Porträt Moritz Bleibtreu

Das Kraftvolle und das Sensible

Moritz Bleibtreu. Foto: Jörg Carstensen. Copyright: Picture-Alliance
Moritz Bleibtreu. Foto: Jörg Carstensen. Copyright: Picture-Alliance
Moritz Bleibtreu beginnt seine Spielfilmkarriere mit drei Trotteln: Er ist der schwule Tischler Karl mit dem treuen Dackelblick in der Liebeskomödie Stadtgespräch (1995), der Möchtegern-Ganove Abdul in dem Roadmovie Knockin’ on Heaven’s Door (1997) und schließlich Manni in Tom Tykwers rasantem Episodenfilm Lola rennt. Für die ersten beiden Rollen wird er 1998 mit dem Ernst-Lubitsch-Preis für komödiantische Leistungen ausgezeichnet, mit der dritten Rolle gelingt ihm der Durchbruch. Sein Manni in Lola rennt ist ein liebenswerter Loser, der als Geldbote für einen Autoschieber eine Plastiktüte mit 100.000 Mark in der U-Bahn liegen lässt. Geld oder Tod, vor diese Entscheidung wird Manni gestellt und ist damit Schuld, dass Lola rennen muss, um ihren Liebsten zu retten. Der Film stürmt 1998 innerhalb weniger Wochen die deutschen Kinocharts und ist auch in den USA ein Riesenerfolg.

"Was mich am Beruf des Schauspielers interessiert, ist das Gefühl, das ich da rüberbringen kann", äußert Moritz Bleibtreu in einem Interview. "Außerdem ist es geil, jemand sein zu können, der du eigentlich nicht bist." Was den Spaß an fremden Rollen betrifft, ist er familiär vorbelastet. 1971 in München geboren, ist Moritz Bleibtreu der Sohn des Schauspielerpaars Hans Brenner und Monica Bleibtreu. Als Moritz zwei Jahre alt ist, verlässt Brenner die Familie, die Mutter zieht nach Hamburg und das Schauspielhaus wird bald ein zweites Zuhause für den Jungen. "Ich hatte nie eine andere Option im Kopf", erklärt Moritz Bleibtreu seine Berufswahl. "Seit ich klein war, wollte ich Schauspieler werden." Die Schule schmeißt er nach der elften Klasse und geht als Au-Pair nach Paris. Er lebt in Rom und New York, wo er Schauspielunterricht nimmt, mit dem dort praktizierten "Method Acting" aber nicht klar kommt. "Wenn ich eine Rolle spielen will, muss ich nicht in meiner Vergangenheit rumpopeln, um bestimmte Emotionen hervorzuholen. Es ist dem Zuschauer völlig egal, ob meine Tränen echt sind oder ob ich mir dafür Zwiebeln in die Augen reibe. Hauptsache, es wirkt auf ihn real."

Erfolg ohne "Method Acting"

Szene aus Im Juli mit Moritz Bleibtreu, Mehmet Kurtulus (links).  Copyright: Picture-AllianceIn den vergangenen dreizehn Jahren hat Moritz Bleibtreu mit dieser Einstellung Erfolg gehabt. Ob Detlev Buck, Fatih Akin, Helmut Dietl oder Hans Weingartner – alle wollen mit ihm drehen. Schon früh werden auch ausländische Regisseure auf ihn aufmerksam: An der Seite von Harvey Keitel spielt er in István Szabós Drama Taking Sides – Der Fall Furtwängler (2001) einen deutsch-amerikanischen Offizier und Steven Spielberg castet ihn für die Rolle eines RAF-Sympathisanten im Polithriller München (2005). Nach Hollywood zieht es Bleibtreu jedoch nicht: "Ich drehe lieber auf Deutsch“, so der Schauspieler in einem Interview. "Denn meine Emotionen sind stark an die Muttersprache gekoppelt."

So hat sich der 37-Jährige mittlerweile als einer der gefragtesten deutschen Darsteller mit einem breiten Repertoire – vom Kinderfilm über die Klamotte bis zum Gangsterfilm – etabliert. Dabei scheinen ihn gebrochene Helden mehr zu interessieren als reine Gewinner oder Verlierer. In dem bedrückenden Kammerspiel Das Experiment (1999) von Oliver Hirschbiegel verkörpert Bleibtreu den verkrachten Journalisten Tarek, der für eine gute Story an einem Versuch teilnimmt, der außer Kontrolle gerät und Tarek in einen Teufelskreis aus Psychoterror und Gewalt zieht. Hatte man Moritz Bleibtreu bislang eher mit komischen Rollen in Verbindung gebracht, zeigt er jetzt dunkle und sehr verletzbare Facetten – und darüber hinaus eine Bereitschaft, als Schauspieler auch Extreme auszuspielen.

Präsenz bis an die Grenzen

Das Kraftvolle und das Sensible – beides spiegelt sich auch in seiner äußeren Erscheinung wider. Bleibtreu ist kein Hüne, aber von großer Präsenz und bleibt hinter seinen Charakteren immer als Moritz Bleibtreu in Erinnerung. Vom Typ her wirkt er südländisch, seine Augen sind dunkel, die Lippen sinnlich. Fatih Akin – mit dem Bleibtreu eng befreundet ist – hat ihn in Solino (2000) als Sohn italienischer Einwanderer besetzt, und sein Abdul in Knockin’ on Heaven’s Door ist Araber. Die einen mögen in dem Schauspieler einen selbstbewussten Macker sehen, andere mehr den sensiblen, romantischen Liebhaber. Bleibtreu kann beides und am besten ist er, wenn er die Grenzen einer Figur auslotet.

Für Regisseur Oskar Roehler, dem Analysten seelischer Abgründe, steht Bleibtreu zweimal vor der Kamera: Neben Agnes und seine Brüder (2004) auch in Elementarteilchen (2006) nach dem gleichnamigen Roman von Michel Houellebecq. Darin spielt er Bruno, einen frustrierten Lehrer und Dichter mit kaputter Ehe und schlimmem Mutterkomplex, der vor Temperament und Testosteron förmlich zu bersten scheint und schließlich in der Psychiatrie landet. Rollen wie die des Bruno seien "Luxus", so Bleibtreu. Er wird dafür bei den Berliner Filmfestspielen 2006 als bester Darsteller ausgezeichnet.

Szene aus Der Baader Meinhof Komplex mit Moritz Bleibtreu, Johanna Wokalek. Constantin Film/dpaEine besondere Herausforderung ist für ihn die Darstellung des RAF-Terroristen Andreas Baader in Uli Edels Politdrama Der Baader Meinhof Komplex (2008). Als der Terrorist sich 1977 in seiner Gefängniszelle erschoss, war Bleibtreu gerade sechs Jahre alt. Wie also eine historische und höchst umstrittene Persönlichkeit darstellen? Bleibtreu erklärt: "Mein Job ist nicht Imitieren, sondern Interpretieren. Entscheidend war, dass ich versucht habe, dem Geist und der Kraft dieser Legende gerecht zu werden." Wichtig für ihn sei vor allem auch, so Bleibtreu in einem anderen Interview, dass er so weit wie möglich zu dem stehe, was er mache. In diesem Sinne ist sein Familienname wohl Programm.

Kirsten Taylor
arbeitet als freie Journalistin und Filmredakteurin in Berlin.

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Oktober 2008
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