Pigor

Rory MacLean im Interview mit Pigor

Photo: David Baltzer
Photo: David Baltzer
Hitler starrt in seinen Badezimmerspiegel, salutiert sich selbst und macht sich bereit für die Morgenrasur. „Eva, wo ist mein Rasierapparat“? ruft er zur Klavierbegleitung. „Aber dieser Bart in meinem Gesicht. Heute rasier ich ihn ab, und zwar rücksichtslos“, singt er und streicht sich das Kinn. „Oder lieber nicht.“

Der Liedermacher Pigor ist einer der provokativsten Interpreten auf der deutschen Bühne. Frech, spritzig und geistreich, war er der erste Deutsche, der einen „komischen Hitler“ ins Theater brachte. In Zusammenarbeit mit Comicautor Walter Moers und Animationsfilmer Felix Gönnert wurde seine Kreation zur Parodie Adolf, Die Nazisau mit 20 Millionen Klicks auf YouTube.

„Hitler, das Eau de Cologne für den Mann: Das riecht ungeheuer imposant – und nach Schäferhund“, singt Pigor als der Führer im Badezimmer, klatscht sich Aftershave auf die Wangen und salutiert sich wieder selbst.

Thomas Pigor wuchs in einem musikalischen Haushalt in Unsleben im tiefsten Bayern auf. Er spielte Geige, während seine Schwester ihn auf dem Klavier begleitete, seine Mutter die Gitarre zupfte und sein Vater – der Tierarzt war – die Flöte blies. Die Liebe seines Vaters zu den großen Wiener Kabarettisten der Fünfziger – vor allem Gerhard Bronner, Helmut Qualtinger und Georg Kreisler – weckte Pigors eigene Leidenschaft für diese Verbindung von Musik und Wortwitz. Als er mit 16 Jahren an einem französisch-deutschen Austauschferienlager für Jugendliche teilnahm, entflammte diese Leidenschaft endgültig.

„In Frankreich kam ich mit Parisern zusammen, durch die ich Georges Brassens, Serge Gainsbourg, Boris Vian und politisches Songwriting kennenlernte“, erzählt mir Pigor bei unserem Treffen in seiner Berliner Wohnung. „Wir waren drei junge Gitarristen mit zwei Gitarren und begrüßten uns wie die französischen Studenten mit: ‚Je suis anarchiste. Et toi?‘“ frotzelt er schmunzelnd. „Nach dem Sommer kam ich nach Unsleben zurück und durchsuchte die Schulbücherei nach Büchern über den Anarchismus, fand aber keine“.

Die Meister des modernen Chansons – besonders Brassens mit seiner eleganten Mischung aus bestechendem Humor und Rhythmus sowie Vian mit seinen literarisch anspruchsvollen, nachdenklichen, theatralischen Liedern – prägten Pigor. Als Student in Würzburg begann er mit Straßenmusik, spielte dabei aber nicht die übliche Kost an englischen Popsongs, sondern deutsche Originallieder.

„Ich bekam eine Gänsehaut, als ich zum ersten Mal einen deutschen Popsong von Udo Lindenberg hörte“, erinnert er sich. „Ich dachte: ‚Das ist meine Musik. Das ist meine Sprache. Die sollte man nicht trennen‘“.

Pigor schloss als Diplom-Chemiker ab, doch nach einem Jahr tiefen Nachdenkens gab er die Wissenschaft für seine Kunst auf.

„Das musste einfach sein“, meint er mit einem Lachen. „Obwohl ich inzwischen wünschte, ich hätte all diese Energie nicht in die Chemie, sondern in Klavierunterricht gesteckt“.

In den nächsten 15 Jahren bemühte sich Pigor mit seiner Fünf-Mann-Musiktheatergruppe College of Hearts um eine Erneuerung der deutschen Chansonszene. An kleinen Bühnen im ganzen Land produzierte er Musicals mit Titeln wie New York muss brennen, King Kurt, Casanova, Blutiger Honig und Der Gestiefelte, ein freches Rotlichtmärchen über den Gestiefelten Kater.

Photo: Thomas Nitz„In Deutschland gibt es schätzungsweise 800 kleine Theaterorte, von der klassischen Kabarettbühne in der Großstadt bis hin zu den vielen Verrückten auf dem Lande, die es schaffen, mit wenig Mitteln und viel persönlichem Engagement in ihren Kellern und Scheunen ein regelmäßiges Kulturprogramm auf die Beine zu stellen. Die Bedeutung dieser Szene wird meist völlig unterschätzt. Weder in der Medienöffentlichkeit, noch im nationalen Kulturselbstverständnis, nicht einmal in der Szene selbst gibt es ein Bewußtsein über die flächendeckende Verbreitung dieser kulturellen Aktivitäten. Ich kenne keine Untersuchung, aber ich schätze mal, wir haben jeden Abend auf den deutschsprachigen Kleinkunstbühnen mindestens soviel Zuschauer wie 3sat.”

„Kleine Theaterformen, Lesungen, Kabarett, Comedy, Chanson, Figurentheater für Erwachsene usw., das alles fällt unter den abwertenden Begriff ‚Kleinkunst‘, was klingt wie Kleingärtner, Halbmarathon oder Küssen ohne Zunge. Diese Szene ist an Ausdrucksformen viel reicher, als es die Wort-Solisten, die es bis ins Fernsehen schaffen, vermuten lassen.“

„Dabei gehört Kleinkunst und Kabarett zur deutschen Kultur wie der Fado zu Portugal und je weiter man wegfährt, desto klarer ist den Menschen die Marke: Berlin - 20er Jahre - Cabaret. Dass diese Szene heute noch quicklebendig ist und dass genau dort der vielvermisste deutsche Humor in allen seinen Schattierungen zu finden ist, fällt in den nationalen Kulturdebatten jedoch häufig unter den Tisch, weil das altdeutsche Apartheidsystem, das zwischen E-Kultur (E wie ernst) und U-Kultur (U wie Unterhaltung) unterscheidet, vielerorts immer noch nicht überwunden ist“.

Photo: Linn MarxPigor zog 1985 nach Berlin und begann nach einiger Zeit, regelmäßig mit dem Pianisten und Komiker Benedikt Eichhorn im Duo aufzutreten. Neben dem Hitler-Song schrieb er Dutzende weiterer populärer Lieder, u.a. den Rap Nieder mit I.T., den Reggaesong Heidegger, in dem die Gedanken des Philosophen erst ent- und dann doppelt verwirrt werden (Das Fragen dieser Frage hat als Fragen nach natürlich sein Befragtes, Gefragtes, Erfragtes…). Er schrieb Opern und Kindermusicals und gründete die „Showband“ Pigor und die Pigoretten, eine ironische Anspielung auf Claude François et les Clodettes in Frankreich.

Seit 2011 schreibt Pigor ein Chanson des Monats und spielt es für SWR2 und den Deutschlandfunk ein. In jeder Sendung nimmt er sich einen Aspekt aus dem aktuellen Zeitgeschehen vor und bringt auf bemerkenswerte Weise die Menschen bei trockenen Themen zum Lachen, so dem Länderfinanzausgleich und der um fünf Jahre verspäteten Eröffnung des Flughafens Berlin Brandenburg Willy Brandt. In Anbetracht des Namens weist Pigor darauf hin, es sei kein Wunder, dass das größte Problem des Flughafens die Brandschutzanlage ist.

„Hätten wir ihn Marlene Dietrich Airport genannt , hätten wir jetzt, keine Frage, Probleme mit der Schließanlage“, witzelt er.

„Das Material fällt mir zu, und ich arbeite schnell, um aktuell zu bleiben“, sagt er. Neben vielen anderen Auszeichnungen haben Pigor & Eichhorn den Deutschen Kleinkunstpreis und den Österreichischen Kabarettpreis gewonnen.

Pigor singt mit Witz und Weisheit, schweift zu unerwarteten Themen ab, begeistert und erstaunt mit seinem bissigen Humor sein Publikum bei nicht weniger als 100 Konzerten im Jahr. Sein unverkennbarer Stil, bei dem Wort und Musik gleichwertig sind, lassen an einen komischen Wolf Biermann denken, an einen weniger zweideutigen Bob Dylan oder an einen Tom Lehrer mit Hang zur Schauspielerei. Vor allem aber ist Pigor mit einem liebenswürdigen, lebensbejahenden Sinn für Spaß gesegnet – und einem tiefen Verständnis dafür, was es heutzutage heißt , Deutscher zu sein.

„Meine Arbeit ist vollkommen anders als die der großen Staatstheater“, meint er mit „E“ für „Ernst“. „Ich will mich nicht von den Zuschauern distanzieren. Ich möchte mit ihnen in einen Dialog treten, ihnen körperlich und emotional nahe sein. Das nenne ich keine simple „U-Unterhaltung“.

Rory MacLean
Januar 2015

Übersetzt von Susanne Mattern

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