Heike Makatsch

Die große Schwester der Nation

Heike Makatsch bei der Pressekonferenz zum Hilde, 2008. Copyright: 2008 Warner Bros. Ent.
Heike Makatsch bei der Pressekonferenz zum Hilde, 2008. Copyright: 2008 Warner Bros. Ent.
Heike Makatsch ist eine der gefragtesten und mit den meisten Preisen ausgezeichneten Schauspielerinnen Deutschlands. Sie war für den Emmy nominiert, räumte mehrfach bei der Bambi-Verleihung, dem Bayerischen Filmpreis und bei der Goldenen Kamera ab und spielt die Hauptrolle in einer der größten deutschen Kinoproduktionen überhaupt: Hilde, ein Film über das Leben der deutschen Chanson-Ikone Hildegrad Knef.

Kaum eine deutsche Kinoproduktion war so teuer und kaum ein Film ist so auf seine Hauptdarstellerin zugeschnitten wie Hilde. Wer ins Kino geht, tut es vor allem wegen ihr: Heike Makatsch. Der Film markiert den bisherigen Höhepunkt ihrer Karriere. Für diese Rolle hat sie hart gearbeitet: Ein Jahr lang hat 1971 geborene Schauspielerin Gesangsunterricht genommen, um den Tonfall der Knef zu treffen, sie hat Recherchen betrieben und sich jede ihrer Gesten genau eingeprägt. Sie beherrscht den forschen Gang ebenso wie das ansteckende Lachen und die rauchige Stimme des Originals.

Zudem sieht sie ihr unglaublich ähnlich; die blonden Haare, die leuchtenden Augen und die markanten Gesichtszügen, all das zeichnet auch Makatsch selbst aus. Keiner sieht auf der Leinwand mehr die Makatsch: aus Heike wird Hilde. Dabei ist sie eigentlich einst für ihre eigene Persönlichkeit und ihre Natürlichkeit berühmt geworden.

Sie trifft das Lebensgefühl ihrer Generation

Im Alter von 22 Jahren wird die gebürtige Düsseldorferin, Tochter einer Lehrerin und eines Eishockeytorwarts, das Vorzeigegesicht des Musiksenders Viva. Als ausgeflipptes Girlie mit bunten Haaren tobt sie durch das Jugendfernsehen der 1990er-Jahre. Nicht nur ihr neuartiger, frischer Moderationsstil fällt auf, vor allem ist sie eines: ganz nah dran an ihrem Publikum.

Szene aus Hilde. Copyright: 2009 Egoli Tossell Film/MMC IndependentWenn sie spricht, spürt man mehr als nur das Bemühen um Echtheit. Es geht nicht darum, was sie sagt, sondern darum, wie sie es sagt und dass sie sich traut, ganz offen von ihren Träumen und Ängsten zu erzählen. Immer wieder trifft sie so das Lebensgefühl ihrer Generation. Schnell wird das Mädchen mit den bunten Zöpfen, das munter drauf los plappert, zur Stilikone und zur „großen Schwester der Nation“.

Die erste Rolle: Eine lispelnde „Knackibraut“

Trotz ihrer Popularität und ihres Erfolges will Makatsch schon bald mehr als nur moderieren. Regisseur Detlev Buck ist der erste, der ihr den Sprung vom TV-Bildschirm auf die Kinoleinwand zutraut und besetzt sie 1996 für eine Rolle in seinem Spielfilm Männerpension. Und die große Schwester erweist sich als gar keine so schlechte Schauspielerin. In Bucks Komödie gibt sie die das lispelnde Schlagersternchen Maren, das in einen Gefängnisinsassen verliebt ist. Dabei bleibt Makatsch genauso sympathisch und ungekünstelt wie die quirlige Heike aus dem Musikfernsehen. So fällt sie trotz Nebenrolle auf und avanciert zum Shootingstar des Jahres. Für ihr Kino-Debut als „Knackibraut“ wird sie mit dem Bambi und dem Bayerischen Filmpreis ausgezeichnet.

Bucks Film ist das perfekte Sprungbrett für eine Schauspielkarriere; es folgen weitere Rollenangebote. Durch Auftritte in Filmen wie Doris Dörries Bin ich schön?, Bucks Liebe Deine Nächste oder Max Färberböcks Aimee und Jaguar wird man schließlich auch international auf sie aufmerksam. So spielt sie in Tatsächlich ... Liebe die flirtende Sekretärin Mia an der Seite von internationalen Stars wie Hugh Grant, Colin Firth und Keira Knightley.

Herausstechende Nebenrollen

Makatsch tritt in all den deutschen und internationalen Produktionen zwar meist nur in kleineren Nebenrollen auf und spielt Figuren, die ihrem eigenen Naturell sehr ähnlich sind. Genau dadurch verleiht sie ihnen aber eine Authentizität, die sie immer wieder hervorstechen lässt.

Der deutsche Regisseur Dieter Wedel ist schließlich derjenige, der in Heike mehr als das freche, aber nette Mädchen für Nebenrollen sieht, sondern das Potenzial zu einer ernsthaften Charakterdarstellerin. Er gibt ihr in dem TV-Mehrteiler Die Affäre Semmeling ihre erste Hauptrolle und liegt mit dieser Entscheidung – im wahrsten Sinne des Wortes – goldrichtig. Die Familiensaga über die privaten und beruflichen Irrungen und Wirrungen einer Politikerfamilie verhilft Makatsch zu dem wichtigsten deutschen TV-Preis, der Goldenen Kamera. Zahlreiche historische TV-Mehrteiler mit ihr in der Hauptrolle folgen.

Vom Girlie zur Charakterdarstellerin

Ob in Das Wunder von Lengede über die dramatische Rettung von Bergarbeitern bei einem Grubenunglück, in dem sie die Frau eines Verschüttenden verkörpert, oder in Margarete Steiff, einem Film, in dem sie eine körperbehinderte Frau spielt, die im 19 Jahrhundert vielen Widerständen zum Trotz mit der Produktion von Stofftieren Karriere macht: Alle Charaktere spielt sie glaubhaft und all ihre Filme werden mit Preisen ausgezeichnet.

Ihre Filmografie der vergangenen Jahre zeigt nicht nur ihren steilen Aufstieg auf der Karriereleiter und ist ein Spiegelbild ihres gestiegenen Anspruchs. Außerdem wird deutlich: Das Girlie aus dem Musikfernsehen ist endgültig erwachsen geworden. Obwohl sie als Teenieidol ihre Karriere im Bermudadreieck von Ruhm, Musikfernsehen und Girliebewegung begann, ist sie inzwischen eine gefragte Charakterdarstellerin.

Ruhiges Leben statt roter Teppich

Doch auch wenn sie wieder mit vielen Preisen und Auszeichnungen für Hilde rechnen kann, ist Heike Makatsch weit davon entfernt abzuheben. „Wenn mir unterwegs jemand sagt, dass er meinen letzten Film gut fand, freue ich mich, aber gleich danach weiß ich nicht, was ich antworten soll. Mich verunsichert so was“, verrät sie einer Zeitung.

Szene aus Hilde. Heike Makatsch und Willi Forst. Copyright: 2009 Egoli Tossell Film/MMC IndependentHeute lebt Heike Makatsch zusammen mit ihrem Mann, dem Keyboarder der deutschen Independent-Band Tomte, und ihrer zweijährigen Tochter Mieke Ellen in Berlin. Viel mehr weiß man über ihr Privatleben nicht. Sie schiebt lieber den Kinderwagen durch den Stadtpark, als auf roten Teppichen für die Presse zu posieren. Vielleicht ist diese unbefangene Bodenhaftung das Geheimnis ihres Erfolges: Denn dieser Hauch von Natürlichkeit, der sie schon als „große Schwester der Nation“ im Musikfernsehen auszeichnete und mit dem sie noch heute all ihren Rollen glaubhaft Charakter verleiht, den hat sie sich immer bewahrt hat.

Sonja Halbherr

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Mai 2009

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