Norbert Kentrup

Norbert Kentrup im Interview mit Rory MacLean

Norbert Kentrup with Rory MacLean (behind)
Norbert Kentrup mit Rory MacLean (im Hintergrund)
Norbert Kentrup
mit Rory MacLean
Worin besteht die Verantwortung eines Schauspielers? Soll er die Weisheit verstorbener Dramatiker wie das Evangelium verkünden oder ihre Worte in den Herzen und Köpfen des Publikums lebendig werden lassen? Welche Rolle spielt das Publikum? Soll es still und passiv im Dunkeln sitzen oder sich einer möglichen Verwandlung durch ein Theatererlebnis öffnen?

Diese Fragen beschäftigten mich bei meinem Treffen mit Norbert Kentrup, Schauspieler, Regisseur und Mitbegründer von Shakespeare und Partner, dem Theaterensemble, das 1993 zum ersten Mal nach 350 Jahren im noch nicht ganz fertigen Londoner Globe Theatre auftrat. Seit drei Jahrzehnten ist Kentrup, der vorwiegend mit Schauspielen des englischen Barden arbeitet, eine leidenschaftliche und originelle Stimme in der deutschen Theaterszene.

„Bei Shakespeare und Partner – und der bremer shakespeare company davor – ging es darum, von Shakespeare zu lernen“, erzählt mir Kentrup bei einem Schaumkaffee in der Nähe vom Potsdamer Platz. „Er schrieb für seine Zeit moderne Schauspiele, aber auf Basis historischer Sujets. Auf die gleiche Art und Weise haben wir gelernt, ihn und sein Werk aus moderner Perspektive zu verstehen. Wir liefen nie Gefahr, Schauspiele fürs Museum zu inszenieren, weil er ein so moderner Autor war.“

Ich frage ihn, warum er glaubt, dass Shakespeare für das Publikum von heute noch relevant ist.

„Nehmen wir Timon von Athen, eines der Stücke, die wir auf unserer diesjährigen Tournee aufführen. Wir befinden uns gerade mitten in einer Kreditkrise, und in diesem Theaterstück dreht sich jedes Wort um Geldverschwendung. Oder Heinrich VIII, dessen Spielzeit am Admiralspalast gerade zu Ende gegangen ist. Der Originaltitel lautet All is True – alles ist wahr – und so, wie Shakespeare es geschrieben hat, heißt dies, dass es voller Lügen steckt. Das ganze Stück ist gelogen. Heutzutage wissen wir sehr wohl, dass die Politiker ihre Versprechen nicht einhalten. In dieser Inszenierung habe ich mich auf die Lügen konzentriert, daher die Relevanz für die heutige Zeit. Selbst Romeo und Julia ist modern.“

„Sind Liebesskandale denn nicht etwas überholt?“, frage ich, um ihn zu provozieren.

„Und wenn die jungen Liebenden – Romeo wie auch Julia – nun beide Frauen wären? Wie würden die Familien reagieren, wenn sie sich ineinander verlieben würden?“ Er erklärt: „In unseren Inszenierungen wechseln wir oft das Geschlecht, kehren damit Erwartungen um und passen das Stück an die modernen Gegebenheiten an – ohne im Text auch nur eine Zeile zu ändern.“

Kentrup hinterfragt und provoziert ständig, seine Arme wie ein Tänzer um sich schwingend. Er scheint vor kinetischer Energie zu sprühen, die seine Gedanken elektrisiert und seine wilden grauen Haarbüschel zu Berge stehen lässt.

Seine Laufbahn als Schauspieler begann in der Schule. „In dem Alter wird man Schauspieler, weil man selbstgefällig ist und will, das einen alle anschauen“, sagt er mit entwaffnender Ehrlichkeit. „Aber wenn es einem mit 20 immer noch so geht, dann ist man verloren.“

1970 kam er an die Städtischen Bühnen Bremen, wo er unter anderem mit Kurt Hübner, Klaus Michael Grüber und Rainer Werner Fassbinder zusammenarbeitete. „Ich hatte das Glück, bei diesem Ensemble einzusteigen. Ich kam mir vor wie Alice bei der Ankunft im Wunderland. Vergessen Sie nicht, dies waren die späten Sechziger und frühen Siebziger. Die Jungs waren sehr politisch. Sie hatten eine Botschaft zu vermitteln. Damals schien die ganze Welt im Umbruch, und ich war froh, ein kleiner Teil dieser Bewegung zu sein. Dies hielt mich davon ab, selbstgefällig zu werden.“

Als nächstes kam er zum Schauspiel Frankfurt und wurde Teil seines „Parlaments der Schauspieler“: Er las Manuskripte, studierte Budgets und lernte, wie ein Schauspieler ein echter Bestandteil eines Theaters sein kann, nicht nur eine bezahlte Arbeitskraft.

„Diese Jahre waren für meine persönliche Entwicklung sehr wichtig. Wir inszenierten Stücke und hatten damit großen Erfolg. Mir wurde bewusst, dass ich meine eigene Wanderbühne gründen und politische Schauspiele inszenieren konnte.“

Ungefähr zu dieser Zeit lernte Kentrup Samuel Wanamaker kennen, den amerikanischen Filmregisseur und Schauspieler, der nach Großbritannien zog, nachdem ihn das House Un-American Activities Committee auf die schwarze Liste gesetzt hatte. Wanamakers Traum war der Wiederaufbau von Shakespeares Globe Theatre in London. Er kam nach Deutschland, um einen Nachbau des Globe in Neuss bei Düsseldorf anzuschauen.

„Sam und ich begannen zu reden – er auf Jiddisch, ich auf Deutsch – und konnten nicht mehr aufhören. Es war Liebe auf den ersten Blick, er wurde mir wichtiger als mein Vater. Wir waren beide politische Wesen – als solche haben wir einander erkannt – und außerdem war ich die Sorte Schauspieler, die er im Globe auf der Bühne haben wollte.“

Ich bitte Kentrup, diese „Sorte Schauspieler“ zu beschreiben.

Copyright: Shakespeare und Partner„Ein freier und selbstbestimmter Schauspieler“, antwortet er. „Das ist nötig, denn auf der Shakespeare-Bühne ist man an drei Seiten vom Publikum umgeben und muss als Schauspieler darauf reagieren können.“ Er nimmt einen großen Schluck Kaffee. „Das Problem beim britischen und amerikanischen System ist seine hierarchische Struktur. Außerdem müssen britische und amerikanische Schauspieler im Fernsehen und in der Werbung arbeiten, um überleben zu können. Auch sind die Verträge viel zu kurz, so dass nie genug Zeit ist, um ein Ensemble mit guter Besetzung aufzubauen. Wie kann ein Schauspieler oder eine Schauspielerin unter diesen Umständen einen Sinn dafür entwickeln, im Mittelpunkt der Welt zu stehen, der für das Auftreten auf der runden Bühne notwendig ist?“

Kentrup deklamiert unvermittelt den Anfangsdialog von Heinrich V, inklusive Shakespeares Anweisungen für die Schauspieler.

„Das Londoner Goethe-Institut half Sam und mir, zusammenzukommen“, fährt er fort. „Die damalige Chefin der Kulturabteilung, Dr. Karin Herrmann, wollte Shakespeare ‚aus dem Ausland nach Haus‘ bringen, um den Engländern andere Möglichkeiten aufzuzeigen. Sie ermöglichte die Aufführung der Lustigen Weiber von Windsor – auf Deutsch – im Globe, als es sich noch im Bau befand. Dann bat mich Sam zwei Monate vor seinem Tod, den Shylock in einer englischen Inszenierung zu spielen. Ich konnte die Sprache nicht, aber zusammen mit dem Vorsitzenden des Globe überredete er mich. Ich lernte ein Jahr lang Englisch und trat dann 64 Mal im Kaufmann von Venedig auf.“

Ich frage Kentrup nach Beispielen für seinen Dialog mit dem Publikum.

„Im vierten Aufzug, erste Szene, denkt Shylock über Bassanios Angebot von 6000 Dukaten nach. Während ich erwog, ob ich die Dukaten akzeptieren oder mein Pfund Fleisch verlangen sollte, rief mir ein Texaner im Publikum zu, ‚Komm schon, Dicker, nimm das Geld und geh nach Hause‘. Ich musste auf ihn reagieren, also richtete ich die nächste Textzeile sozusagen als Antwort direkt an ihn ‚... Wär jedes Stück von den sechstausend Dukaten Sechsfach geteilt und jeder Teil ’n Dukat ...‘“

„Ein andermal führten wir den Mord an Desdemona auf ... im Gefängnis. Othello machte seine Arbeit nicht gut, und ein Publikumsmitglied sagte laut: ‚Der ist kein Profi.‘ Das ganze Publikum lachte, aber dann wurden alle ganz, ganz still. Der Mann im Publikum war ein Mörder. Ein solcher Austausch schafft energiegeladene, emotionelle Momente – und macht natürlich das ganze Stück viel direkter erlebbar.“

„Wie hält man einen Papageien ruhig?“ fragt mich Kentrup. „Man legt eine Decke über seinen Käfig. Allzu oft ist das beim Publikum heute genauso: es sitzt im Dunkeln und verhält sich still. Ich liebe die Schauspiele von Shakespeare, weil sie bei Tageslicht in der Runde aufgeführt wurden, wie auf dem Marktplatz. In meiner Arbeit kombiniere ich seine Stücke mit den Theorien von Robert Weimann und Dario Fo. Ich möchte die Interaktion mit dem Publikum verstärken, eine politische Beziehung zu ihm aufbauen. Ich spiele im Globe in einer globalen Welt.“

In den nächsten zwei Jahren geht Shakespeare und Partner mit Die Zwölfte Nacht, Heinrich VIII und Romeo und Julia sowie Die Brüder Grimm von Kentrups Lebensgefährtin Dagmar Papula in ganz Europa auf Tournee.

Rory MacLean
März 2009

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