Margarita Broich

Margarita Broich im Interview mit Rory MacLean

© Margarita Broich
© Margarita Broich
Schauspieler haben die Aufgabe, eine andere Person zu werden, sich in eine Rolle zu verwandeln. In Die Geliebte des französischen Leutnants hat eine Affäre zwischen zwei modernen Schauspielern – Meryl Streep und Jeremy Irons – eine Parallele in den viktorianischen Rollen, die sie spielen. In einem Moment größter cineastischer Offenbarung beginnen Streep und Irons mit der Probe für eine Szene. Ihr erster Durchlauf ist hölzern und nicht überzeugend.

„Machen wir es einfach nochmal,“ sagt Streep, von ihrer eigenen Leistung frustriert. Sie und Irons werfen einen Blick in ihre Skripts, sammeln sich, und vor unserem Augen verwandeln sie sich in ihre Rollen. Es werden keine Special Effects eingesetzt. Die Musik wird nicht lauter. Kein Weichzeichner legt sich über die Linse. Es ist allein ihre Schauspielkunst, die sie zusammen mit ihrem Publikum aus sich selbst heraus und in eine andere Welt hinein transportiert.

Dieser Moment der Verwandlung in eine Rolle fasziniert mich schon seit langem. Nie aber habe ich an die Kehrseite gedacht – die Rückverwandlung des Schauspielers von der Bühnenpräsenz zum gewöhnlichen Sterblichen – bis ich Margarita Broichs beeindruckende Portraits ihrer Schauspielkollegen sah.

Ben Becker © Margarita Broich„Es ist ein seltsamer, einsamer, besonderer Moment“, erzählt sie mir während einer Pause beim Hängen ihrer Bilder für die Ausstellung Wenn der Vorhang fällt. „Die Schauspieler gehen erschöpft von der Bühne oder vom Set, aber ihre Körper sind noch gut durchblutet, sie dampfen noch. Sie atmen aus und die Kulissen, das Kostüm und das Make-up, die noch einen Augenblick zuvor zu ihnen und ihrer Rolle gehörten, werden zu reinen Äußerlichkeiten. Aber die Rolle ist ihnen noch in die Augen und ins Gesicht geschrieben. Diesen Moment zwischen Vorhangfall und Garderobe will ich mit meiner Kamera einfangen“.

Im deutschen Schauspiel gehört Broich zu den Großen, doch bevor sie auf die Bühne ging, hatte sie eine Ausbildung als Fotografin gemacht. Zuhause in Neuwied waren ihr Vater wie auch ihr älterer Bruder passionierte Hobbyfotografen, und Broich erbte diese Leidenschaft. Mit dreizehn hatte sie eine eigene Dunkelkammer. Sie beschloss, an der Fachhochschule Dortmund Fotografie zu studieren und wurde im Alter von 21 Jahren offizielle Fotografin am Bochumer Schauspielhaus. 1983 verlegte sie sich dann auf ein Schauspielstudium in Berlin.

„Ich habe nie einen Beruf dem anderen vorgezogen“, erzählt sie mir, ihr blondes Haar wild verstrubbelt. „Aber an dem Tag, als ich nach Berlin zog, wurde meine ganze Ausrüstung – vier Nikons, zwei Leicas und 12 Linsen – gestohlen. Ich war so geschockt, dass ich jahrelang keine Kamera mehr anrührte“.

In den nächsten zwei Jahrzehnten konzentrierte sich Broich auf ihre Schauspielkarriere und spielte Dutzende von Rollen am Deutschen Theater und am Schillertheater, wurde Mitglied des Berliner Ensembles und spielte neben Kate Winslet in Der Vorleser mit.

Self Portrait © Margarita BroichDann sah sie eines Abends im Jahr 2001 nach einer Vorstellung von Christoph Schlingensiefs Rosebud ihr Spiegelbild in der Garderobe. „In meiner Rolle war ich bei einem Autounfall ums Leben gekommen, und im Spiegel sah ich mich mit Theaterblut verschmiert, ein schrecklicher und doch irgendwie realer und schöner Anblick. Am nächsten Abend brachte ich meine Kamera mit und nahm ein Selbstportrait auf“.

Während der Spielzeit des Stücks und bei späteren Auftritten begann Broich, ihre Schauspielkollegen zu fotografieren und zu versuchen, diesen „komischen Zwischenzustand“ am Ende einer Vorstellung einzufangen.

„Ich konnte nur Freunde und Kollegen fotografieren, die ich kannte und respektierte. Ich konnte keine Bilder von Fremden machen. Dafür bin ich viel zu schüchtern“, lacht sie mit funkelnden grünen Augen.

An diesem Punkt, nach Jahren auf der Bühne, war sie dabei, ihre Liebe zum Theater zum verlieren. Aber durch ihre Portraits und genaue Beobachtung der Schauspielkunst kehrte ihre Liebe zum Beruf zurück. „Ich sah die altgriechischen Wurzeln des Theaters – die Verbindung zwischen den Sterblichen und den Göttern“, erklärt sie.

„Ich habe höchstens zehn Minuten Zeit für eine Fotografie. Wenn Schauspieler von der Bühne kommen und die Rolle von ihnen abfällt, möchten sie sich entspannen, duschen, ein Bier trinken. Also arbeite ich schnell, mit natürlichem Licht und ohne Assistenz. Jeder Schauspieler weiß instinktiv, auf was ich hinauswill. Kate Winslet sah das, sowie ich ihr meine Bilder zeigte“.

Kate Winslet © Margarita BroichBroichs Berliner Schau Wenn der Vorhang fällt am Martin-Gropius-Bau zeigt bis Ende Mai 60 ihrer fesselndsten und eindringlichsten Portraits, unter anderem von Klaus Maria Brandauer, John Malkovich, Kate Winslet, Clemens Schick und ihrem Ehemann Martin Wuttke. Ein Katalog der Ausstellung ist über den Alexander Verlag Berlin zu beziehen. Gleichzeitig verkauft das Contributed Studio for the Arts Drucke. Außerdem sind in diesem Monat fünf ihrer größten Portraits im Hamburger Haus der Photographie ausgestellt.

„Ich sehe die Welt hinter dem Vorhang nicht als exotischen Ort, weil ich selbst dazugehöre. Das Theater ist meine Heimat... oder wenigstens meine zweite Heimat“. Dann fügt sie hinzu: „Für mich macht es Sinn, dass diese beiden Sphären – das Schauspielen und die Fotografie – zusammengekommen sind“.

Mit diesem Worten und mit klingelndem iPhone macht sich Margarita Broich bereit für die Rückkehr in die Galerie. „Wissen Sie, für alle Schauspieler ist es Realität, dass das Telefon ein oder zwei Wochen lang mal nicht klingelt“, sagt sie. „Aber dann können die Tage plötzlich wieder so hektisch werden. So ist das Leben, und so mag ich das“.

Rory MacLean
April 2011

Übersetzt von Susanne Mattern

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