Porträt Daniel Brühl

Nicht immer nur der nette Junge

Daniel BrühlDaniel Brühl in Good Bye Lenin! Copyright: X-Verleih AGDaniel Brühl ist ohne Zweifel derzeit einer der erfolgreichsten deutschen Schauspieler. Während er in Deutschland noch stark mit seinem Auftreten als romantisch veranlagter junger Mann in Good Bye, Lenin! in Verbindung gebracht wird, zeigt der Schauspieler in internationalen Produktionen ganz andere Seiten von sich und entwickelt sich allmählich vom Jungstar zum Weltstar.

"Irgendwann würde ich gerne mal einen ganzen Film hindurch die fiese, intrigante Ratte spielen", gesteht Daniel Brühl dem deutschen Interview-Magazin Galore. "Es scheint irgendetwas zu geben, was Filmemacher und Publikum gleichermaßen in mir den Romantiker sehen lässt. Meine Freunde, meine Freundin und meine Eltern hingegen wissen sehr gut, dass ich ein Arschloch sein kann. Aber irgendwie will mich niemand so vor der Kamera sehen." Wahrscheinlich liegt es an Brühls Äußerem, dass man ihm den Bösewicht nicht recht zutrauen mag – an diesen leicht verträumt dreinschauenden großen Augen und dem ebenmäßig geschnittenen Gesicht, in dem leicht feminine Züge zu entdecken sind. Daniel Brühl ist attraktiv, dabei aber kein skandalös schöner Mann wie Jude Law oder George Clooney.

Veritabler Sympathieträger

Daniel Brühl in Good Bye Lenin! Copyright: X-Verleih AGBrühl strahlt in seinen Rollen jene Portion Normalität und Natürlichkeit aus, die ihn zu einem veritablen Sympathieträger werden lässt. So ist der heute 30-jährige Schauspieler lange Zeit auf die weichen, frauenverstehenden netten Männer abonniert gewesen. Etwa wenn er in Good Bye, Lenin! (2003) Alex spielt, der aus Liebe zur Mutter im Ost-Berlin der Nach-Wende-Zeit in der heimischen Wohnung die DDR perfekt konserviert, während draußen bereits Coca-Cola und McDonald’s auf dem Vormarsch sind. Der Erfolg von Good Bye, Lenin! hat Brühl auch für internationale Produktionen interessant gemacht. Während er in Das Bourne Ultimatum (2007) nur einen ultrakurzen Dialog mit Matt Damon hat und dann von der Bildfläche verschwindet, eröffnet ihm das spanische Drama Salvador (2006) die Möglichkeit, erneut sein Können als Hauptdarsteller unter Beweis zu stellen. Die Rolle des Freiheitskämpfers und ETA-Aktivisten, der bei seiner Festnahme einen Polizisten erschießt und dafür von Francos Schergen in einer unendlich brutalen Prozedur gehenkt wird, gibt Brühl zudem die Gelegenheit, mit seinem perfekten Spanisch Eindruck zu machen.

Daniel Brühl ist Halbspanier, in Barcelona geboren und zweisprachig aufgewachsen. Zur Schule geht er in Köln, sein Vater Hanno arbeitet als Regisseur beim Fernsehen. In der Rolle des schizophrenen Lukas in Hans Weingartners Das Weiße Rauschen (2001) macht Brühl erstmals in einem Kinofilm auf sich aufmerksam. Die Arbeit mit Weingartner erlebt drei Jahre später mit Die fetten Jahre sind vorbei (2004) eine produktive und äußerst erfolgreiche Fortsetzung: Brühl spielt einen verschlossenen Schwärmer, der der revolutionären Energie der späten Sechziger- und Siebzigerjahre nachtrauert, den Diskos und Mädchen weit weniger interessieren als seine versponnene Vorstellung, durch gezielte Einbruchsaktionen im Berlin des 21. Jahrhunderts die revolutionären Kräfte neu anzuheizen. In dieser Rolle kann sich Brühls Faszination voll entfalten: Er wirkt zuweilen weich und sensibel, dann aber auch verschlagen und unberechenbar. Hinter der harmlosen Fassade schlummern für jeden ersichtlich noch ganz andere, interessantere, vielleicht auch dunklere Wesenzüge, die ihr destruktives Potenzial entfalten können. Männlichkeit und Temperament blitzen hinter der zurückgenommenen Art auf.

Absolute Hingabe und perfekte Motorik

Im deutschen Kino besetzt er damit einen neuen Typus: Er gehört nicht zu der Riege der kantigen, kraftstrotzenden Mannsbilder wie Götz George, Jürgen Vogel oder Til Schweiger, sondern bringt einen Hauch von Melancholie und Weichheit in seine Rollen mit. Regisseur Weingartner lobt Brühl als einen Schauspieler, der es schafft, dass sich das Publikum so stark identifiziert, "dass es irgendwann denkt, was er denkt". Brühl findet es selbst ein wenig beängstigend, dass er dieses Talent hat, sich schnell auf fremde Menschen einzulassen. "Und daher kommt es wohl", so Brühl gegenüber dem Berliner Tagesspiegel, "dass die Leute, wenn sie einen Film von mir sehen, meinen, mich gut zu kennen". Wolfgang Becker, der Regisseur von Good Bye, Lenin!, sieht das Geheimnis des Schauspielers Brühl in seinem direkten Spiel: "Daniel ist ein Ganzkörperspieler. Er versucht nicht, seinen Körper kopflastig zu kontrollieren. Ich nehme ihm seinen gesamten Bewegungsablauf ab. Seine Motorik stimmt einfach. Das hat damit zu tun, dass er sich einer Figur ganz hingibt, dass er keine Angst hat, sich fallen zu lassen."

Brühls Qualitäten sprechen sich bis nach Hollywood herum: Aus einer Rolle in Bryan Singers Stauffenberg-Drama Valkyrie (2008) wird letztlich nichts, dafür bekundet Quentin Tarantino öffentlich sein Interesse an dem Schauspieler. Tarantino entscheidet derzeit über die Besetzung seines neuen Films Inglorious Bastards, in dem Brad Pitt eine der Hauptrollen spielen soll. Es sei noch rein gar nichts spruchreif, teilt Brühls Agentin mit. Aber zwischen Tarantino und dem Deutschen bestehe bereits ein guter Kontakt. Vielleicht wäre die Zusammenarbeit mit dem unberechenbaren Ausnahmeregisseur für Brühl genau die Gelegenheit, als Filmschauspieler vollends erwachsen zu werden und das Image des netten Jungen endgültig abzustreifen.

Lasse Ole Hempel
ist Kulturwissenschaftler und Journalist. Er arbeitet als Redakteur und Lektor in Berlin.

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September 2008
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