Das Rock 'n' Roll Brett

„This ain’t California“ – das Rock ’n’ Rollbrett

„This ain't California“ hat mehr von einem Musikvideo als von einem klassischen Dokumentarfilm.  Foto: Harald Schmitt © farbfilm verleih„This ain’t California“ hat mehr von einem Musikvideo als von einem klassischen Dokumentarfilm.  Foto: Harald Schmitt © farbfilm verleihMitte der 1980er-Jahre entdecken DDR-Teenager das Skateboard. Auf den Brettern schaffen sie sich einen Freiraum abseits von Regeln und Wettbewerb. „This ain’t California“ ist ein bewegender Film über Freundschaft, Jugend und Freiheit.

Langhaarige Teenager rollen auf Skateboards über den Berliner Alexanderplatz, das Herz der sozialistischen Musterrepublik, ein Ort, wo sonst formatierte Massen die Errungenschaften des Sozialismus feiern und die Ostberliner zweckmäßig ihrem staatlich organisierten Alltag nachgehen. Die Skater springen mit ihren Boards über Bänke, brettern die dreieckigen Dachrampen am Fernsehturm herunter. Als Stasi-Funktionär hat man gar keine Wahl: Die Jungs muss man im Auge behalten. Auch die Passanten scheinen irritiert. „Wir waren ’ne Attraktion“, kommentiert der Erzähler mit Berliner Dialekt die flimmernden Bilder in Super-8-Schmalfilm-Optik. „Du konntest an den Gesichtern der Leute auch sehen, dass sie nicht wirklich was mit uns anfangen konnten. Das Normale war doch, dass du irgendwas machst und damit ein Ziel verfolgst. Du arbeitest und kannst dir was zu essen kaufen. Du isst, um dich zu ernähren. Du gehst, um irgendwo hinzukommen. Das, was wir da gemacht haben, passte da nicht rein und das hat die Leute stutzig gemacht.“ Spaß haben? Im Arbeiter- und Bauernstaat? Die Stimme des Erzählers klingt ein wenig verblüfft über den eigenen Wagemut und das utopische Ansinnen. „Wir waren Außerirdische in der DDR.“

„Unser schöner hässlicher Betonspielplatz“

Filmplakat von „This ain't California“  Foto: © farbfilm verleihAuch heute wirken die Bilder exotisch. Wer in den 1980er-Jahren in Westdeutschland aufgewachsen ist und nie „drüben“ war, für den war die DDR genauso grau wie die Mauer, die sie umgab. Wie selbstverständlich geht man davon aus, dass sich die Menschen damit abgefunden haben. Genau dort setzt der Film ein: Er zeigt Menschen, die sich Nischen schufen im starren System. „Skateboardfahren, das war für uns wie das Graue, Langweilige um uns ’rum umzuinterpretieren, ’nen Spielplatz draus zu machen. Das war unser schöner, geheimnisvoller, hässlicher Betonspielplatz DDR“, sagt der Erzähler. „Skaten ist kein Protest gegen irgendwas, Skaten ist ein Weg, was Kindliches zu behalten.“

Fotos: © farbfilm verleih / Wildfremd Productions

This ain’t California hat mehr von einem Musikvideo als von einem klassischen Dokumentarfilm. Die Bilder reihen sich rasant aneinander. Übergangslos wechseln private Super-8-Aufnahmen aus der DDR mit nachgestellten Schwarz-weiß- und Farb-Sequenzen, Animationen, Ausschnitten aus dem DDR-Fernsehen und Gesprächen. Begleitet von einem Soundtrack, der sich zu den Bildern fügt wie das Brandungsrauschen in einem Surfer-Film. Es gibt keine Zahlen, mit denen irgendwelche Thesen belegt werden, keine Sozial- oder Kulturwissenschaftler, die versuchen, das Phänomen Skateboard in der DDR zu erklären. Der größte Teil des Films wird aus der subjektiven Perspektive eines der drei Freunde erzählt, ergänzt von aktuellen Statements einiger Protagonisten der damaligen Skater-Szene in Ost- und Westdeutschland. Eingerahmt wird die Handlung von Denis’ – einer der Hauptcharaktere – Beerdigung in Berlin, wo sich die alten Skater-Freunde nach mehr als 20 Jahren wiedersehen.

Keine Helden

„Skaten ist kein Protest gegen irgendwas, Skaten ist ein Weg, was Kindliches zu behalten.“  Foto: © farbfilm verleihDer Erzähler spricht immer wieder bewundernd über Denis, seine Unbeugsamkeit, seine bedingungslose Leidenschaft. Dennoch erzählt Martin Persiels Film keine Helden-wie-wir-Story von Leuten, die mit ihren Brettern über die Mauer springen oder sie gar zu Fall bringen. This ain’t California ist die Geschichte von drei Freunden, die einfach ihr Ding machen: Nico, Dirk und Denis. Sie leben in einer Wohnsiedlung bei Magdeburg, später in Ostberlin. Die Skateboards sind ihr perfektes Medium. Vielleicht, weil es sie überall gibt, nur nicht in der DDR. Anfangs bauen sich die Jungs ihre Bretter selbst. Die Rollen stammen von alten Rollschuhen. Später bekommen sie Skateboards aus dem Westen, von Freunden über die Grenze geschmuggelt. Für Denis bedeuten die Rollbretter mehr als für alle anderen: Sein Talent hat ihm eine Karriere als Schwimmer vorprogrammiert. Tägliches Training, täglicher Drill unter den strengen Augen des Vaters. Nicht wirklich das, was ein Zehnjähriger toll findet. Das Skateboardfahren öffnet Denis eine Gegenwelt, weit weg von Leistungsdruck, Regeln und Konkurrenzkampf.

Zwischen Dokumentar- und Spielfilm

This ain’t California lief bereits mit großem Erfolg auf Filmfestivals, unter anderem auf der diesjährigen Berlinale und auf dem Internationalen Dokumentarfilmfestival München. Einige Kritiker monierten, dass der Film die nachgestellten Szenen nicht als solche kennzeichne. Damit würde den Zuschauern vorgegaukelt, es handle sich um echtes Archivmaterial. Sogar Zweifel an der Identität von Denis kamen auf. Gab es ihn wirklich? Die Filmemacher schweigen sich darüber aus.

Es geht nicht um die verschwundene DDR, es geht um die Jugend.  Foto: Marko Mielke © farbfilm verleihEgal wie dokumentarisch: This ain’t California hat eine ungeheure Kraft – auch, weil der Film sehr emotional und subjektiv arbeitet.
Die ruckelnden und flimmernden Bilder wirken nostalgisch und erinnern alle, die in den Siebziger- und Achtzigerjahren aufgewachsen sind, an die Jugend. Sie ist es, wovon der Film – unabhängig vom Inhalt – erzählt, nicht die verschwundene DDR. Die Jugend ist die intensivste und emotionalste Zeit im Leben des modernen Menschen, eine Zeit, die vorbei ist, ehe man sich darin eingerichtet hat. This ain’t California holt sie zurück, zeigt aber auch ihre Vergänglichkeit: Der Fall der Mauer, der die Freiheit bringt, bedeutet zugleich das Ende der 1980er-Jahre, der Rebellion, der Skater-Szene und der Jugend. Die Freunde verlieren sich aus den Augen. Wenn der Film eine Botschaft hat, dann diese: Jugend tut, was sie tun muss. Sie schafft sich ihre Räume. Immer und überall.

Jonny Rieder
ist freier Autor in München.

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August 2012

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