Studentenvereinigungen

Vergessene Welt - Studentenvereinigungen

Mitglieder der Burschenschaft Teutonia während der feierlichen Eröffnung des Akademischen Jahres der Universität Freiburg; Copyright: picture-alliance / dpaMitglieder der Burschenschaft Teutonia während der feierlichen Eröffnung des Akademischen Jahres der Universität Freiburg; Copyright: picture-alliance / dpaDieses Reich hat seine eigenen Regeln: Was die Außenwelt von studentischen Vereinigungen weiß, ist oft ein Gemisch von Halbwahrheiten und Hörensagen. Dabei gibt es sie in nahezu jeder deutschen Universitätsstadt.

Wer in Deutschland das Wort "Studentenvereinigung" hört, der denkt zumeist an Jünglinge in alten Uniformen, mit bunten Schärpen und einer kleinen Mütze. In manchen Gesichtern prangt eine Narbe als Erinnerung an das rituelle Fechtduell zweier Studenten. Dieses Bild ist nicht ganz falsch. Doch es gibt riesige Unterschiede zwischen den rund 1.000 Bünden, ihren 20.000 Studenten und insgesamt 150.000 Mitgliedern im deutschsprachigen Raum.

Allein das Wort "Studentenverbindungen" passt nicht recht. Deren Mitglieder sehen sich als Teil eines lebenslangen Bundes. Wer als junger Student ("Fuchs" genannt) beitritt, wird im späteren Leben als "Alter Herr" dem Nachwuchs mit Geld und Beziehungen zur Seite stehen.

Burschenschaften, Corps, Katholische Studentenverbindungen

Burschentag 2007; Copyright: Deutsche BurschenschaftDie Welt der Männerbünde lässt sich grob in drei Gruppen aufteilen. Da sind zum einen die rund 300 Burschenschaften. Ihre Mitglieder prägen das bekannte Bild vom uniformierten Studenten. Diese Gruppen entstanden bereits zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Damals war der deutschsprachige Raum zersplittert in viele kleine Staaten. Dem Ruf nach einem einigen, starken und unabhängigen Deutschland folgten auch viele Studenten, die sich zu ersten Burschenschaften zusammenschlossen. Anfangs mussten sie in der Illegalität arbeiten. Damals radikalisierten sich viele Gruppen. Viele Burschenschaften schlossen Juden und liberal Denkende aus ihren Reihen aus.

Dass das deutschsprachige Österreich nicht zum 1871 neu gegründeten Deutschen Reich gehörte, schmerzte viele Burschen. Bis heute sind die Männerbünde Deutschlands und Österreichs eng vernetzt. In mehreren Bundesländern und in Österreich beobachtet der Verfassungsschutz einzelne Burschenschaften. Die Geheimdienstler fürchten wachsende Kontakte zwischen Studenten und Rechtsextremen.

Prominente lebende Mitglieder sind der österreichische Rechtspopulist Jörg Haider (Mitglied der "Silvania"), der ehemalige Regierende Bürgermeister Berlins, Eberhard Diepgen ("Saravia Berlin") und der Ex-Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz und Thüringen, Bernhard Vogel ("Arminia Mainz").

Der Adel bleibt unter sich

Kommers in Landau; Copyright: Deutsche BurschenschaftDen Burschenschaften ähneln die Corps – zumindest nach außen. Auch sie tragen Uniformen und Handschuhe. Das rituelle Fechtduell, die so genannte Mensur, ist hier wie dort fast überall Pflicht. Die Unterschiede zwischen ihnen liegen tiefer: "Burschenschaften rekrutieren sich vor allem aus aufstiegswilligen Bürgern", erklärt die Politikwissenschaftlerin Alexandra Kurth von der Universität Gießen. Hingegen entstammten die Corps-Mitglieder vor allem dem Adel und anderen hohen Schichten. "Die Corps entstanden Mitte des 19. Jahrhunderts auch als Reaktion auf den Sittenverfall unter Studenten. Bei ihnen steht der Elitegedanke im Vordergrund, unabhängig von der Nationalität", urteilt der Historiker Michael Gehler von der Universität Hildesheim. Deshalb finden sich unter ihnen auch Inder und Schwarzafrikaner." Prominentes Beispiel ist Prinz Asfa-Wossen Asserate. Der Autor des Benimmbuch-Bestsellers "Manieren" ist Großneffe des letzten Kaisers von Äthiopien und Mitglied des Corps Suevia Tübingen.

Mit Burschenschaften und Corps oft verwechselt werden die katholischen Studentenverbindungen. Ab Mitte des 19. Jahrhunderts entstanden die Gruppen, die an ihren Kürzeln CV, KV und UV erkennbar sind. Sie verstanden sich ursprünglich als Bollwerk gegen die Unterdrückung des Katholizismus durch das mächtige, protestantische Preußen. Am weitesten verbreitet ist heute der Cartellverband (CV). Nach eigenen Angaben sind darin 30.000 Mitglieder so genannter Farben tragender Verbindungen organisiert. Die katholischen Gruppen haben zwar viele Rituale von Burschenschaften und Corps übernommen. Doch Uniformen und Mützen kommen meist nur noch an besonderen Festtagen zum Einsatz. Der Fechtkampf ist ihnen aus religiösen Gründen verboten.

Sorge um den Nachwuchs

Die Liberalisierung der Gesellschaft hat auch bei den katholischen Verbindungen Spuren hinterlassen. Viele Bünde müssen öffentlich um neue Mitglieder werben, um zu bestehen. Heute leben in den Verbindungshäusern nicht mehr fast ausnahmslos angehende Ärzte, Juristen und Wirtschaftswissenschaftler, sondern selbst einige langhaarige, Sozialpädagogik studierende Heavy-Metal-Fans. Auch der deutsche Fußball-Nationalspieler Christoph Metzelder wurde als Student der Betriebswissenschaft CV-Mitglied: bei der "AV Silesia" in Bochum.

"Die besten Zukunftsaussichten haben heute wenn überhaupt die nicht schlagenden Farben tragenden (katholischen) Verbindungen", urteilt Historiker Gehler. Ihre Leitprinzipien lassen sich noch am ehesten vereinbaren mit einer Zeit, in der es auf Weltläufigkeit und Flexibilität mehr ankommt als auf lebenslange Zugehörigkeit, die sie allerdings nach wie vor pflegen. WGs scheinen zeitgemäßer als Verbindungshäuser.

Frauen sind hier wie dort meist Staffage. "Sie dürfen als so genannte Couleur-Damen bei bestimmten Veranstaltungen dabei sein. Mehr nicht", sagt Politologin Kurth. Aber ein paar Ausnahmen gibt es. Bereits 1899 entstand in Bonn die erste Studentinnenverbindung namens Hilaritas. Nach einer Serie von Neugründungen seit den 1980er-Jahren gibt es in Deutschland rund 30 Korporationen von und für Frauen. Ihr Antrieb ist dabei der gleiche wie bei vielen ihrer männlichen Kollegen: die Sehnsucht nach Unterstützung und einem lebenslangen, familienähnlichen Bund.

Buchtipps:

Alexandra Kurth: Männer – Bünde – Rituale. Studentenverbindungen seit 1800. Campus Forschung; Band 878, Frankfurt am Main: Campus 2004, ISBN 3-593-37623-7

D. Heither/M. Gehler/A. Kurth/G. Schäfer: Blut und Paukboden. Eine Geschichte der Burschenschaften. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main, 1997, ISBN 3-596-13378-5

Matthias Lohre
ist Politikredakteur der taz in Berlin und Historiker

Copyright: Goethe-Institut, Online-Redaktion

Haben Sie noch Fragen zu diesem Artikel? Schreiben Sie uns!
online-redaktion@goethe.de
Februar 2008

Links zum Thema

Weblog: Rorys Berlin-Blog

Rory MacLean Weblog
Wie lebt man sich in Berlin ein? Reiseschriftsteller Rory MacLean beschreibt sein neues Zuhause mit Scharfsinn und Humor.

Jugend in Deutschland

Mode, Musik, Outfit, politische Einstellung: Was genau macht Jugend und Jugendkulturen aus?