Porträt Julia Hummer

Die geniale und unberechenbare Autodidaktin

Julia HummerJulia Hummer. Copyright: 2005 Schramm Film/Foto: Hans FrommJulia Hummer ist ein Phänomen: Nach der zufälligen Entdeckung auf der Straße erlebt sie – quasi von Null auf Hundert – eine beeindruckende Karriere als Kinoschauspielerin, um auf dem vorläufigen Höhepunkt des Erfolgs radikal die Richtung zu wechseln. Hummer hat seit 2005 keine Hauptrolle mehr gespielt und widmet sich fast nur noch der Musik.

Irgendetwas muss passieren, wenn eine Kamera das Gesicht von Julia Hummer einfängt. Immer wieder berichten Journalisten und Filmemacher von dieser merkwürdigen Metamorphose, die aus einem schon fast unscheinbar zu nennenden Mädchen eine einzigartige Leinwanderscheinung macht. „Ihr Gesicht, ihre Augen, alles verwandelt sich!“, stellt etwa der Regisseur Hans-Christian Schmid fest, der Hummer in Crazy (2000) besetzt. Der erste, der Hummers besondere Beziehung zur Kamera bemerkt, ist ein Fotograf des Jugendmagazins Jetzt. Er entdeckt die damals 17-Jährige 1998 in München auf der Straße. Hummer hat gerade die Schule abgebrochen und freut sich über ihre erste Gage von 50 Mark und ihr erstes Titelbild – mit Cowboyhut und Stars-&-Stripes-Shirt (heute bewirbt Hummer ihren MySpace-Webauftritt mit diesem Foto). Obwohl Hummer nie eine Schauspielschule besucht hat, kann sie bereits ein Jahr nach diesem Schnappschuss mit ihrer Rolle in Sebastian Schippers Absolute Giganten (1999) ihr umjubeltes Kinodebüt geben. Kurz darauf spielt sie in Christian Petzolds Drama Die Innere Sicherheit (2000) die Tochter eines deutschen Terroristenpaars, das – immer auf der Flucht vor dem Geheimdienst – in einer Parallelwelt lebt. Die Pubertierende begehrt auf, sie will aus dem Gefängnis des politischen Untergrunds ausbrechen, fürchtet dabei aber die Liebe der Eltern zu verlieren.

Ausbruch bis zum nächsten Häuserblock

Die Rolle des schwierigen Mädchens, das selbst noch nicht zum Leben gefunden hat, wird in der Folgezeit zur Julia Hummers Paraderolle: Die Augen strahlen Unsicherheit aus, die Sprüche sind rotzig-frech und ihre einzigartige heisere Stimme verrät Sensibilität und Verletzlichkeit. Die manchmal reglosen, nahezu eingefroren Gesichtszüge, die spröde, widerborstige Aura harmonieren dabei aufs Beste mit der Nüchternheit und der subtilen Tiefgründigkeit des neuen deutschen Films, der auch unter dem Label „Berliner Schule“ bekannt ist und maßgeblich von Christian Petzold geprägt wird. Petzold besetzt Hummer 2005 in Gespenster und schreibt ihr ihre bis heute beeindruckendste Rolle auf den Leib. Wie eine Schlafwandlerin geistert sie hier gemeinsam mit Sabine Timoteo durch die unwirkliche Berliner Landschaft zwischen Tiergarten und Potsdamer Platz. Hummer spielt ein Waisenmädchen, das sich mit einer Ausreißerin anfreundet und auf einmal mit einer mysteriösen Geschichte konfrontiert wird, die vielleicht ihre eigene sein könnte. Gespenster beginnt mit einem flüchtigen Blick auf Hummers Gesicht, der, so Thomas Winkler in der Zeit, all das offenbart, „was Erwachsenwerden so mühevoll und zugleich so aufregend macht“.

Julia Hummer in Gespenster, 2005. Copyright: 2005 Schramm Film/Foto: Hans Fromm

Mit der Zeit bemerkt Julia Hummer, dass die Schauspielerei allein sie niemals ausfüllen wird: Sie entdeckt ihre Leidenschaft für die Musik, die Felix Randau in Northern Star von 2003 verewigt. Hummer spielt ein unbequemes Mädchen aus der norddeutschen Provinz, das den Ausbruch aus der miefigen Enge versucht und doch nur bis zum nächsten Häuserblock kommt. Eine dunkel-glänzende Akustikgitarre ist ihr steter Begleiter bei ihren Streifzügen und die darauf vorgetragenen Folk-Songs helfen ihr durch den Tag. Im Abspann des Films läuft einer ihrer Songs, den sie mit ihrer Band Sgt. Hummer aufgenommen hat. Über hundert Songs will Hummer mittlerweile geschrieben haben, einige hat sie auch auf kleinen Indie-Labels veröffentlicht – das Spektrum reicht von sympathisch geschrammelten, federleichten Pop-Titeln bis zu ruhigen melancholisch-beseelten Folk-Nummern. Sie singt über Jungs und sonderbare Geschichten – manchmal geht es in ihren Texten auch um Drogen.

„Gitarre spielen für Anfänger“

Da sie fürchtet, dass das Kino ihr zu wenig Zeit für die Musik lässt, meidet sie derzeit die Arbeit am Set. Hummer attestiert sich selbst zudem ein „Unbehagen gegenüber Autoritäten“, das ihr womöglich zusätzlich die Arbeit mit den Regisseuren verleidet. Dem Spiegel gesteht sie, dass sie sich beim Drehen wie ein „Tischler in der Kfz-Werkstatt“ fühlt – fehl am Platz. Nach Gespenster nimmt sie keine Hauptrolle mehr an und ist wochenlang für ihre Agentur nicht erreichbar. Stattdessen zieht sie es vor, von dem Geld zu leben, das ihr die Rolle in dem Petzold-Film eingebracht hat. Sie wird Mutter und tourt mit ihren wechselnden Bands durch deutsche Clubs. Selbstverständlich hat sie nie Gesangsunterricht genommen. Selbst zum Gitarrespielen will sie durch Zufall gekommen sein, das Spielen hat sie sich selbst beigebracht – mit dem Buch „Gitarre spielen für Anfänger“. Was Julia Hummer auch anfasst – es hat mit Leidenschaft und Authentizität zu tun. Sie besitzt das Zeug zum glamourösen Anti-Star und unverbogenem Jugendidol – eine geradlinig-geplante Karriere als Filmschauspielerin ist so ziemlich das Letzte, was zu ihr passt.

Lasse Ole Hempel
ist Kulturwissenschaftler und Journalist. Er arbeitet als Redakteur und Lektor in Berlin.

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September 2008
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