Aus Liebe zum Spiel

Der Lehrer liebt Mascha, Mascha liebt Kostja, der wiederum liebt Nina, die liebt den Schriftsteller Trigorin, der jedoch nur sich selbst liebt. In Tschechows Stück Die Möwe wird viel geliebt – und vielleicht noch mehr gelitten. Es ist verzweifelt komisch und tragisch schön, aber ganz sicher nicht luftig leicht. Doch dann sitzt man im Berliner Deutschen Theater in der umjubelten Inszenierung des im Sommer 2009 verstorbenen Regisseurs Jürgen Gosch, und man hat das Gefühl, dass die Bühne da vorne ganz leicht wird und sogar anfängt ein wenig zu schweben.
Der Schauspieler Alexander Khuon spielt den Schriftsteller Trigorin, und Meike Droste die Mascha, und beide tanzen miteinander, vielleicht auch gegeneinander, auf jeden Fall betrunken, sehr betrunken sogar, und sie reden miteinander und natürlich aneinander vorbei. Und mit einem Mal sieht man da auf der Bühne nicht nur das Leben der beiden Figuren Trigorin und Mascha , sondern auch ihre Zukunft
Ein junges, unverbrauchtes Gesicht
Alexander Khuon ist einer der Stars im Ensemble des Deutschen Theaters in Berlin, einem der besten Theater Deutschlands. Regisseure und Kritiker sind sich gleichermaßen einig: Der 30 Jahre alte Schauspieler steht vor einer großen Karriere – auf jeden Fall am Theater und vielleicht auch im Film. Dazu braucht es Glück, bei allem Talent. Sein erster Kinofilm war schon einmal ein ziemlicher Glücksfall, die Verfilmung des Bestsellers Die Entdeckung der Currywurst des deutschen Schriftstellers Uwe Timm.
Die Handlung spielt am Ende des Zweiten Weltkriegs in Hamburg. Lena, eine Mittvierzigerin, lernt den jungen Marinesoldaten Hermann kennen. Sie nimmt ihn mit zu sich. „Du kannst bleiben“, sagt sie nach ihrer ersten Nacht. Als der Krieg vorbei ist, verheimlicht sie ihm die deutsche Kapitulation, um das Glück ihrer Liebe noch etwas festzuhalten. Der Film hat Charme, Wärme und Menschlichkeit. Über 100 000 Zuschauer wollten ihn sehen, was für eine kleine Produktion ein Erfolg ist. Die Kritiken waren gut, auch die für Alexander Khuon. Ein neues junges, unverbrauchtes Gesicht, schön, aber nicht gewöhnlich. Ein Gesicht, das nicht alles auf den ersten Blick verrät.
Harte Arbeit und viel Disziplin
Alexander Khuon sitzt in der Kantine des Deutschen Theaters in Berlin. Gestern hat er noch gedreht, morgen fangen die Proben für sein neues Stück an. Wie schafft man es, Theater und Film unter einen Hut zu bekommen? Wie bleibt man weiterhin ein gefragter Theaterschauspieler und bekommt im Film die spannenden Rollen? Kann man neben der Liebe zum Theater sich so einfach auch in den Film verlieben?
Vielleicht. Es ist auf jeden Fall anstrengend, das Verlieben. „Es geht an die Grenzen“, erzählt Khuon. „Wenn man wie ich weiter in einem Ensemble spielt und oft auf der Bühne steht, ist es schon logistisch eine Herausforderung, noch die Drehtage unterzubringen. Bei uns am Deutschen Theater organisiert das Betriebsbüro unglaublich gut meine Termine. Trotzdem gibt es Phasen, wo das Hin und Her kaum zu schaffen ist.“ Es gehe am Ende nur mit harter Arbeit und viel Disziplin. Das Handwerk hat Khuon an der Schauspielschule Leipzig gelernt, sein erstes Engagement hatte er am Schauspiel Köln, nach nur wenigen Spielzeiten ging es weiter nach Berlin, ans Deutsche Theater.
Das Privileg, Schauspieler zu sein
Schauspieler ist für Alexander Khuon mehr als nur ein Beruf. „Ein Traum, wenn das nicht so abgenudelt klingen würde.“ Besser also, es ist ein Privileg. „Eben sitze ich noch in der Kantine und unterhalte mich darüber, wie mein Fußballverein VfB Stuttgart gespielt hat und im nächsten Moment stehe ich auf der Bühne und da passieren mir Dinge, die einem auf der Straße nicht passieren.“ Am Theater gehe es ans Eingemachte, man stoße Türen zu seiner Gefühlswelt weit auf. „Ich bin dafür, dass man sich hundertprozentig der Sache ausliefert. Mit allem, was einem zur Verfügung steht – auf der Bühne oder im Film“, sagt Khuon.
Dabei hätte sich der Schauspieler auch andere Berufe vorstellen können, Journalist vielleicht, da hatte er sogar schon ein Praktikum bei der Neuen Presse in Hannover gemacht, aber das Theater spielte einfach von Anfang an eine zu große Rolle im Alltag der Familie Khuon. Kein Wunder, denn sein Vater ist der Intendant Ulrich Khuon, einer der renommiertesten Theaterleiter Deutschlands. „Ich habe schon mit fünf Jahren kleine Rollen am Theater übernommen“, erzählt der Sohn, „da war es beinahe eine ganz natürliche Entwicklung, auch ans Theater zu gehen.“ Auch seine zwei Jahre jüngere Schwester, Nora Khuon, hat einen starken Bezug zum Theater, sie ist Dramaturgin geworden.
Eher noch ein Flirt
Es wird also nicht so schnell passieren, dass Alexander Khuon in zwei, drei Jahren nur noch Film macht. Klar verdiene man gutes Geld beim Film, aber viel wichtiger sei, die Balance zu finden, findet er. Er will nichts Beliebiges machen. „Es gibt so ein paar Kriterien, nach denen ich versuche rauszufinden, was das für ein Film werden könnte: Ist das Drehbuch gut? Wer ist der Regisseur? Was machen für Kollegen mit?“ Ein Schauspieler, der in seichten Filmen mitspielt, wird von ehrgeizigen Theatermachern kaum mit den großen Rollen belohnt werden. Im Augenblick sagt Alexander Khuon Filmsachen lieber ab, wenn sie mit dem Theater kollidieren.
Alexander Khuon hat sich wohl noch nicht so richtig in den Film verliebt. Es ist bisher eher ein Flirt. Damit daraus mehr werden kann, muss es vor der Kamera irgendwann so sein, wie es mit Jürgen Gosch war, dem bisher wichtigsten Regisseur in der Karriere Alexander Khuons: Man arbeitet, man sucht, arbeitet noch mehr, gibt sich ganz hin, findet etwas und plötzlich: hebt man ab und schwebt.
Tobias Asmuth ist freier Journalist in Berlin.
Copyright: Goethe-Institut e. V. , Online-RedaktionOktober 2009











