Porträt Matthias Schweighöfer

Cooler Engel

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Matthias Schweighöfer hat bereits fast alle Höhen und Tiefen durchlebt, die zu einer Schauspielerkarriere gehören. Er hat gleich mehrere Personen der Zeitgeschichte gespielt – von Friedrich Schiller bis Rainer Langhans. Doch als gefeierter Jungstar steht er 2007 plötzlich ohne Engagement da. Inzwischen ist er wieder gut im Geschäft, gleichwohl will Schweighöfer in Zukunft unabhängiger von nationalen Rollenangeboten werden – auch ein Grund, warum er seine Fühler in Richtung USA ausstreckt.

Matthias Schweighöfer hat keine Angst vor historischen Stoffen. In den letzten Jahren hat der jungenhafte Schauspieler mit dem Engelsgesicht und den ungezügelten, stets etwas verwehten blonden Locken Rollen angenommen, bei denen so mancher Kollege weiche Knie bekommt. 2005 spielt er unerschrocken und voller Elan Friedrich Schiller und 2007 in Das wilde Leben den Kommunarden und 68er-Veteranen Rainer Langhans. Er mag große historische Stoffe und findet, dass die Deutschen immer noch keinen entspannten Umgang mit ihrer Geschichte gelernt hätten.

Nicht nur wenn Schweighöfer große Männer spielt, verabreicht er seinen Figuren eine gehörige Portion Leidenschaft, die sie das Äußerste wagen und den Mut aufbringen lässt, unüberwindlich scheinende Hürden zu überwinden. Oftmals spielt er sehnsüchtige Charaktere, die die Aura des Einsamen umweht – wie etwa jenen Kölner Rettungssanitäter, der von allen nur „Crash“ genannt wird und in Kammerflimmern (2005) wie ein Schlafwandler durch einen Moloch aus Unglück und Elend wandelt und dabei versucht, den Verzweifelten wieder auf die Beine zu helfen. Unnachahmlich die Art und Weise wie er in dieser Rolle einem Mädchen, das sich von einem Hochhaus stürzen und Selbstmord begehen will, lässig seine Jacke und ein paar Kippen hinschmeißt und extrem charmant in ein Gespräch verwickelt. Die Szenerie ist zum Heulen: Grauer Beton überall, ein kalter Wind, die Augen des Mädchens sind schwer verquollen und das Haar strähnig, während Schweighöfer wie ein schlaksiger, reichlich cooler Schutzengel erscheint und lakonisch kommentiert: "Mir passiert eh nie was."

Die Schauspielschule geschmissen

Als Sohn eines Schauspielerpaars wird Matthias Schweighöfer der Beruf quasi in die Wiege gelegt. Doch anders als die Eltern wird der 1981 im mecklenburgischen Anklam geborene Sohn letztlich nicht den klassischen Weg über das Theater gehen: Er schmeißt die renommierte Berliner Schauspielschule „Ernst Busch“ nach nur einem Jahr und zieht es vor, erste TV-Rollen anzunehmen. Dann geht es in rasendem Tempo bergauf; eine Zeitlang scheint es so, als wäre Schweighöfer im deutschen Kino und Fernsehen allgegenwärtig. 2005 wird er für Kammerflimmern als bester Nachwuchsschauspieler ausgezeichnet. Bereits zwei Jahre später befindet die Jury des Bayrischen Filmpreises den gerade 26 Jahre alten Schauspieler reif für die Auszeichnung als bester männlicher nationaler Hauptdarsteller – ehe er gezwungenermaßen eine Schaffenspause einlegen muss.

“Ich weiß, wie es ist, wenn ein Hype vorbei ist“, kommentiert Schweighöfer 2008 im Interview mit Stern.de rückblickend seine 15 Monate Arbeitslosigkeit. „Vielleicht hat man sich an mir satt gesehen“, mutmaßt er gegenüber der Welt. „Vielleicht war ich auch zu kompliziert. Ich bin eben auch wahnsinnig anspruchsvoll, was Angebote angeht. Sonst verdiene ich lieber kein Geld.“ Seine Unzufriedenheit und seine Unlust Kompromisse einzugehen, hat Schweighöfer schließlich dazu getrieben, ein neues Wagnis einzugehen: Er unterstützt als Produzent mit eigenem Geld Regisseur Nikolai Müllerschön und dessen Drehbuch zum Film Der Rote Baron (2008). Schweighöfer übernimmt selbst die Hauptrolle des legendären und nicht unumstrittenen deutschen Kampffliegers, der im Ersten Weltkrieg als Held verehrt wurde, und ahnt bereits vor der Premiere: „Für diesen Film kann man sicher auch was auf die Fresse kriegen.“ Mit einem Budget von 18 Millionen Euro und Joseph Fiennes in der Rolle als Richthofens Widersacher peilt die Produktion eine internationale Vermarktung des Films an. Im eigenen Land wird der Film aber nicht nur vom Feuilleton zerrissen – die Süddeutsche Zeitung will einen „verfilmten Modekatalog“ gesehen haben –, Der Rote Baron kann sich auch an den deutschen Kinokassen nicht recht durchsetzen und verschwindet bereits nach drei Wochen aus den Top 10.

Der Wunsch nach Unabhängigkeit

Schweighöfer zeigt sich trotz dieser ernüchternden Erfahrung begeistert von seiner Idee, sich Unabhängigkeit zu erarbeiten und künstlerisch neue Wege zu gehen. „Ende 2009 werde ich selbst meinen ersten Film drehen“, kündigt er der dpa an. Er schreibe gemeinsam mit Anita Decker, der Co-Autorin des Erfolgsfilms Keinohrhasen, an einem Drehbuch. Dabei steht Schweighöfer zurzeit fast ununterbrochen vor der Kamera. Mit dem bayrischen Kult-Schauspieler Joseph Bierbichler und der von den Kritikern verehrten Sandra Hüller spielt er in Rigor Mortis (Kinostart voraussichtlich 2009). Mit Spannung erwartet wird Mein Leben, die verfilmte Biografie Marcel Reich-Ranickis. Matthias Schweighöfer spielt in dem Fernsehfilm, dessen Ausstrahlung für das Frühjahr 2009 avisiert ist, den Literaturpapst als jungen Mann, im Alter von 20 bis 40. Auch die Aufgabe, eine lebende Legende zu verkörpern nimmt Schweighöfer mit der für ihn typischen Unbeschwertheit entgegen: Der Blonde freut sich, das intellektuelle Schwergewicht „mit schwarzem Haar und Glatze“ zu spielen.

Durch die Rolle eines deutschen Soldaten im Stauffenberg-Drama Walküre hat er 2007 Tom Cruise kennen- und schätzen gelernt. Die beiden halten viel voneinander; Schweighöfer attestiert dem amerikanischen Kollegen, ein „wirklich cooler Typ“ zu sein. Doch der Deutsche, der in Berlin-Mitte zu Hause ist, hat noch weitere Kontakte in die USA: 2009 kommt mit Night Train eine weitere US-Produktion mit Schweighöfer in die Kinos. Im Interview mit der Welt wiegelt Schweighöfer alle Spekulationen über eine anstehende Hollywood-Karriere erst einmal ab und gibt stattdessen ein eindeutiges Bekenntnis zum europäischen Kino ab: „Mich gibt’s da drüben in hundertfacher Ausführung, und nicht mal mit deutschem Akzent. Solange man hier auch Filme auf Englisch produziert, die man auch drüben zeigen kann, bin ich ganz entspannt.“

 

Lasse Ole Hempel
ist Kulturwissenschaftler und Journalist. Er arbeitet als Redakteur und Lektor in Berlin.

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September 2008
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