Johanna Wokalek

Die Unergründliche

Johanna Wokalek in Der Baader Meinhof Komplex  Copyright: Constantin-Film
Johanna Wokalek in Der Baader Meinhof Komplex  Copyright: Constantin-Film
Über mangelnde Präsenz kann sie sich kaum beklagen, vielleicht ist es ihr schon längst zuviel. Als Galionsfigur des RAF-Terrorismus Gudrun Ensslin sowie als fiktive Päpstin Johanna von Ingelheim war die Schauspieler an den größten und teuersten deutschen Filmproduktionen der letzten Jahre beteiligt. Für eine Schauspielerin ihres Kalibers sind solche spektakuläre Rollen keine Selbstverständlichkeit.

Die 1975 in Freiburg geborene Medizinertochter mag keine große Aufmerksamkeit, wirkt auch in ihrem Spiel oft nachdenklich und zurückgenommen. Ihre Figuren erarbeitet sie sich eher intellektuell als intuitiv. Doch dann „ist“ sie die Rolle und darin zu jeder Überraschung fähig. Die „spröde“ Wokalek kann selbstbewusst und spöttisch sein wie keine andere. Wenn sie ihr strahlendes Lächeln zeigt, bekommt jeder Film wie von Zauberhand eine andere Richtung.

Die Bühne als zweite Heimat

Johanna Wokalek gehört zu einer Reihe deutscher Schauspielerinnen, die vom Theater kommen und die Bühne als ihre zweite Heimat betrachten. Gleich nach dem Abitur wurde sie am Max-Reinhardt-Seminar in Wien aufgenommen und von keinem Geringeren als Klaus Maria Brandauer unterrichtet. Unter seiner Anleitung entwickelte sie ihre schauspielerische Maxime: „Das Wesentliche ist der Gedanke. Worte, die ich mir nicht selbst ausgedacht habe, zu meinen zu machen. Als wären sie in mir entstanden. Von mir gefühlt, empfunden und gedacht.“ Das Gegenteil wäre, sich in jeder Szene beweisen zu müssen. Wokalek bewies stattdessen ihr Talent in gefeierten Aufführungen von Alma – A Show Biz ans Ende in der Rolle der Wiener Femme Fatale Alma Mahler-Werfel, in Brechts Dreigroschenoper oder auch als Hauptmanns Rose Bernd. Für diese Rolle am Schauspiel Bonn erhielt die 24-Jährige 1999 den Alfred-Kerr-Preis.

Als Teil einer quirligen Frauenclique und mit Berliner Schnodderschnauze absolvierte sie in Aimée und Jaguar (1998) ihr Kinodebüt. Seitdem spielt Wokalek fast nur Hauptrollen. Hans Steinbichler besetzte sie in seinem modernen Heimatfilm Hierankl (2002), in dem ein junges Mädchen nach Jahren der Funkstille ihre zerstrittenen 68er-Eltern besucht und mit dem ehemaligen Liebhaber der Mutter eine zwielichtige Affäre beginnt. Die Rolle bescherte ihr den Bayerischen Filmpreis. Ein größeres Publikum sah von ihr zunächst nur die Füße: Neben dem deutschen Frauenschwarm Til Schweiger, zugleich Regisseur und Produzent, gibt sie in Barfuß (2005) die verhaltensauffällige Psychiatrie-Insassin Leila. In der reichlich unausgegorenen Behinderten-Romanze meistert sie die schwierige Aufgabe, dieses kindlich-naive Sterntalermädchen im Nachthemd nicht zur Karikatur verkommen zu lassen. Dank ihr erhielt der Film sogar einen „Bambi“.

Talent zur Selbstbeherrschung

Der Kontrast zu ihrer Rolle in Uli Edels umstrittenem RAF-Drama Der Baader-Meinhof-Komplex (2008) könnte nicht größer sein. Als lasziv-fanatische Gudrun Ensslin ist Johanna Wokalek fast schon zu sexy für eine Terroristin. Der Stern nannte sie gar „die eigentliche Sensation des Films“. Rauchend und fluchend gegen Gefängnistüren schlagend durfte sie endlich einmal vollen Körpereinsatz zeigen. Die gespenstische Szene, in der sich Ensslin mit ihrer von Martina Gedeck gespielten Zellengenossin Ulrike Meinhof argwöhnisch belauert, wurde vollständig improvisiert. Dabei fühlte sie kaum eine Verbindung zu der ebenfalls aus Süddeutschland stammenden Pastorentochter Ensslin: „Ich verstehe aus der Geschichte heraus diese Sehnsucht nach einer gerechteren Welt und auch den Kampf dafür. Aber ab dem Moment des Tötens ist sie für mich nicht mehr nachvollziehbar.“ Davon, dass ihr diese Frau „letztendlich so fremd ist“, ist im Film nichts zu spüren.

Johanna Wokalek in Die Päpstin  Copyright Constantin-FilmDie internationale Bestseller-Verfilmung Die Päpstin (2009) kam wiederum ihrem Talent zur Selbstbeherrschung entgegen, darf aber zugleich als ihre bisher schwerste Rolle bezeichnet werden. Das Drehbuch tut wenig dazu, der als Mann verkleideten Frau den Papstmantel etwas leichter zu machen. Der bei aller Präsenz doch recht zierliche Körperbau lässt sich auch durch eine kreisrunde Mönchstonsur („Das erste Mal, seit ich drei Jahre alt bin, trage ich meine Haare jetzt kurz“) nicht verbergen. Dennoch beeindruckt Wokalek durch die Darstellung eines festen Glaubens, den sie in Sönke Wortmanns Monumentalfilm gegen den religiösen Fanatismus des kirchlichen Mittelalters verteidigt – in einer kühnen Mischung aus weiblicher Selbstbehauptung und Entsagung, vor allem aber in steter Angst vor Entdeckung.

Am liebsten in Wien

Sieht man hier ein Stück der wahren, der unergründlichen Johanna Wokalek? Ihr persönliches Verhältnis zum Glauben hält sie wie alle Privatangelegenheiten geheim. Öffentliche Galas, zu denen sie wegen der vielen Auszeichnungen sehr oft gehen muss, absolviert sie als Teil ihres Berufs. Es gehört zum Rollenspiel, das ihr diese Arbeit überhaupt erst ermöglicht: „Man gibt einerseits alles, ist andererseits aber immer noch geschützt durch die Rolle.“ Am liebsten lebt sie noch immer in Wien („In dieser Stadt ist eine Atmosphäre, die so viel an Kreativität ermöglicht“), wo selbst die traditionell heiß verehrten Schauspieler der hiesigen Theaterszene ihre Ruhe genießen dürfen. Am legendären Burgtheater spielte sie bereits die Titelrollen von Kleists Das Käthchen von Heilbronn und Lessings Emilia Galotti, aber auch moderne Stücke wie Neil LaButes Some Girl(s). Die deutschen Filme, die Johanna Wokaleks Ausstrahlung und Spielfreude voll zum Tragen bringen, werden hoffentlich nicht lange auf sich warten lassen.

Philipp Bühler arbeitet als freier Journalist und Filmkritiker in Berlin.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
Dezember 2009

Links zum Thema

Weblog: Rorys Berlin-Blog

Rory MacLean Weblog
Wie lebt man sich in Berlin ein? Reiseschriftsteller Rory MacLean beschreibt sein neues Zuhause mit Scharfsinn und Humor.

Jugend in Deutschland

Mode, Musik, Outfit, politische Einstellung: Was genau macht Jugend und Jugendkulturen aus?