Boris Groys

„Richtige Eliten gibt es nicht mehr“ – Kulturphilosoph Boris Groys im Gespräch

Boris Groys; © privatBoris Groys; © privatAlle sprechen von Eliten – weil es sie nicht mehr gibt. Davon ist Boris Groys überzeugt. Mit Goethe.de sprach er über die elitäre Allmacht des Geldes, die Ohnmacht der Philosophen – und über die Kunst als vielleicht letzter Bastion der Avantgarde.

Herr Groys, wenn es nach Plato ginge, dann würden wir von einer Philosophenelite regiert. Angesichts schwelender Finanz- und Staatenkrisen: Wären Philosophen wirklich die besseren Manager?

Das glaube ich nicht. Unsere Gesellschaft ist leider so organisiert, dass in ihr nicht Wissen und Sprache, sondern Geld die entscheidende Rolle spielt. Und zum Geldverdienen haben die Philosophen einfach kein richtiges Talent.

Die Zeit der Eliten ist vorbei

Wand mit abgebröckelter Inschrift „Spitzenklasse“; © Thomas Köster

Die traditionellen europäischen Eliten waren relativ homogene Milieus, die sich durch eine bestimmte Kultur, Erziehung und soziales Benehmen auszeichneten. Dank dieser elitären Kultur unterschieden sie sich von der Masse. Wer zur Elite gehörte, konnte anhand von Sprache und Umgangsformen leicht identifiziert werden.

Derart homogene Milieus können in unserer Zeit meiner Meinung nach nicht mehr entstehen. Die Karrieren, die heutzutage nach oben führen, sind einfach viel zu heterogen. Wir haben erfolgreiche Sportler oder Fernsehstars, wir haben erfolgreiche Bankiers, ja: wir haben vielleicht sogar erfolgreiche Philosophen, aber ihre Karrieren, Milieus und Kulturen sind sehr unterschiedlich. Im traditionellen Sinn gibt es also gar keine Eliten mehr.

Taschenwerbung; © Thomas KösterTrotzdem ist der Elite-Begriff im öffentlichen Diskurs en vogue. Wovon reden wir eigentlich, wenn wir von Elite reden?

Was hat ein erfolgreicher Fußballspieler mit einer Operndiva gemein? Nur den Erfolg, das Geld und die Prominenz, und zwar in unterschiedlichen Bereichen des Lebens. Das meint man, wenn man heute über Eliten spricht: erfolgreiche Menschen, die finanziell gut ausgestattet sind, über politische oder wirtschaftliche Macht verfügen. Diese „Eliten“ sind genauso heterogen und pluralisiert wie die Gesellschaft insgesamt.

Die Avantgarde ist tot

Diese Entwicklung geht ja mit einer Aushöhlung des Elite-Begriffs einher. Heute vermittelt ein Elite Personalservice in Ostdeutschland Zeitarbeiter, eine Beziehungsagentur namens ElitePartner wirbt um „Singles mit Niveau“ ...

Webung für die Vermittlungsfirma „ElitePartner“ an einem Sonnenstudio namens „Bratpfanne“; © Thomas Köster... das gleiche gilt auch für den Avantgarde-Begriff. Es gibt ja sogar Firmen, die sich rühmen, Avantgarde-Möbel herzustellen. Diese Begriffe sind gerade deshalb im kommerziellen Umfeld gebräuchlich, weil das, was sie früher bezeichneten, de facto nicht mehr existiert.

Wir leben in einer kapitalistischen, auf Erfolg ausgerichteten Gesellschaft, und da hat messbarer Erfolg letztendlich immer etwas mit Geld zu tun. Letztendlich geht es immer darum, wer am meisten verdient. Gutes Geld kann man aber heutzutage verdienen, ohne gut ausgebildet zu sein. Das gilt nicht nur für Angehörige des Sport- oder Showbusiness, sondern auch für viele Unternehmer. Hier ist Ausbildung oft sogar hinderlich, weil sie von der eigentlichen Karriere ablenkt.

Auch Geist ist Geld

In Deutschland kristallisiert sich durch die Exzellenzinitiative mit ihren „Elite-Universitäten“ in letzter Zeit ein Verständnis aus, das Elite auch mit wissenschaftlicher Exzellenz und Bildung gleichsetzt ...

Buchcover zu „Lob der Elite“; © C. H. BeckAber auch hier hat Elite vor allem wieder damit zu tun, wer die meisten Drittmittel für Forschungsprojekte einwirbt. Hier überwiegen letztendlich doch wieder ökonomische Überlegungen.

Aber der Grundgedanke ist doch auch, durch Vernetzung und mithilfe von Fördergeldern Strukturen zu schaffen, die die Wissenschaft – und damit den Fortschritt – vorantreiben sollen ...?

Das ist, wie viele Gedanken, ein schöner Gedanke. Man muss aber genau untersuchen, wie er verwirklicht wird. Welche Fortschrittsidee liegt ihm zugrunde? Wohin soll dieser Fortschritt führen? Und da sind wir meiner Meinung nach ganz schnell wieder beim wirtschaftlichen Wachstum. Das ist die Logik der Gesellschaft insgesamt, also auch der Wissenschaft.

Die Kunst sozialer Utopien

Wie frustrierend! Bildet denn zumindest die künstlerische Avantgarde eine Ausnahme?

Ich denke schon. Hier versucht man teilweise nach wie vor, den Markt zu umgehen und die Kunst zu einem Ort zu machen, wo gesellschaftliche Utopien sozialer Organisation angeboten werden. So heterogen die Gesellschaften geworden sind, so leben wir ja nach dem Wegfall des Kommunismus doch in der homogenen politischen Welt des Kapitalismus. Die heutige Kunst versucht, Gegenprozesse und Gegenmodelle der Kooperation in Gang zu setzen, die soziale Alternativen aufzeigen: Das ist hier viel wichtiger, als einzelne Kunstwerke zu schaffen.

Hätten Sie hierfür Beispiele?

Website von „Fallen fruit“; © fallenfruit.orgViele. Es gibt Projekte in Berlin, London, New York: Das ist ein globaler Trend der aktuellen Kunst. In Kalifornien gibt es etwa das inzwischen internationale Projekt „Fallen Fruit“, bei dem ein Künstlerkollektiv Karten für Obdachlose und illegale Immigranten herstellt, auf denen aufgezeichnet ist, wo man kostenlos Obst bekommen kann, wo also die Früchte buchstäblich von den Bäumen fallen: nämlich an Orten, die nicht im privaten Besitz sind.

Darüber hinaus gibt es aber auch viele Künstler, die nicht bloß sozial engagiert sind, sondern durchaus auch analytisch mit dem Projekt der Kunst als sozialer Gestaltung umgehen, wie etwa Francis Alys, Alfredo Jaar oder Artur Zmijewski.

Zwischen den Stühlen ist es am bequemsten

Dieser utopischen Entwürfe eingedenk: Würden Sie sich eine Wiederkehr der Eliten in der Gesellschaft wünschen?

Haarfärbemittel „Excellence Creme“; © Thomas Köster

Was soll man sich da wünschen? Die Rückkehr der Eliten ist unmöglich. Ich glaube nicht, dass unsere pluralistische Gesellschaft sich irgendwann wieder homogenisiert. Ich glaube aber auch nicht, dass eine solche Homogenisierung gut wäre. Die heutige Heterogenität ist gar nicht schlecht, weil dadurch Freiräume für den Einzelnen entstehen.

Heute kann man zwischen allen Stühlen sitzen. Denn heute gibt es viele Stühle – und viel Raum, um es sich dazwischen bequem zu machen. Um zum Anfang unseres Gesprächs zu kommen: Der heutige, post-platonische Ort des Philosophen ist nicht in der Elite, sondern zwischen allen Stühlen.

Thomas Köster
stellte die Fragen. Bis 2005 lehrte er am Institut für Buchwissenschaft der Universität Mainz. Heute leitet er ein Redaktionsbüro und arbeitet als Kultur- und Wissenschaftsjournalist (Frankfurter Allgemeine Zeitung, Süddeutsche Zeitung, NZZ am Sonntag, Westdeutscher Rundfunk) in Köln.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
Mai 2010

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