„Guter Journalismus findet immer Käufer“
Seit fünf Jahren haben junge Erwachsene zwischen 20 und 35 Jahren in Deutschland ein Magazin und damit eine geistige Heimat: NEON ging 2003 mit dem Slogan „Eigentlich sollten wir erwachsen werden“ an den Start und definierte damit erstmals ein vor sich hinwaberndes Lebensgefühl dieser Generation zwischen Studium und erstem Job, zwischen erstem Kind und Fernbeziehung, zwischen „Wie führe ich Gehaltsverhandlungen?“ und „Wo kann ich noch gut Party machen?“. Mit einer Auflage von 150.000 ging der junge Ableger des Stern aus dem Verlagshaus Gruner + Jahr an den Start und stellte in seiner ersten Ausgabe selbstbewusst die hundert wichtigsten jungen Deutschen vor. Die Mischung zwischen Understatement und Trendsetting kam an. Mittlerweile hat das monatliche Magazin eine Auflage von über 230.000 Exemplaren, 20 redaktionelle Mitarbeiter für Print und drei für Online. Sitz der Redaktion ist München.
Anders als andere Magazine
NEON ist in der Tat anders als andere Magazine für eine junge Zielgruppe. NEON stellt mehr Fragen, als dass es Antworten gibt, denn „das Leben in diesem Altersabschnitt tut das auch“, sagt Timm Klotzek, einer der beiden Chefredakteure. „Kriege ich einen Job?“ „Kann ich meinen Job behalten?“ „Soll ich heiraten?“ „Wann ist der richtige Zeitpunkt für ein Kind?“ „Soll ich noch mal ins Ausland gehen?“ „Wie merke ich, dass jemand der richtige Partner für mich ist?“ Die Phase zwischen 20 und 35 Jahren ist vor allem geprägt von einem Gefühl von Unsicherheit. NEON spiegelt dies. Das Magazin macht sich nicht schlauer als seine Leser. Reportagen liefern einen anderen Blickwinkel auf die Welt, sind aber nie oberlehrerhaft. So war NEON eines der ersten deutschen Magazine, das eine Reportage über die Afrikaner in den Wäldern vor Melilla machte, die teilweise seit Jahren auf ihre Überfahrt nach Europa warten und im rechtslosen Niemandsland ihr Dasein fristen.
NEON entdeckte auch die Geschichte von Benjamin Prüfer, der nach einer gemeinsamen Nacht in Phnom Penh seinen mit dem HI-Virus infizierten Flirt Sreykeo nicht ihrem Schicksal überließ, sondern sich kümmerte und sie schließlich heiratete, um sie für die bessere Behandlung nach Deutschland zu holen. Gepaart sind solche Geschichten mit einer Menge aktueller Infos über die neuesten Bücher, Filme, Computerspiele, Bands – und mit Kolumnen, die der Zeitschrift einen ganz eigenen Touch geben. So schrieb zu Anfang Schauspielerin Heike Makatsch regelmäßig über Dinge, die man noch erfinden müsste, um sich den Alltag zu erleichtern, ein anderer Mitarbeiter darüber, wie er sich durch verschiedene Institutionen und ihre Regularien kämpft. Besonders beliebt sind die Momentaufnahmen, in denen auch Leser kurz eine kuriose Beobachtung aus dem Alltag erzählen können, und die aus bunt zusammengewürfelten Fakten dargereichte Rubrik „Unnützes Wissen“ – nicht zuletzt, weil diese Formate in anderen Magazinen häufig kopiert werden.
Zeitschrift mit Community
Ein anderer wesentlicher Teil für den Erfolg von NEON ist seine medienübergreifende Strategie. Die Website zur Zeitschrift war eine der ersten mit Community: Hier können nicht nur Artikel nachgelesen werden, sondern die User können auch selbst Texte schreiben und sich vernetzen. Und manchmal werden dann daraus wieder Artikel. „Wir schauen, worüber die Leute schreiben und was bei anderen Usern kommentiert und gelesen wird – unsere tägliche Marktforschung sozusagen –, damit wir uns nicht nur auf unser 20-Personen-Redaktionsgefühl verlassen. In ziemlich vielen Rubriken werden die Leser dann auch Gestalter des Heftes“, erklärt Klotzek.
Timm Klotzek hat NEON erfunden und entwickelt. Der 36-Jährige stammt aus Frankfurt am Main und hat Journalismus als Berufswunsch erst mit der Schülerzeitung entdeckt. „Mit 15 wusste ich noch nicht, was ich werden will“, sagt er und hält eigentlich die ganze Erfolgsgeschichte manchmal immer noch für Zufall. NEON bekam 2006 den Lead-Award, Klotzek selbst und der zweite Chefredakteur Michael Ebert wurden vom führenden Branchenmagazin zu den „Journalisten des Jahres“ gekürt. Zwar ist Klotzeks Karriere in den Augen anderer stringent: Nach seinem Studium an der Deutschen Journalistenschule in München und regelmäßiger freier Mitarbeit bei jetzt, dem Jugendmagazin der Süddeutschen Zeitung, war Klotzek mit 28 Jahren bei jetzt kurzfristig Deutschlands jüngster Redaktionsleiter. Aber dann wurde er auf einen Schlag arbeitslos, weil der Verlag das Magazin einstellte: „So eine Entlassung ist wirklich nicht lustig, aber das sollte niemanden daran hindern, mit noch mehr Ehrgeiz neu anzufangen und noch besseren Journalismus zu machen.“ Das sah man auch woanders so: Klotzek bekam einen Anruf von Gruner + Jahr aus Hamburg und wurde mit der Konzeption eines neuen Magazins beauftragt. NEON entstand.
Chance in der Krise
Natürlich kann solch ein Magazin nur mit entsprechenden Finanzen und gewährter Freiheit durch einen großen Verlag im Rücken entstehen. Aber genau das macht neue Produkte, auch wenn sie erfolgreich sind, angreifbar. „Man kann sich nie sicher sein, dass etwas funktioniert“, sagt Klotzek und verweist auf die Parallelität der Medienkrise von 2002, der jetzt zum Opfer fiel, und der jetzigen. Doch Klotzek ist kein Journalist, der jammert. „Die Krise ist auch eine Chance, auf dass sich neue Dinge durchsetzen. Man konkurriert ja nicht nur mit anderen Printprodukten, man buhlt vor allem um die Zeit der Leute.“ Nischenprodukte gibt es jedoch gerade zuhauf, gedruckt und im Internet. Wer soll das denn alles lesen? „Ich glaube, dass für gut gemachten Journalismus auch noch lange Zeit ein Markt besteht, auf dem man sehr viel Geld verdienen kann. Aber man muss identifikatorisch wirken, eine Welt treffen, dann findet man auch treue Leser. Das verlangt auch einiges von Medienmachern ab. Gut so.“ Der 36-Jährige geht gar mit seiner eigenen Generation hart ins Gericht: „Viele junge Journalisten sind zu stromlinienförmig. Nicht wenige Geschichten, die vorgeschlagen werden, sind unleidenschaftlich recherchiert. Da gucken sich die Leute das Heft an und fragen sich, hmm, wie krieg’ ich da meine Geschichte rein, wie kann ich da vorkommen als Autor, und wundern sich dann, wenn sie abgelehnt werden. Leute, die eine Idee haben und mit Leidenschaft dafür kämpfen, gibt es leider viel zu wenige.“
Ziemlich graue Haare bekommen hat Klotzek in letzter Zeit. Endlich erwachsen geworden? Es sieht so aus. Derzeit arbeitet er an der Konzeption für ein Magazin für junge Eltern und „Lohas“. Es soll im April 2009 erstmals erscheinen. Arbeitstitel: Nido.
Kerstin Fritzsche
ist Journalistin und Literaturredakteurin des hannoverschen Stadtmagazins Stadtkind Hannovermagazin.
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Dezember 2008









