Pendant wurde aus der Partei „Bündnis 90/Die Grünen“.

1994 machte Özdemir erstmals landesweit von sich reden, als er als erster Abgeordneter türkischer Herkunft in den Bundestag gewählt wurde. Der Anstoß, ein Mandat im deutschen Parlament anzustreben, sagte er SPIEGEL International, sei der Brandanschlag auf ein Haus türkischer Einwanderer in Solingen 1993 gewesen, dem traurigen Höhepunkt ausländerfeindlicher Verbrechen in den Jahren nach der Wiedervereinigung. Zwei Frauen und drei Kinder kamen in den Flammen ums Leben. Es sei ihm darum gegangen, „ein Zeichen dafür zu setzen, dass sich die Dinge ändern, schon durch einen ausländisch klingen Namen, einen Namen, der nicht typisch deutsch ist.“

Zu Beginn seiner Parlamentarierzeit war Özdemir zunächst für Immigrationsfragen und Asylpolitik zuständig – Ausdruck eines politisches Schubladendenkens, dem andere Deutsche aus Einwandererfamilien, die sich in die Politik wagen, bis heute begegnen. Von der Presse „anatolischer Schwabe“ oder auch „Spätzletürke“ getauft, gewöhnte er die deutsche Mehrheitsbevölkerung erstmals an die lange ignorierten Realitäten des „Einwanderungslands Deutschland“. Im innerparteilichen Dauer-Richtungsstreit zwischen „Fundamentalisten“ und „Realisten“ – oder „Fundis“ und „Realos“ – profilierte sich Özdemir als führender Kopf des nicht-ideologischen Flügels und galt als Vertrauter des „heimlichen“ Grünen-Chefs und späteren Außenminister, Joschka Fischer.

Als die Grünen 1998 gemeinsam mit der SPD die Macht eroberten und die erste rot-grüne Regierung unter Bundeskanzler Gerhard Schröder bildeten, wurde Özdemir innenpolitischer Sprecher seiner Fraktion und arbeitete maßgeblich an der lange überfälligen Reform des Staatsbürgerrechts mit, das 2000 in Kraft trat. Es erleichtert seitdem die Einbürgerung von Einwanderern und vor allem denjenigen, die in Deutschland als Kind von Ausländern geboren wurden und werden.

Cover: Die Türkei. Copyright: Beltz and GelbergAuch als Autor trat Özdemir für seine Anliegen ein. Schon 1997 war sein autobiografisches Buch „Ich bin Inländer“ erscheinen – der Sender Freies Berlin (heute: Radio Berlin-Brandenburg) kürte ihn im gleichen Jahr zum „Mulit-Kulti-Mann des Jahres“. 1999 folgte „Currywurst und Döner – Integration in Deutschland“, zuletzt erschien sein an jugendliche Leser gerichtetes Portrait der Türkei („Die Türkei. Politik, Religion, Kultur“, erschienen 2008).

Im Juli 2002 machte Özdemir dann auf einmal Negativ-Schlagzeilen. Wie eine Reihe anderer Politiker auch hatte er als Abgeordneter erworbene Bonus-Flugmeilen privat genutzt. Zusätzlich wurde bekannt, dass er sich, um Steuerschulden zu begleichen, einen günstigen Privatkredit bei dem Frankfurter PR-Berater Moritz Hunzinger besorgt hatte. Hunzinger war zuvor durch die desaströse Betratung des damaligen SPD-Verteidigungsminister Rudolf Scharping aufgefallen. Özdemir trat von seinem Amt in der Fraktion zurück und kündigte an, nicht wieder für den Bundestag zu kandidieren.

Dem Tiefpunkt folgte ein Auslandsjahr als „Transatlantic Fellow“ des German Marshall Funds in Washington DC, das er vor allem zur Vertiefung in außenpolitische Themen nutze. Für den langen Weg seines politischen Comebacks schlug er den Umweg über das Europaparlament ein. 2004 wurde Özdemir dort Abgeordneter für die Fraktion „Die Grünen/Freie Europäische Allianz“ und erarbeitete sich dort mit der internationalen und Sicherheitspolitik ein weiteres Politikfeld.

Sein neuerlicher, rapider Aufstieg bis zur Parteispitze der Grünen, die er nun gemeinsam mit Claudia Roth anführt, wird nicht zuletzt in seiner Heimat Schwaben stolz vermerkt. Dort gilt Özdemir nun als „unser Obamale“.

Henning Hoff
ist Korrespondent und Zeithistoriker mit den Schwerpunkten internationale Politik, Medien und Kultur.

Copyright: Goethe-Institut London
Dezember 2008

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