Karen Schönwälder

Karen Schönwälder wünscht sich fächerübergreifende Migrationsforschung

Dr. Karen Schönwälder; Copyright: David AusserhoferDr. Karen Schönwälder; Copyright: David AusserhoferSie legt Wert darauf, wissenschaftliche Erkenntnisse und politische Positionen getrennt zu halten. Aber als unpolitische Wissenschaftlerin versteht sie sich nicht. Sie kann zum Beispiel beweisen, dass der behauptete Trend unter Migranten zu Abschottung und "Parallelgesellschaften" einfach nicht die Wirklichkeit wiedergibt.

Dr. habil. Karen Schönwälder ist Forschungsgruppenleiterin am Max-Planck-Institut zur Erforschung multireligiöser und multiethnischer Gesellschaften in Göttingen. Bis 2008 war sie Leiterin der Arbeitsstelle Interkulturelle Konflikte und gesellschaftliche Integration am Wissenschaftszentrum Berlin. 1959 geboren, ist sie in Kairo aufgewachsen, bevor ihre Familie wieder nach Deutschland kam. Sie hat in Marburg Politik und Geschichte studiert und promoviert, lehrte von 1992 bis 1997 an der University of London, bekleidete 2001 bis 2002 eine Gastprofessur in Haifa (Israel) und arbeitete in Bielefeld und Freiburg, bevor sie nach Berlin kam und die Leitung der Arbeitsstelle übernahm.

Forschungen zur deutschen und britischen Migrationsgeschichte

"Ich habe einen ganz guten Überblick über die Migrationsgeschichte Deutschlands und Großbritanniens nach dem Zweiten Weltkrieg", sagt sie. Das war ihr Ausgangspunkt für ihre heutige Forschungstätigkeit: Ihre Habilitationsschrift über die englische und deutsche Integrationspolitik von den 1950er bis in die 1970er Jahre ist ein "gewichtiges" Buch. 700 Seiten über ein Kapitel, das zumindest in Deutschland bis dahin wenig erforscht war.

"Ich konnte zum Beispiel nachweisen, dass vor allem für die Öffentlichkeit vorgegeben wurde, man habe es mit ‚Gastarbeitern’ und nicht mit Einwanderern zu tun – dabei wurde schon Mitte der 1960er Jahre in den Ministerien deutlich ausgesprochen, dass viele bleiben würden", sagt sie. Ein weiteres Ergebnis ihrer Studie: In den Anfangsjahren der EWG (später EU) hatte Deutschland ein großes Interesse, sich nach den Verbrechen des Nationalsozialismus und des Zweiten Weltkriegs in die westliche Gemeinschaft zu integrieren. Dafür war es wichtig zu zeigen, dass die Deutschen Ausländern nach demokratischen Normen behandelten. Da passte das Abkommen über die Anwerbung von italienischen Arbeitskräften 1955 gut ins Bild. Auch die Anwerbung von türkischen Arbeitskräften hatte einen außenpolitischen Hintergrund: Die Türkei ist NATO-Partner, deswegen strategisch wichtig, und für die deutsche Wirtschaft ein wichtiges Exportland.

Wohnen Migranten nur unter sich?

Warum die Politiker sich lange schwer damit taten zuzugeben, dass Deutschland ein Einwanderungsland ist, ist eine Frage, die illustriert, was die Wissenschaftlerin Schönwälder interessiert: Wie entwickelt sich eine politische Fragen? Wie kommen Entscheidungen zustande? Wie kommt es, dass irgendwann ein bestimmtes Problem in den Vordergrund tritt? Beispiel heute: Die These von den "Parallelgesellschaften" oder die Geschichte von den muslimisch geprägten Familien, in denen Frauen nur unterdrückt und alle Töchter zwangsverheiratet werden. "Tatsache ist, dass die mittlerweile obligatorischen Sprachkurse zu 65 Prozent von Frauen besucht werden – die meisten wollen etwas lernen, wollen sich in die Gesellschaft einbringen." Und eine Untersuchung zur ethnischen "Segregation" ergab, dass es in Deutschland nur wenige Viertel gibt, in denen die Angehörigen einer bestimmten Nationalität mehr als zehn Prozent der Bevölkerung stellen, sich also von "ethnischen Kolonien" kaum sprechen lässt. Dort, wo Migranten einen größeren Bevölkerungsanteil stellen, lässt sich feststellen, dass sie aus mehreren Herkunftsländern stammen. Eindeutig gibt es in Europa keine Strukturen, die mit der räumlichen Trennung "schwarzer" und "weißer" Wohnviertel in den USA vergleichbar wären, so Schönwälders Befund.

Wer setzt die Themen?

"Politik handelt nach anderen Maßstäben als Wissenschaft." Wissenschaft müsse gesellschaftlich relevante und öffentlich diskutierte Themen aufgreifen, Antworten anbieten, sich ihre Fragestellungen und Antworten aber nicht von politischen Debatten und Bedürfnissen diktieren lassen. Bei der Politik spielen Wählerstimmen eine Rolle, der Kampf um Mehrheiten, außenpolitische Rücksichten, von Medien gemachte Stimmungen.

"Wir betreiben hier am Wissenschaftszentrum Grundlagenforschung, also brauchen wir eine gewisse Distanz." Zur AKI gehören unter anderem Soziologen und Psychologen, die einen ganz unterschiedlichen wissenschaftlichen Hintergrund haben. Für die Zukunft aber wünscht sich Karen Schönwälder noch mehr fächerübergreifende Arbeit. "Wissenschaft ist im Allgemeinen in Disziplinen aufgeteilt, dabei lässt sich Migrationsforschung sinnvoll am besten interdisziplinär betreiben, zusammen mit der Ethnologie, der Politikwissenschaft, der Zeitgeschichte, der Bevölkerungswissenschaft, der Städteforschung und anderen Forschungsrichtungen."

Die Ferne vom Alltagsgeschäft bedeutet nicht, dass ihre Erkenntnisse nicht auch den Entscheidern nützlich sein können. Im Gegenteil – die Arbeitsstelle interkulturelle Konflikte und gesellschaftliche Integration will Ansprechpartner sein für politische Akteure, für Journalisten. Und auch die Vermittlung wissenschaftlicher Ergebnisse an eine breitere Öffentlichkeit ist Karen Schönwälder ein Kernanliegen: "Dazu gehört es auch, wo immer möglich in allgemein verständlichem Deutsch zu schreiben." Die AKI hat darüber hinaus mit ihren Forschungsbilanzen Beispiele dafür vorgelegt, wie Erkenntnisse der Forschung gebündelt vorgelegt, und so auch einem nicht spezialisierten Publikum zugänglich gemacht werden können.

Volker Thomas
ist freier Journalist in Bonn und Berlin und leitet in Berlin eine Agentur für Text und Gestaltung

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Januar 2008

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